
Münchens OB Dieter Reiter
„München ist Afrika!“ Der frisch gekürte Geschwister-Scholl-Preisträger Achille Mbembe (Kritik der schwarzen Vernunft, Suhrkamp) (Foto, m.) bedankt sich. Abweichend von seinem Redemanuskript, bedankte sich am Montagabend Preisträger Prof. Dr. Achille Mbembe spontan und herzlich für den Preis, bei der Jury, für die Gastfreundschaft, bei seiner Frau, bei seinem Laudator Prof. Paul Gilroy: „Der Preis ist für uns alle!“ Draußen klatschte der Novembersturm die Äste gegen die Scheiben, drinnen klatschte das Publikum in der voll besetzten Großen Aula der Ludwigs-Maximilians-Universität.
Bereits am Vormittag hatten Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins Bayern, und Dr. Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Stadt München, den Historiker und politischen Philosophen den Medien vorgestellt. Die Stadt München und der bayerische Börsenverein verleihen den Geschwister-Scholl-Preis seit 1980 jedes Jahr. Küppers zeigte sich froh über die vor einigen Jahren getroffene Entscheidung, den Preis auch für außereuropäische Autoren zu öffnen. Er bezeichnete Mbembe als „einen der originellsten Denker unserer Zeit“.
Diesem Prädikat machte der Preisträger schon im Vorgespräch alle Ehre, indem er einige Kostproben seiner unkonventionellen Sichtweisen gab. So proklamierte er, Afrika sei prädestiniert, der Kontinent für Einwanderer aus aller Welt zu werden, und nannte als Beispiele die 18.000 Portugiesen, die nach Angola zurückgekehrt seien oder die eine Millionen Chinesen, die demnächst erwartet werden.
Afrika müsse sich für sich selbst öffnen; wie in der präkolonialen Zeit dürfe es keine Einschränkung der Bewegungsfreiheit innerhalb des Kontinents geben. Man könne Afrika nicht von der allgemeinen Weltgeschichte trennen, im Gegenteil: „Es ist wie ein Fenster. Von dort sieht man die Zukunft.“
Geboren in Kamerun, studierte und promovierte er in Frankreich, lehrte dann an Hochschulen in den USA. Heute lebt, lehrt und schreibt er in Südafrika. Er fühle sich in jedem Land Afrikas zu Hause.
Michael Then freute sich, dass Mbembe mit seinem Buch die Reihe der auf Kant aufsetzenden Meister- und Weiterdenker fortsetze – nach Sartre (Kritik der dialektischen Vernunft) und Sloterdijk (Kritik der zynischen Vernunft). Mbembe bekräftigte: Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden habe eine große Aktualität – wenn man die ökologische Situation unseres Planeten bedenke und wenn man die gesamte Menschheit einbeziehe.
Münchens OB Dieter Reiter, so war überall im Saal zu hören, verfügt zwar nicht über die rhetorische Brillanz des früheren OB Christian Ude, hat sich aber in seiner Stadt durch sein beherztes Auftreten gegen die ersten Zuckungen von Pegida und bei der Aufnahme der Zehntausenden von Flüchtenden großen Respekt verschafft. So nimmt man ihm dann auch nicht übel, wenn er Frantz Fanon (Die Verdammten dieser Erde) einfach zum Franzosen macht. Fanon stammt aus Martinique, was damals französische Kolonie war. Mbembe und Gilroy zollen dem bahnbrechenden, geradezu legendären Vordenker des Anti-Kolonialismus ihren Respekt und setzen sein Werk fort. Die in der Aufklärung formulierten Menschenrechte haben um Afrika einen Bogen gemacht; die Entwicklung des Kapitalismus hat die schwarzen Menschen zu Negern gemacht, reduziert auf verdinglichte Arbeitsfaktoren. Seit 1948 sind die Menschenrechte für alle deklamiert, die Apartheid in Südafrika ist abgeschafft, aber – so Mbembe – wir müssen verhindern, dass eine neue Art von Apartheid große Teile der Weltbevölkerung „afrikanisiert“. Es gebe keinen Fleck auf unserer ganzen Erde, der nicht Spuren von Afrika, Spuren von Afrikanern trage. Auch in München war das zu spüren. Nach diesem Buch kann kein aufmerksamer Zeitgenosse mehr die Augen von Afrika abwenden.
Ulrich Störiko-Blume