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Peter Mathews: „Es war erschreckend, wie nah wir der Realität gekommen sind“

Immer freitags ab 14 Uhr hier ein Autorengespräch: Heute mit Peter Mathews, ehemaliger Rowohlt-Werber, Taschenbuchverleger aktiver Krimi- und Sachbuchautor. Er hat zusammen mit Benno Köpfer einen Roman dtv /Reihe Hanser geschrieben. Das Buch erschien am 26. August und bekam gleich Lob vor allem von Leuten, die sich mit dem Thema Islam /IS / Terror auskennen.

Aus einer Rezension von Rolf Rische, Deutsche Welle: „… Ein Glücksfall, dass sich der Islamwissenschaftler Köpfer und der Schriftsteller Mathews für dieses Buchprojekt zusammengetan haben. Der Roman berührt und bestürzt, vermittelt Kenntnis und Erkenntnis. Das (Jugend)buch stellt schwierige Fragen, ohne einfache Antworten zu liefern. Die Geschichte von Kadir ist ein fesselnder und überzeugender Roman. Ein Roman, der zu wahr ist, um (im landläufigen Sinne) schön zu sein.“

Worum geht es in Ihrem Buch?

Peter Mathews

Es geht um die erschreckend einfache und nicht mit einem Satz zu beantwortende Frage: warum wird ein 16-jähriger junger Mann, der in Hamburg aufgewachsen ist , Fußball spielt, ein Terrorist? Kadir, so heißt der junge Türke, ist plötzlich verschwunden, und sein deutscher Freund Mark sucht ihn und nach den Gründen seiner Reise.

Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen? Kennen Sie die Szene?

Der Anstoß kam von Benno Köpfer, der als Analyst beim Verfassungsschutz alles über diese – meist jungen Männer weiß, aber immer wieder vor dem Problem steht: Wie sage ich es jungen Leuten, was es mit dem IS und deren Ideologie auf sich hat. Antje Buhl und Frau Leja-Zimmermann haben uns dann verkuppelt. Ich konnte meine Erfahrung als Krimi-Autor und meine Kenntnisse von Islam, der Türkei und dem Nahen Osten einbringen, denn ich bin mit Necla Kelek oft dort gereist. Außerdem habe ich meinen Sohn zehn Jahre lang jedes Wochenende zu seinen Fußballspielen begleitet. Darüber musste ich auch mal schreiben.

Das Buch ist sehr authentisch geworden. Die Dialoge der Islamisten, die Szenen in der Türkei oder in Rakka sind zwar erfunden, aber wahr. Wir haben Dutzende von Lebensläufen studiert, Chatprotokolle gelesen , stundenlang Videos geguckt. Ich bin sicher, das spürt man beim Lesen.

Manchmal erscheint das, was im Buch steht wie den realen Ereignissen nacherzählt…

Wir haben im Frühjahr 2015 mit dem Buch begonnen und haben das Manuskript im Herbst abgeschlossen. Beim Schreiben war es zum Teil erschreckend, wie nah wir der Realität gekommen sind. Das Buch beginnt mit einem angekündigten Anschlag auf das St. Pauli-Stadion, einige Monate später passierte exakt so etwas in Paris, bis hin, dass Anfang dieses Jahres ein Video aus Rakka auftauchte, in dem ein 16 jähriger Fußballer aus Hamburg klagt, dass es beim IS doch ganz großer Mist ist.

Eine Woche später war er tot. Die Analyse der Denkungsart und die sich daraus ergebenen Handlungslinien der Protagonisten sind vorhersehbar und kommen nicht über Nacht. Eine Blitzislamisierung gibt es nicht. Das hat alles seine Geschichte. Unser Buch ist der Versuch aus Dutzend verschiedenen einen Lebenslauf nachvollziehbar zu machen. Im Roman ist alles erfunden, aber wahr, das heißt authentisch bis in die Dialoge. Ja , es sind „Einzeltäter“, aber ihr Ideologie macht sie zu Soldaten, sie glauben, die Welt sei in gut und böse oder gläubig und ungläubig einzuteilen.

Und was raten sie Lehrern, Eltern oder Freunden, wenn sie den Verdacht haben, dass jemand sich radikalisiert?

Wir haben einen Roman geschrieben , der spannend bis zur letzten Seite ist, man lernt etwas über den Islam, Terrorismus und andere Lebenswelten. Aber es ist kein Ratgeber.

In unserer Geschichte läuft es ab, wie in den meisten Biografien. Die Jugendlichen isolieren sich auf Druck der neuen islamistischen Freude, angeregt durch Propaganda im Internet oder aus Überzeugung von ihrer gewohnten Umgebung. Sie verschwinden zunächst „geistig“ in einer anderen Welt, bevor sie tatsächlich ausreisen. Der einzige Weg scheint, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Im Gespräch bleiben. Da treffen dann im besten Fall die unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinander. Ein guter Anlaß, sich mit diesem Buch zu streiten und Argumente auszutauschen. Ansonsten muß man den Salafisten begegnen, wie man Nazis begegnen würde, durch Aufklärung und eine klare Abgrenzung.

Als alter Werber wissen Sie doch bestimmt, wie das Buch an den Leser kommen soll?

Ehrlich gesagt nein. Ich glaube die Buchhändler und der Verlag wissen das besser. Ich würde mir wünschen, wenn wir junge Leute, Eltern, Lehrer mit der Geschichte für das Thema erreichen und neugierig machen können. Um als Werber zu sprechen, die Zielgruppe sind Leser ab Klasse 10, ihre Lehrer und Eltern.

Wir haben die Geschichte bewußt aus der Perspektive von Mark erzählt. Der Freund des Terroristen, der mehr Fragen als Antworten hat und der sich im Laufe der Handlung zum ersten Mal mit Islam, Terror und Tod beschäftigt, weil er hofft, seinen Freund retten zu können. Das Buch ist eine Aufforderung, das Gespräch zu suchen.

Wie ist es, zusammen ein Buch zu schreiben?

Ich mache das ja nicht zum ersten Mal. 1985 habe ich zusammen mit Norbert Klugmann mein erstes Buch geschrieben. Es hieß „Beule oder wie man einen Tresor knackt“. Und das hat uns und den Lesern Spaß gemacht.. Damals war Norbert der erfahrenere Schreiber, und es ging in einem Ping-Pong, Satz für Satz, besser Kapitel für Kapitel hin und her. Jeder durfte den anderen korrigieren wie er wollte.

Mit Benno war es anders. Er ist der Fachmann, der mir aus dem Stand auch noch die letzte Feinheit des Arabischen, des Islam oder der Orte in Syrien erklären konnte. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass man den arabischen Schriftzug „Salafi“ auch als „Selfi“ lesen kann oder warum die Muslime Katzen, aber nicht Hunde lieben.

Die Zusammenarbeit mit einem anderen Autor hat große Vorteile. Man ist nicht allein, kann den anderen mit Fragen nerven, die man nicht mal seiner Geliebten zumuten würde. Man teilt die Arbeit, das Geld und den Ruhm. Aber Geld und Ruhm sind vergänglich. Was mich besonders freut, der Roman funktioniert wie ein Überraschungsei: Spannend bis zum Abpfiff auf der letzten Seite, er macht klüger, wenn man will und eine Katze kommt auch drin vor.

In der letzten Woche befragten wir Friedrich Ani [mehr…]

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