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„Kein Prosit der Gemütlichkeit“

Vor ein paar Tagen fiel mir mein Biologielehrer Herr S. wieder ein. Ein sehr guter Lehrer. Kurz vor dem Abitur fragte ihn eine Mitschülerin, ob er, wäre er nochmal 20, wieder diesen Beruf ergreifen würde. Seine Antwort fiel ebenso knapp wie überraschend aus: „Auf keinen Fall. Zu wenig Progression.“

Roland Große Holtforth (© Sabine Felber)

Absagen und Apathie

Letzte Woche las ich einen Kommentar zur Absage der Leipziger Buchmesse und ihren Folgen. Da war die Rede von der Sehnsucht nach persönlichen Begegnungen und vom schweren Stand der Frühjahrsprogramme. Dann ertappte ich mich dabei zu prüfen, ob ich auch wirklich einen aktuellen Beitrag lese – und in diesem Moment dachte ich an Herrn S. Denn der Artikel war „aktuell“, bzw. sein Datum war es. Inhaltlich wirkte er aber wie aus der Zeit gefallen. Denn was vor einem Jahr noch nachvollziehbar geklungen haben mag, wirkte jetzt wie ein leeres Ritual. Dem Beitrag fehlte, was ihn hätte gegenwärtig machen können: der Wille, aus den beschriebenen Erfahrungen Konsequenzen zu ziehen; der Impuls, mit der neuerlichen Absage anders und „digitaler“ umzugehen, als dies vor einem Jahr vielleicht möglich war. 2020 ohne Leipzig war ein Schock für alle in der Branche. Die Absage 2021, der dritte Ausfall einer analogen Buchmesse binnen eines Jahres, war, so sehr er schmerzt, absehbar, nachgerade planbar. Dennoch wird auch dieser Ausfall oft quasi baugleich zu den vorherigen kommentiert. Zu wenig Progression.

Der Kampfgeist der Branche

Dabei ist die Buchbranche kreativ, kämpferisch, und deutlich innovativer, als es besagte Kommentare nahelegen. Es gibt großartige digitale Formate – aktuell etwa das Frühlingserwachen der Verbundgruppen oder das Festival zur Leipziger Buchmesse bei HeldenstückeLIVE. Für viele Verlage, Buchhandlungen und Autor*innen ist es inzwischen selbstverständlich, ja fast schon eine Tradition, dem Publikum digital Besonderes zu bieten. Was schmerzlich fehlt, ist die Klammer, die für Medien wie Leser*innen schlüssige Bündelung der Kommunikation. Und dass diese Funktion nicht nur in diesem, sondern vermutlich in jedem kommenden Jahr auch und gerade auf digitalen Wegen zu erfüllen ist, darf als gesichert gelten.

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Beide Buchmessen haben (auch) in diesem Jahr entschieden, „Präsenz im digitalen Raum“ für sich als sekundäres Thema einzustufen. Dies kann man aus der jeweiligen Binnensicht verstehen. Tatsache ist aber auch: Diese Entscheidungen haben Folgen. Sie bedingen einen Verlust an Sichtbarkeit, den sich die Branche kaum leisten kann und in jedem Fall nicht einfach in melancholischer Betroffenheit hinnehmen sollte.

Kooperationen, Standards und Kreativität auf drei Ebenen

Natürlich könnte man frei nach Fallada als neues Gesetz ausrufen: „Jeder kämpft für sich allein.“ Dann hätten aber vermutlich nicht viele Unternehmen, und unter ihnen nur sehr wenige kleine, wirklich etwas zu feiern. Und selbst die vermeintlichen „Gewinner“ dürften unter diesen Bedingungen deutlich weniger erreichen als mit einer gut vernetzten Branchenkommunikation. Also: Was tun?

Hier Pauschalrezepte verkünden zu wollen, wäre anmaßend. Sinnvoll dürfte es aber sein, Sichtbarkeit gleichzeitig über mehrere, miteinander vernetzte Ebenen herzustellen – nennen wir sie „groß“, „mittel“ und „klein“.

Groß, also für die ganze Branche denken lässt sich z. B. im Hinblick auf Medienpartnerschaften (auch jenseits öffentlich-rechtlicher Medien), die Nutzung bestimmter Plattformen für digitale Events, die Vernetzung und zumindest teilweise Standardisierung der Kommunikation etwa durch ein Set von Hashtags usw. Im Bereich „groß denken“ sind Verlagsgruppen, Filialisten und natürlich auch die Messen selbst gefragt. Gipfeldiplomatie ist hier vermutlich nicht der Weg zum Ziel, eher ein pragmatisches Networking der Operativen, wie es z.B. in den IGen des Börsenvereins ohnehin schon stattfindet. Schon ein paar einfache Standards könnten hier eine Menge bewirken.

Auf der mittleren Ebene schlägt die Stunde der Kooperationen. Individual-Reiseführerverlage wenden sich gemeinsam an den Buchhandel – wieso sollen sie nicht auch ihre digitalen Messeaktivitäten koordinieren? Verbundgruppen bilden eine Allianz bei der Fortbildung – wieso können sie nicht gemeinsam für „ihre“ Buchhandlungen ein Konzept für digitale Messevents entwickeln? Anknüpfend an die Standards der „großen“ Ebene, kann hier Tolles entstehen.

Mit „klein“ ist schließlich etwas besonders Wertvolles gemeint: die Ebene der einzelnen Verlage, der einzelnen Autor*innen, der einzelnen Buchhandlungen. Wenn hier Konzepte für digitale Formate entstehen, die das je Eigene, Besondere herausarbeiten und dann Strukturen der mittleren und großen Ebene als Verstärker nutzen – dann fängt das ganze Orchester über drei Ebenen richtig zu klingen an!

Persönliche Begegnungen sind die Kür – digitale Präsenz ist Pflicht

Das klingt naiv? Mag sein. Aber vielleicht ist die Hoffnung auf Kooperationen weniger naiv als der Glaube, ein Jahr ohne digitale (Messe-)Hypes sei für die Branche schon irgendwie zu verkraften. Es spricht natürlich nichts dagegen, sich Tag und Nacht auf persönliche Begegnungen zu freuen. Gleichzeitig spricht wirklich alles dafür, währenddessen voller Elan an der digitalen Präsenz des Buches als Medium und jedes einzelnen Titels zu arbeiten. Gemeinsam. Mutig. Sofort. Für mehr Progression.

Roland Große Holtforth ist Mitglied im Sprecherkreis der IG Digital und geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Literaturtest.

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3 Antworten

  1. Kein Prosit der Gemütlichkeit!
    Ein wirklich kluger Kommentar voller hoffnungsfroher Progression – ich darf das sagen, ich heiße so!
    Und wieder einmal hat Herr Große Holtforth den Beweis erbracht, wie wichtig und wertvoll gute Lehrer für ein ganzes gutes und gelingendes Leben sind – auch hier kann ich mitreden, ich hatte eine ganze Reihe guter Lehrer.
    Ich bin selber Lehrer geworden, nun bin ich ein ‚alter analoger Depp‘, aber ich kann und muss den Ideen und Argumenten des Verfassers ohne Abstriche zustimmen. Alle Beteiligten – von kleinen und großen Verlagen bis zum (jüngsten) Leser – werden das Buch nicht sterben lassen, egal ob in digitaler oder analoger Form, auf dem Reader oder klassisch auf Papier. Und nicht zuletzt die Lehrer müssen alles ihnen Mögliche tun, damit die jungen LeserInnen das Buch schätzen und bewahren.
    Es kommt nicht von ungefähr, dass Phlipp Keel und sein Diogenes Verlag gerade in diesen Tagen eine wirklich gelungene, zeitgemäße Neuübersetzung von Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ herausbrachten – für mehr Progression und Tradition zugleich.
    Ein herzliches Dankeschön für diesen wichtigen Weckruf von Herrn Große Holtforth, dem ich ganz viele LeserInnen wünsche.
    Dieter Klug, Wolfratshausen

  2. …ich meine ´sehr gut´, solch´ themenvernetzte Bestandsaufnahme von Herrn Große Holtforth zu lesen: ein akzentuierter Beitrag, aufrüttelnd, anregend und zugleich ermutigend – sogar mit konkreten „Schubsern“, wie die Umsetzung tatsächlich gelingen kann. Es wird kräftig seziert. Meinerseits nutze ich resilient den progressiven Hinweis „voller Elan“, und zwar „sofort“, an der digitalen Präsenz (m)eines Buches als quasi-auch-Siegertitel zu arbeiten – und vielleicht sogar evtl. BuchMarkt´s Interesse anzuregen. Exakt zu definierende Hürden stehen nach meiner aktuellen Erfahrung vor dem (selbstverlegenden) Autor (außerhalb der streng eingehegten, abgeschotteten Werbe- und Buchhandelswelt), so dass er absolut entmutigt sein müßte, auch wenn er nicht ganz ´´´unterrangig´ daherkommt. So jedenfalls stellt es sich für mich 2021 mit dem Deutschen Gartenbuchpreis (3.Platz Gartengeschichte sowie 1.Platz Sonderpreis STIHL) prämierten Titel „damit war die ganze Hexerei geschehen“ dar. Er reflektiert kreatives, weil exemplarische Arbeits- u. Lebenswidernisse besiegendes, Wirken des bislang vergessnenen Pflanzenzüchters Max Löbner (1869-1947), dem u.a. die im Frühjahr erblühende, frostharte Magnolia Loebneri verdankt wird. Also auch in diesem Sinne diese wohl durchdachte Zustimmung an Sie und Dank für Ihren Artikel! Mit freundlichen Grüßen, Andreas Schaaf

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