Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
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„Ein Schlag für die Buchbranche“: Wie oft kann man eine Großveranstaltung absagen, bevor sie in ihrer Existenz bedroht ist? Für die Leipziger Buchmesse ist das keine akademische Frage mehr. „Dass es nun trotzdem zur Absage kam, liegt an den Ausstellern. Man sei ja bereit gewesen, teilte die Messeleitung gestern mit, aber in den letzten Tagen habe es Absagen in einer Größenordnung gehagelt, die es unmöglich gemacht hätten, ‚die erwartete Qualität und inhaltliche Breite‘ zu garantieren. Man kann auch sagen: die Messe überhaupt zu finanzieren. Sicher sollte man den großen Verlagen, die abgesagt haben, nicht pauschal unterstellen, dies mit Blick auf die Kosten getan zu haben. Aber auch sie werden wissen, dass die Branche leidlich durch die bisherige Corona-Zeit gekommen ist, fast ohne Messen. Dass man so dem überall beklagten Verlust an Lesern nicht entgegenwirkt, steht auf einem anderen Blatt.
„Auf dem besten Weg in ein Krisengebiet“: Weit entfernt vom schwärmerischen Italienbild: Bodo Kirchhoffs Bericht zur Lage der Liebe. „Tatsächlich sind viele der besten Passagen des Buches weder abstrakt noch kompliziert, sondern eher weltlich. Sie handeln von Cordes, dem Medienmacho, der für seine Karriere den guten Menschen mimt, oder von einer Modenschau, bei der afrikanische Models in abgewetzten Klamotten und Schwimmwesten über den Laufsteg geschickt werden. Diese Szenen, in denen der Zynismus der Welt gnadenlos ausgestellt wird, sind bitter und lustig zugleich. Und trotz ihrer Unsäglichkeit viel glaubwürdiger als all die zahllosen Zufälle.“
Bodo Kirchhoff, Bericht zur Lage des Glücks. Roman (Frankfurter Verlagsanstalt)
„Am Tag des Todes“: Die Fotografin Bettina Flitner erzählt in Meine Schwester von einem Suizid in der Familie und dessen Vorgeschichte. „So ist das Schreckliche durchschossen vom Witzigen, und im höchstpersönlichen Einzelfall steckt auch ein Soziogramm der bundesrepublikanischen Gesellschaft der Sechziger und Siebziger. Vor allem aber ist das Buch mitreißend geschrieben, ohne aufgesetzt emotional zu sein, und gäbe es nicht einige erstaunliche chronologische Unstimmigkeiten, müsste man es ein perfektes Memoir nennen.“
Bettina Flitner, Meine Schwester (Kiepenheuer & Witsch)
„Irrenriss der Grundanstalt“: Er interessierte sich für Krisen und Krankheiten, besonders österreichische – und verarbeitete sie sprachspielerisch und manisch. Zum Tod des Schriftstellers Gerhard Roth. „Der 1942 in Graz geborene Roth, der nach einem abgebrochenen Medizinstudium und der Arbeit in einem Rechenzentrum Anschluss an die Avantgardisten des Grazer Forums Stadtpark fand und schließlich freier Schriftsteller wurde, sah sich früh inspiriert von der Verbindung von Arzt und Dichter: Er plante, seinen Weg zum Schreiben über die Medizin zu finden, ‚wie Benn, wie Döblin oder Céline‘.“
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„Leipzig las“: Die Rückzieher der großen Verlagskonzerne führen zur dritten und diesmal überraschenden Absage der Leipziger Buchmesse. Droht hier ein Kulturbruch? „(…) Es geht ernsthaft darum, ob die Leipziger Buchmesse, nachdem sie drei Jahre in Folge abgesagt wurde, überhaupt noch eine Zukunft hat. (…) Wenn man sich die Umsätze der Buchbranche im Allgemeinen und der Konzernverlage im Speziellen im dritten Jahr der Pandemie jetzt anschaut, scheinen sich die Befürchtungen auf das Dümmste zu bestätigen: Der Branche geht es bestens, Bücher verkaufen sich also offenkundig auch ohne Buchmessen. (…) Der deutsche Deal zwischen Öffentlichkeit und Verlagen lautet: Die Öffentlichkeit garantiert eine Geschäftsgrundlage und bekommt dafür ein lebendiges literarisches Leben, eine intellektuelle Gesellschaftsschicht, öffentliche Impulse. Sollte sich nun der Verdacht bestätigen, dass die Konzerne tatsächlich die Pandemie nutzen sollten, um der eigenen Bilanzen Willen die Leipziger Buchmesse über die Klippe zu stoßen, käme dieser Schritt einer einseitigen Aufkündigung dieses Vertrages gleich, einem Angriff auf die Infrastruktur des deutschen Geisteslebens, der in der Geschichte der Bundesrepublik ohne Beispiel wäre.“
„Was hätte man wann wissen müssen?“: Glückliche Zeiten mit dunklen Wolken: In ihrem Buch über den Verlust ihrer Schwester erweist sich die Fotografin Bettina Flitner als grandios lakonische Erzählerin. „Es ist ein Erinnerungsbuch. An die Kindheit, an Wunden, Schmerzen, Verluste, an Freuden, Abenteuer, schöne Reisen, Wurzellosigkeit, die ewigen Umzüge mit den Eltern. Aber von Anfang an, von der ersten Seite an wissen wir: Erst nahm sich die Mutter das Leben, dann die Schwester. (…) Für Bettina Flitner, die Fotografin ist und sich hier bei aller Empathie als grandios lakonische Erzählerin mit klar strukturiertem Blick erweist, erklären sich erst in der Erinnerung plötzlich unverständliche Begebenheiten, werden Andeutungen verständlich, die depressive Mutter! Man hätte es doch wissen müssen! Die unsichere Schwester! Wo hat man sie verloren, wo nicht genug aufgepasst?“
Bettina Flitner, Meine Schwester (Kiepenheuer & Witsch)
„Archivar der Abgründe“: Zum Tod des Schriftstellers Gerhard Roth. „Gerhard Roth, in Graz geboren, ist jetzt im Alter von 79 Jahren gestorben. Er war einer jener österreichischen Geistesmenschen, die so sehr an Österreich leiden, dass sie, bewusst oder unbewusst, stets dazu beitragen wollen, dieses seltsame Land besser, erträglicher, liebenswerter zu machen – aber erst, nachdem sie in seine Abgründe geblickt und diese öffentlich gemacht haben.“
„Die Welt so eng“: Warum hat die Liebe in der Politik nichts zu suchen? Juliane Rebentisch im Gespräch über die blinden Flecken Hannah Arendts – und ihre bleibende Bedeutung.
Juliane Rebentisch, Der Streit um Pluralität – Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt (Suhrkamp)
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„Immer in Richtung Abgrund blicken“: Zum Tod des großen österreichischen Schriftstellers Gerhard Roth. „Zu seinem 80. Geburtstag am 1. April hat S. Fischer den dystopischen Roman Die Imker angekündigt, ein 800-Seiten-Werk, in dem Roth einer Katastrophen-Fantasie parabelhafte Gestalt verleiht. Ein gelber Nebel zieht auf, der die Menschen buchstäblich in Luft auflöst. Aber nicht alle sind verschwunden, Roths Held Franz Lindner hat als Patient einer Einrichtung für psychisch beeinträchtigte Künstlerinnen und Künstler überlebt. Das Buch ist nun das Vermächtnis Gerhard Roths, der am Dienstag im Alter von 79 Jahren in Graz gestorben ist.“
„Eine Oberpleite mit Ansage“: Zum dritten Mal wird die Leipziger Buchmesse wegen der Pandemie vollständig abgesagt. „Muss man eine Oberpleite nicht auch einmal Oberpleite nennen? Während die Berlinale den kleinen Roten ausrollt und Theater auch in Hessen ankündigen, dass sie wieder mehr Publikum in ihre größeren Säle lassen dürfen, ist am Mittwoch die Leipziger Buchmesse 2022 komplett abgesagt worden. ‚Schweren Herzens‘, wie die Messe mitteilte, was man ihr anlässlich der dritten Absage in Folge glauben darf. (…) Man könnte (sonst) auf den Gedanken kommen, dass sich die Buchmessen – die von Rudelbildung leben, einem frei flottierenden Publikum – als eine veritable Hauptverliererin der Krise herausmendeln könnten.“