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Patrick Hertweck: „Hauptsache lesen?“ – Ein Meinungsbeitrag zur Kinderliteratur

Patrick Hertweck (Foto: Jörg Schumacher – einfachMedien)

Seit dem Siegeszug von Harry Potter wächst in der Kinder- und Jugendliteratur ein Genre, das vor allem eines bietet: Eskapismus mit Wohlfühl-Garantie. Was lange als Türöffner zum Lesen galt, ist längst zur Monokultur geworden – mit fragwürdigen Folgen für Fantasie, Empathie und literarischen Geschmack, meint Kinderbuchautor Patrick Hertweck. Wie aus immergleichen Erzählmustern Lesekonditionierungen werden und warum Kinder mehr brauchen als Wohlfühlzauber und sprechende Tierfreunde, erläutert er bei BuchMarkt.

Zuckerguss auf jedem Buchcover, ein Funke Magie pro Seite und das Versprechen: Alles wird gut, sofern die jungen Helden ihre geheime Gabe erkennen und sich den bösen Mächten stellen. Die Fantasy-Welle bestimmt seit Jahren, was Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene lesen. Werfen wir einen kritischen Blick auf eine Lesekultur, in der Vielfalt nur noch selten anzutreffen ist.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich war eigentlich keines dieser Kinder, das sich freiwillig durch tausend Seiten kämpfte, aber die Geschichte von Frodo Beutlin und seinem verhängnisvollen Auftrag in Tolkiens von nordischen Mythen und mittelalterlichen Heldensagen inspirierten Welt habe ich regelrecht verschlungen. Und später, in meinen Zwanzigern, erlag auch ich der Faszination eines heranwachsenden Jungen, der plötzlich erfährt, dass er ein Zauberer ist und ihm ein finsterer Magier ans Leder will.

Der Herr der Ringe und Harry Potter – diese beiden Werke sind für mich nicht nur herausragende Beispiele des Fantasy-Genres. Sie sind Weltliteratur. Nicht nur wegen der mitreißenden Handlung und ikonischen Figuren (wem müsste man heute noch erklären, wer Sauron, Rubeus Hagrid oder Hermine Granger ist?), sondern weil sie von Freundschaft und Verrat, Vertrauen und Verlust, Mut und Angst erzählen. Weil sie eine Geschichte des Erwachsenwerdens sind, mit all seinen Abgründen.

Millionen Leserinnen und Leser haben an der Seite dieser Figuren gelitten, geliebt, gezweifelt und Mut geschöpft. Bei der Lektüre stellte sich das Wunder des Lesens ein: für eine Weile in ein anderes Leben zu schlüpfen, mit fremden Augen zu sehen, mit fremdem Herzen zu fühlen – und Gedanken zu denken, die nicht die eigenen sind.

Ist das nicht die eigentliche Aufgabe von Literatur? Uns zu unterhalten, ja aber auch zu fordern, zu bewegen, zu verwandeln? Und vor allem: uns Empathie zu lehren?

Im Zauberwald der Gleichförmigkeit

Wer in den letzten Jahren eine Kinder- und Jugendbuchabteilung betreten hat, mag sich die Augen reiben: Die Regale quellen über vor Titeln, die sich in Farbwahl, Motiv und Schriftzug gleichen wie ein Ei dem anderen. Leuchtende Farben dominieren: tiefes Blau, warmes Gold, samtiges Grün – durchsetzt mit Lichtreflexen, Glitzereffekten und Ornamentrahmen. Die Titel prangen in geschwungenen, metallisch schimmernden Lettern über dem Bild – eine visuelle Einladung ins Fantastische, als wären selbst die Buchstaben verhext worden. Es wirkt, als hätten alle Illustrator:innen dieselbe kreative Gebrauchsanweisung erhalten: „Bitte bunt! Bitte magisch! Und auf keinen Fall verstörend!“

Motivisch lassen sich diese Cover grob in zwei Typen einteilen: Entweder steht ein naturverbundenes Mädchen mit wildem, signalrotem Haar im Mittelpunkt – der x-te Pippi-Klon, der der Zielgruppe mit dem Holzhammer vermitteln soll: Die Heldin taugt garantiert zur Identifikationsfigur, denn in ihr schlummern die Gene einer Rebellin. Oder es ist die klassische Freundesgruppe: ein Trio junger Abenteurer, das sich staunend über ein leuchtendes Artefakt beugt. Ihre Gesichter zeigen das vertraute Repertoire kindlicher Emotionen: Neugier, Erschrecken, Entschlossenheit.

Man gewinnt den Eindruck, als läge über allen Entwürfen ein unsichtbares Regelwerk: Mindestens ein funkelndes Element, ein verträumter Blick und eine geheimnisvolle Tür, Bibliothek oder ein verhexter Wald – Hauptsache, das Cover ruft mit Nachdruck: Hier wird gezaubert!

Und ebenso auffällig: Der Einzelband scheint eine aussterbende Spezies. Statt kompakter Geschichten stößt man fast ausschließlich auf Reihen – nicht in Form wohldosierter Trilogien, sondern als ausufernde Serien mit teils Dutzenden Bänden. Sie wirken wie dafür geschaffen, so lange fortgesetzt zu werden, bis entweder den jungen Leseratten die Lust vergeht oder der letzte Tropfen Magie aus dem Erzähluniversum gepresst ist.

Auch die Titel selbst tragen ihren Inhalt wie ein Namensschild vor sich her: Emma Charming – Nicht zaubern ist auch keine Lösung, Emily Windsnap – Das beliebteste Meermädchen aller Zeiten, Die Hüter der flüsternden Schlüssel, Die Akademie der Magie, Die Glücksbäckerei, Ruby Fairygale – Der Ruf der Fabelwesen etc. pp.

Man muss diese Bücher nicht gelesen haben, um zu erahnen, was zwischen den Deckeln geschieht. Ein Blick auf den Klappentext genügt, um seinen Verdacht bestätigt zu sehen: Ein gewöhnliches Kind entdeckt eine ungewöhnliche Gabe – und die ist selbstverständlich magischer Natur.

Das klingt überzeichnet? Leider ist es das nicht.

Ich nehme in diesem Artikel gezielt die neuere Kinderliteratur für Leser:innen zwischen neun und zwölf Jahren unter die Lupe, also jene Altersgruppe, die beginnt, selbstständig zu lesen, Bücher für sich zu entdecken und eigene literarische Vorlieben zu entwickeln. Und glauben Sie mir: Ich könnte hunderte Titel aufzählen, die diesem Schreiben-nach-Zahlen-Code folgen. Die oben genannte Auswahl ist nur ein exemplarischer Ausschnitt aus der Veröffentlichungsflut, die jährlich neue Ableger produziert – stets entlang derselben vertrauten Muster: vorhersehbare Handlung, begrenzter Seitenumfang, leicht verdauliche Sprache und Figuren, deren innere Konflikte sich nach drei Kapiteln in Wohlgefallen auflösen.

Und irgendwann stellt sich fast automatisch die Frage: Steckt hinter diesen Plots nicht längst eine KI? Eine, der man den Auftrag gegeben hat, hundert Variationen der Harry-Potter-Formel zu generieren – wahlweise mit sprechenden Tieren, magischen Portalen, verzauberten Gegenständen oder einem geheimen Internat?

Eine typische Geschichte klingt in etwa so: Ein Mädchen (gelegentlich auch ein Junge), das sich für völlig durchschnittlich hält, erfährt, dass es in Wahrheit eine Meerjungfrau ist, eine kleine Hexe, Gestaltwandlerin, Trägerin eines alten Erbes oder Hüterin eines rätselhaften Artefakts. Natürlich muss dieses „auserwählte“ Kind, zuvor ein Außenseiter, gegen eine dunkle Macht antreten, eine uralte Bedrohung abwenden und – wenn es gut läuft – entweder einen Wald voller gefährdeter Tierchen retten oder gleich die ganze Welt. Zur Seite steht dem Kind entweder ein weiser Mentor (Gandalf und Dumbledore lassen grüßen), der es in geheimes Wissen einweiht – oder eine streng geheime Akademie, in der die jungen Auserwählten ihre Spezialbegabungen zu meistern lernen. Und ja: Irgendwo wartet auch eine Freundschaft, die stärker ist als jede Schattenmacht.

Andere Romane wiederum fußen auf noch simpleren Konstruktionen: Sie bedienen sich unverblümt im Zauberladen der Weasley-Zwillinge, gründen Duftapotheken oder Glücksbäckereien und stricken aus verzauberten Süßigkeiten oder magischen Duftwässerchen ganze Buchreihen.

Vielfalt war gestern

Nun ließe sich all das mit einem Achselzucken abtun, wäre da nicht die bemerkenswerte Gleichförmigkeit dieser Geschichten. Nicht nur in ihrer Prämisse, sondern auch in ihrer erzählerischen Konstruktion.

Zurück zu Harry Potter: Was diese Reihe von ihren zahllosen Epigonen unterscheidet, ist nicht nur ihre literarische Tiefe, sondern vor allem ihre Haltung: Sie nimmt ihre Leser:innen ernst. Jeder Band erzählt nicht bloß ein weiteres Schuljahr, sondern ist eng mit den anderen verwoben. Zusammen formen sie ein großes erzählerisches Gewebe, das Themen wie Freundschaft, Angst, Tod, Verlust, Liebe, Schuld und Vergebung mit feinem Gespür aufgreift. Das macht Harry Potter nicht nur zu einem Buch über Magie, sondern zu einer Geschichte über das Menschsein.

Viele der heute populären Reihen wirken dagegen wie am Fließband produziert: austauschbar im Aufbau, vorhersehbar im Ton. Band reiht sich an Band, das Setting wird ein wenig umdekoriert, das Personal bleibt gleich, nur die Gegenspieler erhalten ab und an einen neuen Namen. Der Reiz liegt nicht in Entwicklung, sondern in der Wiederholung!

Wohlgemerkt: Gegen Unterhaltungsliteratur ist nichts einzuwenden. Im Vertrauen: Als Kind habe ich meist einen weiten Bogen um Astrid Lindgren, Otfried Preußler oder Michael Ende gemacht – Autor:innen, die heute als Klassiker gelten. Stattdessen verschlang ich die Abenteuer von Burg Schreckenstein und der Die drei ???. Und irgendwann – ich gestehe – auch die von Vampiren, Untoten und Dämonen bevölkerten und sicher nicht für Kinder gedachten John-Sinclair-Hefte.

Der Unterschied ist jedoch, dass das Angebot damals vielfältig war. Wer mit einer Detektivreihe begann oder in Groschenheften versank, konnte jederzeit nach links oder rechts greifen – und stieß dabei auf ganz andere Welten. Klassenkamerad:innen lasen parallel völlig unterschiedliche Bücher. Man tauschte sich aus, wurde neugierig, griff auch mal zu einem Titel, den man sich selbst nie ausgesucht hätte.

Ich erinnere mich an Bücher, die mich anfangs abschreckten, deren Welt grau, spröde, wenig einladend wirkte. Erstaunlicherweise ging gerade von einem Buch, das ich eben noch beiseitelegen wollte, nicht selten ein eigentümlicher Sog aus: kaum spürbar zuerst, dann unwiderstehlich.

Heute scheint es für Kinder ungleich schwerer zu sein, aus der eigenen Lesekomfortzone auszubrechen. Für jene, die überhaupt noch lesen – also nicht restlos an Bildschirme und soziale Netzwerke verloren gegangen sind –, bedeutet das gegenwärtige Überangebot an wohlkalkulierter Fantasy oft vor allem eines: literarischer Stillstand.

Denn wer seine ersten Leseerfahrungen ausschließlich mit Zauberschulen und magischen Kreaturen macht, findet oft kaum mehr hinaus aus jenen Buchwelten, in denen auserwählte Kinder mit Tieren sprechen können oder dazu bestimmt sind, das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen. Die jungen Leser:innen kleben regelrecht in einem Gespinst aus Zuckerwattegeschichten fest – weich, bunt, harmlos.

Das Problem ist nicht nur, dass sie kaum andere Bücher in die Hände bekommen. Sondern dass sie womöglich irgendwann gar nicht mehr in der Lage sind, andere Geschichten zu lesen. Solche, die leiser erzählen. Dunklere Töne anschlagen. Die erschüttern dürfen, herausfordern, unbequem sind. Literatur, die nicht nur streichelt, sondern bewegt. Die uns in Welten mitnimmt, in denen nicht alles gut ausgeht. Und die gerade deshalb lange nachhallt.

Wie konnte es so weit kommen? Was hat dazu geführt, dass im Kinder- und Jugendbuchbereich die Vielfalt zusehends ausgehöhlt wird? Ein zentraler Grund liegt in den Marktmechanismen: Zum einen reagieren sie auf Bedürfnisse, zum anderen formen sie diese auch. Und diese Dynamik macht auch vor dem Buchmarkt nicht halt.

Nach dem globalen Erfolg von Harry Potter entdeckten Verlage das Potenzial magischer Geschichten – und legten nach. Viele Autor:innen waren bereit, diesen Trend zu bedienen, nicht zuletzt, weil er eine der wenigen realistischen Chancen bot, überhaupt einen Verlagsvertrag zu ergattern. Und wer als Neuling den Weg durch die engen Schleusen des Literaturbetriebs finden will, muss eben oft schreiben, was gefragt ist. Angesichts der unsicheren Perspektiven in der Branche ist das nur allzu verständlich.

Im Erwachsenensegment ebbten ähnliche Trends wie die Flut historischer Romane in den 1980ern oder die Welle der Skandinavien-Krimis ab den 1990ern irgendwann ab – weil mit wachsendem Angebot die Erzählmuster immer vorhersehbarer wurden. Die Qualität sank, das Genre verflachte zur Masche – und schließlich erlahmte das Interesse. In der fantastischen Kinderliteratur trat ein vergleichbarer Kipppunkt bislang nicht ein.

Warum aber blieb hier dieser Effekt aus?

Im Gegensatz zu Erwachsenen betreten Kinder die Welt der Bücher ohne Landkarte – sie wissen schlicht nicht, was jenseits jener Fantasytitel liegt, die im Sog von Rowlings Erfolg entstanden sind: nach ähnlichem Rezept, allerdings mit Zutaten aus dem literarischen Discounter.

Ein mögliches Gegengewicht könnte die Schule bieten. Doch dort greift man meist zu Klassikern – und die wirken aus Kindersicht häufig eher abschreckend als einladend.

So entsteht ein Kreislauf der Einseitigkeit. Was gefragt ist, ist das, was bekannt ist. Was bekannt ist, wird angeboten. Was angeboten wird, wird gelesen – und prägt den Geschmack von morgen. Eine literarische Einbahnstraße, die kaum Raum für Abweichung lässt.

Wie aber sollen Kinder unter solchen Umständen entdecken, dass es auch andere, lesenswerte Geschichten gibt? Geschichten, die nicht glitzern und immerzu gefallen wollen. Die keine Superkräfte brauchen, um zu berühren. Der literarische Gaumen will gebildet sein. Wer nur Milchschokolade kennt, verzieht beim ersten Stück Zartbitter vielleicht das Gesicht. Fehlen solche ungewohnten, sperrigen Geschmackserlebnisse, bleibt der eigene Horizont begrenzt. Und genau hier beginnt er – der Preis der Einfalt.

Der Preis der Einfalt

Literatur darf – ja, sie muss – auch fordern. Sie sollte nicht nur trösten, sondern uns auch erschüttern. Gute Geschichten führen uns nicht nur durch fantastische Reiche, sondern auch mitten hinein in das ungeschönte Leben.

Die Literaturwissenschaft spricht hier von narrativer Empathie: der Fähigkeit, sich über das Lesen mit Menschen zu verbinden, deren Erfahrungen, Hintergründe und Lebensrealitäten sich von den eigenen unterscheiden. Man sieht mit anderen Augen, fühlt mit fremdem Herzen, denkt andere Gedanken. Genau darin liegt die eigentliche Magie der Literatur, darin, dass sie uns das Fremde nahebringt und gerade dadurch bewegt.

Und heutzutage ist diese Fähigkeit wichtiger denn je. In digitalen Räumen, in denen uns Algorithmen vorwiegend Inhalte vorsetzen, die unsere Sicht auf die Welt bestätigen, erscheint alles Abweichende schnell als Störung. Andere Meinungen, andere Lebensweisen, andere Kulturen wirken nicht mehr als Bereicherung, sondern als Bedrohung.

Literatur kann – und sollte – diesem Trend etwas entgegensetzen. Indem sie das Ungewohnte erzählt. Das Unbequeme. Das Fremde.

Was aber geht verloren, wenn Kinder über Jahre hinweg fast ausschließlich in einem literarischen Kosmos unterwegs sind, der keine Dissonanzen zulässt? Wenn sie kaum noch Geschichten lesen, die anders klingen, die Geduld verlangen, sich nicht so einfach erschließen, vielleicht sogar anfangs Widerstand auslösen und gerade deshalb berühren?

Genau hier liegt das Problem: Viele der gegenwärtigen Fantasy-Reihen für junge Leserinnen und Leser meiden diese Herausforderung. Statt neue Perspektiven zu eröffnen, kreisen sie um sich selbst. Sie bleiben im Wohlfühlmodus. Es fehlt ihnen an erzählerischer Tiefe – jener Tiefe, die uns über uns hinausdenken lässt. Die Fähigkeit zur Empathie verkümmert, wenn uns nur gespiegelt wird, was wir ohnehin schon kennen.

Doch das ist nicht das einzige Dilemma. Denn die Geschichten, die heute den Markt dominieren, sind nicht nur bequem – sie bedienen auch ein Bedürfnis, das eng mit dem Zeitgeist verknüpft ist: den Wunsch nach Besonderheit, nach Sichtbarkeit, nach strahlender Einzigartigkeit.

Immer wieder stehen Außenseiterfiguren im Zentrum, die entdecken, dass sie eigentlich außergewöhnlich sind – mit einer Gabe, einem Erbe, einer Bestimmung. Der klassische Auserwählten-Mythos.

Das ist an sich nicht neu. Und per se nicht verwerflich. Doch in seiner Dauerpräsenz wird es problematisch.

Denn dieses Erzählprinzip spiegelt eine Gesellschaft wider, die stark vom Zwang zur Selbstinszenierung geprägt ist. Psycholog:innen wie Jean Twenge oder Keith Campbell sprechen in diesem Zusammenhang von einem kulturellen Narzissmus – befeuert durch soziale Medien, Influencer-Kulturen und den ständigen Druck, sich als einzigartig zu inszenieren. In einer Welt, in der „besonders sein“ zum Maßstab wird, nähren solche Geschichten ein Selbstbild, das zunehmend fragwürdig erscheint.

Was aber bedeutet das für all die Kinder, die nicht „auserwählt“ sind? Die kein verborgenes Erbe antreten, keine geheimnisvolle Macht in sich tragen – sondern einfach nur … sie selbst sind?

Finden sie sich noch in dieser Literatur wieder? Oder vermittelt ihnen das ständige Heldentum der anderen das Gefühl, nicht zu genügen? Beginnen sie vielleicht, ihre eigene Unsicherheit in die Illusion eines verborgenen Bedeutungsversprechens zu verwandeln – und reales Anderssein als geheimes Zeichen einer noch unentdeckten Bestimmung zu deuten?

Welche dieser inneren Reaktionen auch überwiegt: Keine davon nährt jenes stabile Selbstbild, das junge Leser:innen heute mehr denn je benötigen.

Darum ist es höchste Zeit, Vielfalt in der Kinder- und Jugendliteratur wieder ernst zu nehmen. Geschichten zu fördern, die nicht bloß glitzern und glänzen. Mit Figuren, die keine magischen Gaben brauchen, sondern mit Zweifeln, Fehlern und Widersprüchen ringen. Mit Welten, die nicht zur Flucht einladen, sondern den Blick auch auf die Wirklichkeit lenken.

Denn nur so entsteht ein literarischer Raum, in dem junge Leser:innen nicht nur unterhalten werden, sondern sich selbst begegnen – nicht als Held:innen magischer Parallelwelten, sondern als Menschen, die lernen, auch andere Leben zu verstehen.

Der Glanz neuer Abgründe

Was geschieht mit jungen Leserinnen und Lesern, die über Jahre hinweg fast ausschließlich mit literarischem Zaubertrank gefüttert wurden? Entwickeln sie mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter einen anspruchsvolleren Geschmack – oder bleibt der Durst nach Glitzer, Magie und vorhersehbaren Plots bestehen, nur eben in etwas reiferen Verpackungen?

Vielleicht gibt der jüngste Erfolg von Genres wie Romantasy, New Adult und Dark Romance darüber Aufschluss. Denn womöglich ist er kein Zufall, sondern die Spätfolge jahrelanger literarischer Einseitigkeit.

Angefeuert wird dieser Trend von BookTok auf TikTok, wo selbsternannte Buchexpert:innen die klassische Literaturkritik ersetzen – und die Community in 20-Sekunden-Clips mit Lobeshymnen am Fließband überhäufen: spicy! cute! emotional! Highlight!

Mittlerweile hat BookTok einen durchschlagenden Einfluss auf die Buchwelt und die Bestsellerlisten. Darum müssen bestimmte Bücher heute vor allem den optischen Eignungstest für die Handykamera bestehen – vorzugsweise mit schimmerndem Buchschnitt, floralen Ornamenten und einem Coverboy von so unwiderstehlicher Schönheit, dass selbst Michelangelos David vor Neid erblassen würde.

So sind die oben genannten Genres längst im Mainstream angekommen. Die Frankfurter Buchmesse im Oktober 2024 machte das überdeutlich. Die FAZ titelte nüchtern: „Eigene Halle für New Adult, Young Adult und Romantasy“. Der SWR berichtete von „8000 Quadratmetern Romance, Fantasy und Fantreffen“ mit Bühnen für Diskussionen, Lesungen und interaktive Fan-Aktionen. – Ein Meilenstein der Vermarktung. Und ein Menetekel für alle, die Literatur noch für ein ernstzunehmendes Kulturgut halten.

Gewiss: Auch unter diesen Werken findet sich hin und wieder eine literarische Perle. Doch in der Breite öffnet sich ein Abgrund aus Belanglosigkeit und Banalität.

Willkommen in der Plot-Hölle des neuen Eskapismus: Hier werden kaum der Jugend entwachsene Heldinnen mit verborgenen Gaben an Eliteschulen für Übernatürliche geschickt, landen per Portalreise in schimmernden Feenreichen oder müssen einen feuerspeienden Drachenhort plündern. Andere opfern sich heldenhaft für ihre Schwester, heiraten frostige Könige oder entdecken plötzlich, dass in ihren Adern das Blut uralter Hexen fließt. Natürlich ist das alles nur der Auftakt – denn früher oder später tritt der obligatorische Love Interest auf den Plan – hot, unnahbar und unter Garantie psychisch instabil.

Es ist immer dieselbe Melodie: Mauerblümchen trifft auf emotional unerreichbaren Traumtyp – wahlweise in der Rolle des melancholischen Blutsaugers, tragischen Kriegers oder verfluchten Halbgottes – und verwandelt sich durch seine Nähe vom grauen Mäuschen zur strahlenden Heldin. Tiefgang? Kaum vorhanden. Komplexität? Fehlanzeige. Und die Figuren? Stereotypen wie am Reißbrett entworfen – perfekt für den Figurenkatalog einer Telenovela.

Man könnte darüber milde lächeln, wenn es nicht so verdammt frustrierend wäre. Denn diese Geschichten zeichnen ein verstörend einseitiges Bild vom Menschsein: Wahre Liebe ist toxisch, Männlichkeit unberechenbar, und Frauen erblühen erst dann zur vollen Größe, wenn ein schweigsamer Bad Boy sie erlöst. Verpackt wird das Ganze nicht selten in einem Ton, der stark an Tagebucheinträge pubertierender Teenager erinnert – garniert mit einer Meta-Ebene, die kaum über den Tiefgang eines Tinder-Chats hinausreicht.

Ja, sie lesen wieder mehr, die jungen Leute. Aber was bitte? Wenn diese sogenannte Leselust darin gipfelt, dass ganze Regalwände mit identischen Herzschmerz-Fantasien tapeziert sind, stellt sich die Frage: Sprechen wir hier wirklich von Literatur – oder nicht eher von blätterbarem Scrollen mit Titelbild?

Es wirkt, als verlaufe die Lesebiografie vieler junger Menschen in einer Endlosschleife: immer dieselben Zutaten, mit zunehmendem Alter nur höher dosiert und gewürzt mit dem obligatorischen Schuss Romantik sowie einer Prise Sex. Wer einst mit Zauberschulen und redseligen Vierbeinern aufwuchs, greift als junge:r Erwachsene:r nur selten zu literarisch anspruchsvollerer Kost. Stattdessen bleibt man, nach Jahren der Konditionierung, dem vertrauten Aroma treu.

Um es klarzustellen: Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man sich lieber mit einer wattigen Geschichte als mit einem Feierabendjoint aus dem Alltag beamt. Wer nach einem langen Tag abschalten will, darf sich gern auch literarisch wegballern. Und jedem Autor, jeder Autorin steht es frei, das Publikum mit genau dem Stoff zu versorgen, nach dem es verlangt.

Nur spreche ich hier nicht von den Gelegenheitsleser:innen dieser Literaturgattung. Die Rede ist von Erwachsenen, die zwar noch lesen – was heutzutage schon automatisch als Bildungsakt gilt –, dabei aber ausschließlich diese dünne Suppe zu sich nehmen.

Und das ist, mit Verlaub, kein Randphänomen. Beobachtungen aus Buchhandel, sozialen Medien und Leseportalen deuten darauf hin, dass viele dieser Vielleser:innen nicht mehr aus literarischer Neugier lesen, sondern Gewohnheitslektüre nach Serienprinzip praktizieren – vergleichbar mit dem Binge-Watching bei Netflix, nur in Buchform.

Darum ist die viel beschworene Vielfalt vielleicht nur eine Illusion. Denn neben einer Generation von Lesemuffeln wächst eine andere heran – eine von Leser:innen mit einer beunruhigend verengten Vorstellung davon, was Literatur leisten kann.

Ein Befund, der mich als Vater, Leser und Autor nicht kaltlässt.

Stimmt die Devise wirklich: „Hauptsache lesen“? Oder ist es nicht längst an der Zeit, darüber nachzudenken, für welche Bücher wir Kinder eigentlich begeistern wollen?

Meine Antwort? Werfen Sie einen Blick in die Kinderzimmerregale. Es glitzert dort zu viel.

Epilog: Und dann kam Paluten …

Bei einem weiteren Besuch in der Kinderbuchabteilung stach mir unverhofft eine ganze Reihe von Titeln ins Auge, die ich dort bislang nicht entdeckt hatte. Keine Elfen, keine Zauberschulen, keine Duftapotheken. Endlich ein neuer Trend?

Anscheinend führen diese Bücher seit geraumer Zeit die Bestsellerlisten an – verfasst von einer neuen Spezies von Kinderbuchautor:innen: selbsternannten Influencer:innen, Content Creators und Click-Königen (wie etwa Paluten, LukasBS oder iCrimax), die unsere Kinder in schöner Regelmäßigkeit via Smartphone und Tablet direkt im Kinderzimmer heimsuchen.

Befinden sich unter ihnen tatsächlich schriftstellerische Naturgewalten, die ihre Community in atemberaubender Geschwindigkeit mit ganzen Romanreihen versorgen – in denen statt gezaubert nun gezockt wird? Eher nicht. Es ist ein offenes Geheimnis der Branche, dass hier in erster Linie professionelle Co-Autor:innen und Ghostwriter am Werk sind.

Könnte dieser neue Trend dennoch ein Grund zur Freude sein? Vielleicht sogar Anlass zu vorsichtiger Hoffnung?

Ich möchte wirklich nicht als Miesepeter dastehen. Aber bei Titeln wie Ein neuer Sheriff in Schmodge City: Ein Roman aus der Welt von FREEDOM von Paluten, Band 10, Auf der Jagd nach dem goldenen Play Button von LukasBS (Die Abenteuer von LukasBS) oder iCrimax: Kopfüber in die Pixelwelt hege ich – sagen wir es freundlich – gewisse Zweifel.

Patrick Hertweck

Patrick Hertweck hat bereits mehrere Kinderbücher veröffentlicht, u.a. bei Thienemann, dtv junior und Carlsen.

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9 Antworten

  1. Herzlichen Dank für diesen ausführlichen, fundierten und angemessen kritischen Blick auf eine Vereinheitlichung im Leseverhalten junger Menschen, die längst in eine BookTok-befeuerte Einbahnstraße eingebogen ist. Neue Kinderbücher braucht das Land! Und vielleicht auch neue NA-Ansätze. Bedenke ich, was zu ihrer Zeit eine Jane Austen geleistet hat, würde ich mir das als Messlatte wünschen für heutige Genre-Literatur gleicher Zielgruppe. Aber das ist eine andere, gtleichwohl verwandte Geschichte …

  2. Ich bin gespannt, welche vielfältigen literarischen Werke Sie außerhalb des Mainstreams studiert haben, um Ihre eigenen Arbeiten zu inspirieren. Die Wahl, Hanni und Nanni im Wilden Westen zu adaptieren, scheint jedoch keine neue oder originelle Perspektive einzubringen, und die Handlung wirkt ebenso flach wie die Prärie bei Karl May. Die anderen beiden Bücher lassen ähnliche Zweifel aufkommen. Besonders im letzten Werk scheinen Sie sich in das Fantasy-Genre verirrt zu haben, was mich neugierig macht, welche Inspiration dahintersteckt. Sie mögen in Ihren Büchern zwar keine „Auserwählten in magischen Welten“ als zentralen Helden haben, aber das macht diese nicht weniger zum Klischee oder „anders.“

  3. Fantasy ist nicht das Problem – Originalität ist der Schlüssel
    Patrick Hertweck kritisiert in seinem Artikel die Dominanz des Fantasy-Genres in der Kinder- und Jugendliteratur als „Monokultur“, die Fantasie, Empathie und literarischen Geschmack schade. Er sieht in der eskapistischen „Wohlfühl“-Ästhetik und stereotypen Erzählmustern eine Bedrohung für die Lesekultur. Diese pauschale Ablehnung greift jedoch zu kurz. Das Problem liegt nicht im Fantasy-Genre selbst, sondern im Mangel an Originalität, der die Jugendliteratur durchzieht. Klischees entstehen, weil viele Autoren nicht über ihren Tellerrand schauen und keine vielfältige narrative Grundlage nutzen, um neue Verknüpfungen im Gehirn zu schaffen. Tiefenpsychologisch betrachtet erfüllt Fantasy zentrale Bedürfnisse von Kindern, und Werke dieses Genres haben über Jahrhunderte die Prüfung der Zeit bestanden, indem sie immer wieder die Tore zu den Kinderstuben öffnen. Dieser Artikel zeigt, warum Fantasy ein wertvoller Bestandteil der Jugendliteratur ist und wie Autoren durch Innovation die Lesekultur bereichern können.
    Fantasy spricht Kinder auf einer tiefenpsychologischen Ebene an, indem es unbewusste Bedürfnisse nach Identitätsbildung, Konfliktbewältigung und kreativem Ausdruck erfüllt. Carl Gustav Jung betonte, dass Archetypen wie der Held, der Schatten oder der Mentor universelle Symbole sind, die in Geschichten resonieren. In Fantasy-Werken wie Harry Potter oder Die unendliche Geschichte finden Kinder narrative Bühnen, auf denen sie Ängste (z. B. Machtlosigkeit) und Wünsche (z. B. Selbstwirksamkeit) symbolisch erleben. Sigmund Freud würde argumentieren, dass diese Geschichten es Kindern ermöglichen, unbewusste Konflikte zu projizieren und zu bearbeiten, etwa durch Identifikation mit einem Helden, der trotz Widrigkeiten siegt. Donald Winnicott beschrieb solche imaginative Räume als „Übergangsräume“, die emotionale Resilienz und Kreativität fördern. Fantasy ist somit kein Hindernis für die Fantasie, wie Hertweck behauptet, sondern ein notwendiger Spielraum für die psychologische Entwicklung.
    Hertwecks Kritik ignoriert, dass Fantasy-Geschichten seit Jahrhunderten junge Leser*innen begeistern und als Türöffner zur Literatur dienen. Harry Potter ist nur ein Beispiel in einer langen Tradition. Michael Endes Momo und Die unendliche Geschichte fesseln Kinder mit ihrer Reflexion über Zeit und Fantasie, während Selma Lagerlöfs Nils Holgerssons wunderbare Reise Abenteuer mit moralischen Lektionen verbindet. Philip Pullmans Der Goldene Kompass fordert mit komplexen philosophischen Fragen, und Peter S. Beagles Das letzte Einhorn berührt durch seine poetische Tiefe. Richard Adams’ Unten am Fluss und Diana Wynne Jones’ Das wandelnde Schloss zeigen die Vielfalt des Genres, von epischen Tiergeschichten bis zu originellen Welten. Diese Werke beweisen, dass Fantasy nicht nur Kinder zum Lesen bringt, sondern durch innovative Ansätze die literarische Landschaft prägt. Hertwecks „Monokultur“-Vorwurf übersieht diese zeitlose Kraft.
    Das Kernproblem der Jugendliteratur ist nicht Fantasy, sondern der Mangel an Originalität, der durch klischeehafte Narrative und eingeschränkte Perspektiven entsteht. Viele Autoren reproduzieren stereotype Muster – wie den „auserwählten“ Helden oder den Kampf gegen einen eindimensionalen Bösewicht –, weil sie sich auf bekannte Formeln stützen. Tiefenpsychologisch lässt sich dies erklären: Autoren, die unbewusst Risiken scheuen (Freud), bleiben in „sicheren“ Rahmen gefangen. Ihre narrative Grundlage ist oft begrenzt, weil sie sich auf Mainstream-Medien oder Trends wie BookTok beschränken, statt globale Mythen, Volksmärchen oder interkulturelle Literatur zu erkunden. Dies hemmt, wie Jung suggerieren würde, die kreative Verbindung zum kollektiven Unbewussten, die für neue Symbole nötig ist. Die von Hertweck kritisierte Einförmigkeit ist somit weniger ein Genre-Problem als ein Versagen, „vollkommen Neues“ zu schaffen.
    Hertweck behauptet, Fantasy schade Fantasie und Empathie, doch Studien zeigen das Gegenteil: Fiktion, insbesondere Fantasy, fördert Empathie, da Leser*innen sich in diverse Charaktere einfühlen (Oatley, 2016). Werke wie Der Goldene Kompass regen zu moralischen Reflexionen an, während Momo die Fantasie durch philosophische Tiefe beflügelt. Zudem ist die Jugendliteratur vielfältiger, als Hertweck suggeriert. Neben Fantasy gibt es realistische Romane (Wonder von R.J. Palacio), interkulturelle Werke (Inside Out & Back Again von Thanhha Lai) und Sachbücher, die Kinder ansprechen. Seine eigene Arbeit, wie Maggie und die Stadt der Diebe, bewegt sich im Fantasy-/Abenteuergenre, was seine Kritik inkonsequent erscheinen lässt. Anstatt Fantasy zu verteufeln, sollte die Debatte auf die Förderung origineller Ansätze fokussieren.
    Plattformen wie BookTok werden oft für die Verstärkung von Trends kritisiert, doch sie bieten auch Chancen. BookTok hat das Lesen unter Jugendlichen populär gemacht und macht Nischenwerke sichtbar, etwa diverse Fantasy wie Children of Blood and Bone von Tomi Adeyemi. Tiefenpsychologisch ermöglicht die Plattform Kindern, Geschichten zu wählen, die ihre unbewussten Bedürfnisse ansprechen, what ihre Autonomie stärkt. Dennoch trägt der Marktdruck zur Klischee-Falle bei: Verlage bevorzugen „sichere“ Formeln, um kommerziellen Erfolg zu garantieren. Autoren müssen diesem Druck widerstehen und vielfältige Einflüsse – von globalen Mythen bis zu interdisziplinären Ideen – nutzen, um die „Vernetzung der Synapsen“ zu fördern und originelle Narrative zu schaffen.
    Um die Jugendliteratur zu bereichern, sollten Autoren Hertwecks vage Forderung nach Vielfalt konkretisieren: Sie müssen „vollkommen Neues“ anstreben, indem sie Klischees vermeiden und globale Erzähltraditionen integrieren. Verlage sollten Risiken eingehen, um innovative Projekte zu fördern, anstatt auf bewährte Muster zu setzen. Kinder brauchen Geschichten, die sowohl Sicherheit bieten (durch vertraute Archetypen) als auch Herausforderungen (durch neue Perspektiven). Nur so kann die Jugendliteratur ihr tiefenpsychologisches Potenzial entfalten und Fantasie, Empathie und literarischen Geschmack nachhaltig stärken.
    Die Kinder- und Jugendliteratur steht nicht vor einer Krise durch Fantasy, sondern vor der Chance, durch Originalität zu erblühen. Fantasy, mit seiner tiefenpsychologischen Kraft und zeitlosen Anziehung, öffnet seit Jahrhunderten die Tore zur Literatur – von Momo bis Harry Potter. Das wahre Hindernis ist die Neigung mancher Autoren, in klischeehaften Mustern zu verharren, anstatt neue narrative Wege zu beschreiten. Zur einleitenden Frage „Hauptsache lesen?“ – diese können wir mit einem klaren „Ja“ beantworten. Doch dieses „Ja“ gilt nicht nur für die jungen Leserinnen, sondern ebenso für die Autoren selbst. Viele, darunter auch Patrick Hertweck, scheinen zu wenig „anderes“ und für sie „Ungewohntes“ zu lesen, um jene kreative Vernetzung zu schaffen, die wahre Originalität ermöglicht. Hertwecks eigenes Werk Tara und Tanhee, eine Hanni und Nanni-Zwillingsgeschichte im Karl-May-Wilden-Westen-Stil, ist ein Paradebeispiel für diese Schwäche: Es greift auf vertraute Muster zurück, anstatt Neues zu wagen – schriftstellerisch zu denken Die Zukunft der Jugendliteratur liegt in der Bereitschaft, über den Tellerrand zu blicken – hin zu vielfältigen Geschichten, die die Fantasie junger Leserinnen nicht nur entfachen, sondern nachhaltig beflügeln. Lassen wir Fantasy seine Stärken entfalten und die Literatur mit mutigen, innovativen Werken bereichern, die kommende Generationen inspirieren.

    1. Herzlichen Dank für die ausführliche und differenzierte Auseinandersetzung mit meinem Artikel.
      Ich freue mich sehr, dass mein Beitrag auf solch fundierte Resonanz trifft – und noch mehr, dass er Anlass zu einer engagierten Diskussion bietet. Gerade weil Sie an vielen Stellen eine andere Sichtweise vertreten, ist Ihr Beitrag ein wertvoller Impuls zur Weiterführung dieses Themas.

      Wichtig ist mir eine Klarstellung: Meine Kritik richtete sich nie gegen das Genre der Fantasy an sich. Im Gegenteil – mit Der Herr der Ringe und Harry Potter habe ich zwei Werke genannt, die ich selbst als Weltliteratur schätze. Auch andere von Ihnen erwähnte Titel wie Momo, Die unendliche Geschichte oder Der Goldene Kompass halte ich für bedeutende literarische Werke, die Kinder wie Erwachsene auf vielen Ebenen ansprechen und prägen können.
      Was ich kritisiere, ist eine bestimmte Tendenz innerhalb der gegenwärtigen Kinder- und Jugendliteratur – eine inzwischen immense Zahl an Büchern und Buchreihen, die sich in Aufbau, Tonalität und Figurenkonstellation gleichen, das „Auserwählten“-Narrativ überstrapazieren und dabei wenig erzählerische Tiefe oder sprachliche Eigenständigkeit entwickeln. Es geht mir dabei – hinter der glitzernden Fassade – um literarische Qualität, nicht um das Genre.
      In Ihrer Antwort sehe ich viele Anknüpfungspunkte für eine gemeinsame Haltung: die Bedeutung von Archetypen, die tiefenpsychologische Relevanz von Fantasie, die Rolle der Literatur als Erfahrungsraum. Vielleicht liegt der entscheidende Unterschied weniger in unseren Überzeugungen als in der Bewertung aktueller Marktphänomene.

      Was Ihre Bemerkung zu dem Roman Tara und Tahnee betrifft, darf ich hoffentlich etwas ergänzen: Das bloße Vorhandensein eines Zwillingspaars in einer Handlung erscheint mir kein ausreichendes Kriterium, um automatisch eine Nähe zu Hanni und Nanni oder Das doppelte Lottchen herzustellen. Beide Werke sind zweifellos prägend für die Kinderliteratur – und dennoch greifen auch sie auf ältere Zwillingsmotive zurück, sei es Romulus und Remus, Kastor und Pollux, Jakob und Esau oder Viola und Sebastian in Shakespeares Was ihr wollt. Die Vorstellung, dass Motive originär sein müssten, um innovativ zu sein, ignoriert ein zentrales literaturwissenschaftliches Grundverständnis: Literatur ist – und war immer – ein Resonanzraum. Sie lebt vom Aufgreifen, Umdeuten und Weiterentwickeln tradierter Muster. Auch Neues entsteht im Echo – im bewussten Spiel mit dem Bekannten.
      Darum ist hoffentlich die Frage erlaubt, ob es nicht möglich ist, dass ein Roman wie Tara und Tahnee, der ein solches Motiv in einen völlig anderen historischen und kulturellen Kontext überträgt (den des Wilden Westens) vielleicht kein Rückgriff ist, sondern ein Akt literarischer Transformation? Zumal der „Zwillingsmoment“ in diesem Roman keineswegs das erzählerische Ausgangsmotiv ist, sondern Teil eines späteren Twists (wir spoilern hier also gerade) – ganz im Gegensatz zu Hanni und Nanni oder Das doppelte Lottchen, wo die Zwillingsbeziehung von Beginn an im Zentrum steht. Auch das könnte man womöglich als Hinweis deuten, dass mit vertrauten Motiven bewusst anders gearbeitet wurde. Vielleicht könnte sich also eine Lektüre lohnen, um diese Argumentation zu überprüfen.
      Doch einmal weg von diesem Beispiel ins Grundsätzliche. Die eigentliche Frage lautet doch: Wird Bekanntes bloß reproduziert oder es so verwandelt, dass etwas Eigenständiges entsteht? Harry Potter, den Sie selbst als positives Beispiel nennen, führt das eindrucksvoll vor: Das Internat als Setting ist wahrlich keineswegs neu – hier könnte man durchaus auch Hanni und Nanni als Vorbild aufführen. Wollen wir J.K. Rowling deshalb ernsthaft vorwerfen, sie habe Blyton lediglich neu aufgekocht? Wohl kaum. Viele ihrer Figuren und Strukturen erinnern zudem an archetypische oder mythologische Vorbilder – man denke nur an Zentauren, Hippogreife, Trolle, Riesen, Zwerge oder Gnome –, nicht zuletzt auch an Motive aus Tolkiens Werk. Und dennoch ist daraus ein eigenständiger Kosmos erwachsen – durch Verdichtung, Variation und Erweiterung vertrauter Erzähltraditionen und nicht zuletzt, weil die Autorin vor diesem Hintergrund über sehr menschliche Belange schreibt.

      In diesem Sinne könnte die pauschale Einordnung von Romanen, die bekannte Motive aufgreifen, als rückwärtsgewandt oder einfallslos womöglich zu kurz greifen. Vielleicht lohnt gerade hier ein zweiter Blick – einen solchen habe ich übrigens auch bei jenen Harry-Potter-Epigonen vorgenommen, die ich in meinem Artikel kritisiere. Meine Kritik richtet sich dort nicht gegen das Motiv des Zauberinternats per se, sondern gegen den inhaltlichen und sprachlichen Stillstand, der entsteht, wenn Muster bloß repetiert, nicht aber verwandelt werden.

      Nochmals danke für Ihre kritische, respektvolle Auseinandersetzung. Der Dialog über Lesekultur, Fantasie und literarische Vielfalt ist wichtiger denn je – und ich freue mich, ihn mit Stimmen wie Ihrer führen zu können.

      Mit besten Grüßen
      Patrick Hertweck

  4. Ich kann Ihre Sichtweise nachvollziehen, sehe jedoch die Vergleiche zwischen Tara und Tahnee und klassischen Werken wie Romulus und Remus und anderen bereits erwähnten als unangebracht an. Das Einbeziehen eines Doppelgänger-Motivs in ein Werk erfordert mehr als nur einen oberflächlichen Twist, um den Ansprüchen an erzählerische Tiefe und Variation gerecht zu werden. In Tara und Tahnee habe ich persönlich die Kohärenz und die stoffliche Durchdringung vermisst, die ein solches Motiv geradezu einfordert. Das Platzieren eines Motivs im Wilden Westen allein schafft weder Originalität noch eine bedeutende Erweiterung desselben. Solch ein Motiv muss sich zwingend auf sprachlicher Ebene, thematisch, metaphorisch und szenisch spiegeln. Ansonsten ist es eigentlich lediglich Staffage.
    Zusätzlich möchte ich erwähnen, dass ich Ihre Nennung von Harry Potter, Herr der Ringe und Momo als Beispiele aus der Fantasy zur Kenntnis genommen habe. Mich interessiert jedoch, ob Ihr literarisches Spektrum auf diese 1-2 bekannten Werke beschränkt ist oder ob Sie sich auch mit weniger prominenten Fantasy-Werken beschäftigt haben.
    Ihre Kritik an der literarischen Qualität im Allgemeinen deutet darauf hin, dass Sie Ihre eigenen Werke als ausreichend qualitativ einschätzen. Es wäre interessant zu erfahren, welche Kriterien und Maßstäbe Sie hierbei anlegen.

  5. Ihre Stellungnahme rief bei mir Verwunderung hervor, weil sie am Inhalt von Patrick Hertwecks Ausführungen vorbeigeht und Aussagen widerlegt, die er gar nicht gemacht hat. Mehrfach wird behauptet, er würde Fantasy- Literatur pauschal verurteilen und verteufeln. Ich möchte mir das Zitieren der vielen entsprechenden Aussagen ersparen, um meinen Beitrag nicht in die Länge zu ziehen, schon bei flüchtigem Überfliegen stolpert man ständig über diese Behauptung, die nachweisbar und offenkundig sachlich falsch ist. Was er anprangert, ist der klischeehaft epigonale Nachklatsch der großartigen bahnbrechenden Fantasyromane und nicht das Fantasy-Genre als solches.
    Was mich daran stört, ist die Tatsache, dass damit ein Verhaltensmuster aufgenommen wird, das sich in den letzten Jahren im Zuge des Niedergangs der Debattenkultur wie eine Pest ausgebreitet hat: Aussagen, die den eigenen Intentionen oder Überzeugungen widersprechen, werden ignoriert und stattdessen werden andere Aussagen, die der Betreffende nicht gemacht hat, die aber so ähnlich klingen, widerlegt. Die Absicht dahinter ist, um jeden Preis als derjenige dazustehen, der Recht hat. Da man die Argumente des Gesprächspartners bzw. -gegners nicht widerlegen kann, widerlegt man eben andere ( „merkt ja keiner“) . In Reinkultur ist dieses Verhalten tagtäglich in den unseligen Talkshows zu beobachten, wo Politiker, die in sogenannten Rhetorikseminaren genau darauf geschult wurden, dies praktizieren. Die Maischbergers, Illners, Klamrothe und Lanze schreiten meist nicht gagegen ein, weil sonst Sendezeit verstreicht und ja noch andere „ Gesprächs“teilnehmer warten und schon ungeduldig mit den Hufen scharren und unbedingt Sende- und redezeit in Anspruch nehmen wollen. Denn mediale Präsenz ist die Währung unserer Zeit. Und man will ja gar nicht einen Sachverhalt erschöpfend diskutieren, sonst gehen sofort die Einschaltquoten runter, sondern möglichst viele Themen an der Oberfläche ankratzen, am besten durch Absondern flotter Sprüche. Die Trumpisierung und Tiktokisierung der Gesellschaft macht eben auch hierzulande grosse Fortschritte.
    Ihre schlüssige und tiefgründige Analyse der gegenwärtigen Krise in der Jugendliteratur, die zu grossen Teilen auf die Literaturszene insgesamt angewendet werden kann, lässt mich allerdings vermuten, das dieses von mir beschriebene Verhalten nicht Ihre Absicht war, sondern eher einem Versehen oder einer gewissen Nachlässigkeit bei der Lektüre von Patrick Hertwecks kleinem Aufsatz zugeordnet werden muss.
    In der Diagnose des gegenwärtigen Zustandes der Jugendliteratur sind sich die hier an der Diskussion Beteiligten wohl einig. Bei der Therapie kann ich Ihnen jedoch nicht folgen. Sie schreiben: „Dennoch trägt der Marktdruck zur Klischee-Falle bei: Verlage bevorzugen „sichere“ Formeln, um kommerziellen Erfolg zu garantieren. Autoren müssen diesem Druck widerstehen und vielfältige Einflüsse – von globalen Mythen bis zu interdisziplinären Ideen – nutzen, um die „Vernetzung der Synapsen“ zu fördern und originelle Narrative zu schaffen“. Ich glaube, da verlangen Sie zu viel von den Autoren und verkennen die gegenwärtigen Machtverhältnisse in der Literaturszene. Ein bahnbrechendes Werk wie „ Harry Potter“, das sich am Markt durchsetzt, entsteht höchstens alle zehn Jahre, und selbst hier war es glücklicher Zufall, dass es das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Um ein Haar wäre es ja für immer in der Versenkung verschwunden.

    1. Hallo Herr Schneider,

      ich kann Ihnen leider nicht ganz zustimmen. Herr Hertweck hat sich bei seinem kleinen Aufsatz über die angeblich von KIs zusammengeklaubten Fantasy-Büchern mit bunten Covern ausgelassen, auch die auf mehrere Bände angelegten Reihen scheinen dem Autor ein Dorn im Auge. Ich vermute eher, dass der Autor selbst bei mehrbändigen Reihen scheitert, denn sonst würde er gewiss selbst auf den lukrativen Zug aufspringen wollen. Ich glaube, dass ich nicht zuviel vom Markt oder den Autoren verlangt ist, Originalität als höchsten Maßstab zu nehmen. Originalität wiederum kann nur entstehen, wenn man selbst einen Überblick über das Genre (Neuheiten, Klassiker, Nischenarbeiten) hat. Wie sonst könnte man selbst entscheiden, was originell ist oder bereits verwendet wurde. Aber ich denke, dass an dieser Stelle der Punkt gesetzt werden sollte, denn wir werden die Einstellung von Autoren, den Lesern oder Lektoren gewiss nicht ändern können.

  6. „Harry Potter“ mit „Hanni und Nanni“ zu vergleichen. Hagrid würde sagen „Völliger Stuss, wenn man mich fragt.“
    Das Internat als geschlossene Gesellschaft ist ein Motiv, das keinesfalls epigonal ausgeführt werden muss.
    Als der erste Band vor Reihe bald 30 Jahren erschien, machte er Furore, weil er eine auf eine neue Art komplexe, eine für junge Leser wunderbare Welt erschuf. Und übrigens sehr gewagt mit Erzählgewohnheiten brach, wie etwa dem mehrfachen Verlust von väterlichen Begleitern der Hauptfigur, wie auch den Tod von beliebten Figuren.
    Vielleicht einfach mal alle Bände lesen?

    1. Jemals „Die Chroniken von Erdsee / A Wizard of Earthsea“ aus denn60-er Jahren gelesen? Über ein Zaubererinternat, in welches ein scheinbar einfacher Bauernjunge aufgenommen wird, der zum größten Magier aller Zeiten wird… nun denn. JK Rowling hat die Bücher sicher gelesen, wie auch die ersten „Books of Magic“ (Comic) von Neil Gaiman. Der kleine Zaubererjunge sieht 1:1 aus wie Harry Potter. …

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