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Benzes besonderes Buch: Liebeserklärung an die Literatur

Diese Überschrift wirkt überschwänglich, aber sie ist berechtigt. Die von Insa Wilke großartig edierten Sammlung posthumer Texte des leider zu früh gestorbenen Multitalents Roger Willemsen Liegen Sie bequem?, ist mit ihren Empfehlungen und Anregungen in der Tat eine Liebeserklärung an die Literatur und eine Hommage an das Lesen. Deshalb habe ich das Werk innerhalb weniger Wochen gleich zweimal gelesen und zum Teil vorgelesen. Allen professionellen oder amateurhaften Leserinnen und Lesern lege ich Liegen Sie bequem? ans Herz und empfehle dieses Buch auch als gehaltreiches Geschenk.

Zu Ihrer Orientierung zunächst Auszüge aus der Gliederung:

  • Insa Wilke hat fünf Hauptabschnitte zusammengestellt:
    I Porträts (u. a. Goethe, Jack London und Karl Kraus).
    II Bücher und Gedichte (u. a. Hugo von Hofmannsthal, Gespräch mit „Literaturen“ über „Brehms Tierleben“).
    III Das Obszöne und sein Gegenteil (u.a. Die Gewalt und die Herrlichkeit. Über Marquis de Sade, Über den Leitfaden für amerikanische Soldaten im Irak 1943.
    IV Was Literatur kann und will (u. a. Literatur und Menschenrechte, Do You Speak Germish? Über die Schönheit des Nichtverstehens.
    V Markt, Medien, Möglichkeiten (u. a. Laudatio zur Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 1995, 20 Thesen zu Buch und Buchmarkt heute.
  • Hervorheben möchte ich drei Beitragsgruppen, die Leserinnen und Lesern beiläufig, aber inspirierend, konkrete Maßstäbe für die Einordnung von Texten und Sprachkunstwerken sowie einen Blick in Roger Willemsens
    Literaturwerkstatt eröffnen. Es sind dies „10 Regeln für Leserinnen und Leser“ sowie die „13 Regeln für Schriftstellerinnen und Schriftsteller.“ Und in die Hauptabschnitte eingefügte „Buchtipps“.

Diese Würdigungen hat Roger Willemsen mindestens verdient?

  • Nachfolgend liste ich eine kleine Auswahl derjenigen Bestnoten auf, mittels derer Roger Willemsen seinen Buchempfehlungen Substanz und Glanz verleiht. Was er an anderen Büchern rühmt, trifft nämlich auch auf sein Gesamtwerk und vornehmlich auf Liegen Sie bequem? zu:
    „Ungewöhnlich verdichtetes, dabei genüsslich und nur atemlos zu lesendes Schreiben (…) so klug, dass man nur durch die Zähne pfeifen kann (…) Ein Buch für Lebenshungrige, aber auch für Enttäuschte (…) perfekt in der Stoffanordnung und in gläserne Prosa gegossen (…) Man kann nicht genug staunen darüber, wie schier die Texte (…) sind, und wie viel Leichtigkeit und Offenheit sie dennoch besitzen (…) Doch wie immer liegt das Glück der Lektüre in der Konfrontation mit einer Sprachbeherrschung, die ganz und gar eigen und unerreicht ist (…).
  • Auch der folgende Auszug aus dem Beitrag „Der schöne Satz“ trifft im Wesentlichen auf dieses Buch und auf andere Texte von Roger Willemsen zu: „(…)glückliche Literatur ist nicht notwendig eine Literatur, die vom Glück spricht, sondern eine, die das Glück der Produktivität, der Hervorbringung, der Ordnung im Sprechen und Wahrnehmen spiegelt und nicht dem Massenpublikum, nicht dem Markt, nicht dem Erfolg, nicht der öffentlichen Meinung verpflichtet ist sondern allein ihrem eigenen Pathos (…)“.

Kurse zur einzigartigen Kreuzfahrt durch dieses Buch:

  • Bereits das Inhaltsverzeichnis wird Sie lotsen, der von Insa Wilke angelegten Leseroute zu folgen.
  • Einen anderen Zugang zum Universum dieses Buches bietet Ihnen das brillante Nachwort der Herausgeberin. Sie gewinnen einen gewichteten Überblick und schauen wie vom obersten Mastkorb aus auf das Luxusschiff.
  • Oder Sie lassen sich von Themen und Personen kapern, die Ihrer früheren Lektüre nahekommen, und denen Sie mit Vorwissen oder festgefügten Leseerinnerungen begegnen.

Diesen Turn habe ich gewählt und mit dem Text über Goethe begonnen, mich dann mit besonderer Neugier auf Willemsens Plädoyer für den „Tiervater“ Alfred Brehm sowie auf Willemsens Demaskierung eines meiner früheren Lieblingsautoren Elias Canetti gestürzt.

Außerdem enthält das Buch faszinierende 10 Regeln für Leserinnen und Leser, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten und die ich, mit Genehmigung des Verlags S. Fischer abgeschrieben habe und Ihnen hier aus Buchauszug zur Verfügung stellen darf:

10 Regeln für Leserinnen und Leser

  1. Sitzen Sie gerade. Liegen Sie bequem. Lungern Sie rum. Nichts soll Sie stören. Sie und das Buch, das ist gerade die einzige Beziehung, die zählt. Am besten, Sie suchen auch innerlich nach einer Haltung, die Sie aufnahmefähig
    macht, bereitwillig, andere Menschen, anderer Menschen Probleme in Ihr Leben zu lassen. Sie werden am Ende selbst zu diesen finden.
  2. Überlegen Sie sich gut, welches Buch es wert ist, Ihnen Gesellschaft zu leisten. Aber dann gewähren Sie einen Vorschuss, ein vorauseilendes Wohlwollen. Es soll sich zeigen, ausbreiten, erklären dürfen. Räumen Sie im Rederecht ein.
  3. Etwas gut Geschriebenes ist etwas anderes als etwas flott Geschriebenes. Entscheiden Sie sich. Ist es die Rasanz der Sprache, der Reiz des Stoffs, der Sog der Spannung, die Wiedererkennung Ihrer Gegenwart, die Beantwortung Ihrer Fragen, das sinnliche Erkennen , die Beunruhigung, die Kritik, der Trost – identifizieren Sie, was Sie von Ihrem Buch erwarten. Bekennen Sie sich zu Ihren Ansprüchen.
  4. Lassen Sie sich ruhig überfordern. Bücher müssen nämlich nicht sofort und auf Anhieb komplett und erschöpfend verstanden werden.Von Jean Paul stammt der Satz: „Ein Buch, das es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist auch nicht wert, einmal gelesen zu werden. Gut sind oft Bücher, die nach der ersten Lektüre immer noch den Charakter des Versprechens besitzen.
  5. Leisten Sie sich eine hohe Meinung vom Umgang mit Ideen. Alles wird besser, wenn es gut gedacht ist, und selbst das Bauchgefühl braucht einen guten Kopf.
  6. Im Lesen verfolgen Sie eine Organisation von Informationen. Deshalb ist oft vor allem nicht der Stoff entscheidend, sondern die Form, die er annimmt. Diese schwingt selbst im Klang der Stimme, die da spricht, in den Pausen, den Sprüngen die sie sich erlaubt, dem Swing. Die Schönheit eines Buches verpasst, wer nur seinen Informationen, nicht seinen Unterströmungen und Subtexten folgt.
  7. Wenn Ihnen Genauigkeit nichts bedeutet, werden Ihnen viele Bücher bloß umständlich, weitschweifig oder sprachverliebt erscheinen. Am ergiebigsten erscheint einem das Sprechen der Bücher, wenn man ihr Drängen nach Exaktheit teilt.
  8. Autoren verbringen weit mehr Zeit mit ihrem Stoff als Leser oder Kritiker. Urteilen Sie behutsam, machen Sie den Autor nicht dümmer, als er ist. Vor dem Urteil muss die präzise Anschauung stehen. Wenn Sie sich langweilen, muss es nicht am Buch liegen.
  9. Prüfen Sie inständig die Wirkung, nicht die Effekte eines Buches. Kein Text taugt, er nicht an der Erfindung Ihres Innenlebens teilnimmt.
  10. Ein Buch ist auf keiner Seite abgeschlossen. Es wird erst in der Lektüre fertig und will eigentlich immer weiter werden. Anders gesagt, das Buch vollendet sich, indem es die Leserin, den Leser selbst produktiv werden lässt. Das Buch ist so betrachtet, nicht das Hervorgebrachte, sondern das Hervorbringende, und das Unglaubliche ist: Es bringt seine Leser, es bringt Sie hervor!

Ihnen könnte ich noch viele bereichernde und herausfordernde Lektüreerlebnisse kredenzen, möchte es jedoch bei meiner summarischen Empfehlung belassen.

Ihnen wünsche ich Lesegenuss und Lektüregewinn oder Freude am Verschenken dieser Liebeserklärung an die Literatur.

Helmut Benze

PS: Im Februar werde ich Ihnen anhand eines einzeln beziehbaren Bandes die vielbändige und großartige GIORGIO VASARI- Edition des Wagenbach Verlags
empfehlen.

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