
Die Literaturveranstalterin Carolin Reif (Buchevents) darüber, wieso die Debatte um Dark Romance differenzierter geführt werden muss.
Kaum ein Sub-Genre im Romance-(Buchgenre-)Spektrum polarisiert dauerhaft so stark wie Dark Romance. (In der Schweiz haben manche Buchhandlungen beispielsweise Trigger-Warnungen dazu aufgehängt). Im Zentrum der Diskussionen stehen Titel, in denen es auch um Machtgefälle, Obsessionen, Grenzüberschreitungen sowie gewaltverherrlichende Sexualität geht – um Inhalte, die bewusst provozieren.
Immer wieder kochen die Debatten auf BookTok und in den Feuilletons hoch. Leser:innen fühlen sich entweder bevormundet, wenn ihr liebstes Genre einmal wieder “verboten” werden soll; andere fühlen sich dazu berufen, Dark Romance lautstark zu kritisieren.
Aber wer nur fragt, ob das Genre „gefährlich“ sei, unterschätzt, worum es hier wirklich geht.
Zwischen Widerstand und Unterwerfung
Dark Romance führt eine literarische Spannung auf die Spitze: die zwischen weiblicher Selbstermächtigung und patriarchalen Fantasien. Viele Protagonistinnen sind stark, eigensinnig, widerständig. Gleichzeitig bedienen zahlreiche Titel Tropes, also wiederkehrende Erzählmuster, wie Bully Romance, Possessive Love oder Captive Romance. Das sind narrative Muster, in denen Kontrolle, Besitzanspruch oder ein „Reluctant No“ – ein Nein, das zögerlich, halbherzig oder emotional ambivalent wirkt – nicht nur romantisiert, sondern auch erotisiert werden.
Diese Beziehungsmodelle können so erzählt sein, dass Machtgefälle, Manipulation, physische oder psychische Gewalt sichtbar werden und der Leser:innenschaft als das erscheinen, was sie sind: problematisch. Sie können diese Dynamiken aber auch romantisieren und als Teil der Anziehung inszenieren, statt sie kritisch zu hinterfragen. Das Genre reproduziert, reflektiert und überspitzt patriarchale Dynamiken zugleich – je nach Autorin, Subgenre und Intention.
Pauschale Moralpanik greift deshalb zu kurz, zumal Leserinnen keine passiven Konsumentinnen sind. In den Communities auf Instagram und TikTok wird vielmehr intensiv über Consent, Red Flags und Trigger diskutiert. Für viele Leser:innen, die selbst einmal Opfer einer toxischen Beziehung oder gewalttätigen Auseinandersetzungen gewesen sind, bieten Dark-Romance-Bücher eine Art Safe Space: Sie selbst entscheiden, ob und inwieweit sie sich ihren traumatischen Erlebnissen bei der Lektüre noch einmal stellen, ob sie die Geschichte noch einmal durchleben oder das Buch an einem bestimmten Punkt wieder zuschlagen.
Wer entscheidet über die Deutungshoheit?
Die Annahme, Frauen könnten Fiktion nicht einordnen, sagt mehr über kulturelles Misstrauen als über tatsächliche Lesekompetenz.
Gleichzeitig scheint es naiv, jede Kritik als komplette Bevormundung abzutun. Algorithmen belohnen Extreme, und so verwundert es nicht, dass auf TikTok besonders explizite Titel wie “Haunting Adeline” oder “Royal Clair Club” viral gehen– gerade wegen ihrer drastischen Szenarien. Wenn solche Bücher auch 13- bis 16-Jährigen auf ihren Feeds empfohlen werden, verschiebt sich die Debatte.
Problematisch wird es dort, wo Gewalt, Kontrolle oder Grenzübertritte narrativ als Beweis von Liebe codiert werden. Solche Inszenierungen können Missverständnisse über gesunde Beziehungskonzepte begünstigen.
Für die Branche stellt sich daher weniger die Frage nach Zensur als nach Verantwortung. Dark Romance ist ein ökonomisch relevantes Segment, seine Inhalte lassen sich weder einfach regulieren noch ausblenden.
Aber Verlage und Handel können Haltung zeigen: durch sichtbare (Alters-)Kennzeichnungen und klare Zielgruppenansprache. Es gibt bereits erste Buchhandelsfilialen, die Dark-Romance-Titel aus Überzeugung nicht – oder nicht mehr – im Sortiment führen. Dies liegt sicher auch darin begründet, dass die Buchhändler:innen mit der Masse an möglicherweise problematischen Titeln überfordert sind. Natürlich ist es nicht möglich, alle Titel zu lesen und in “problematisch” und “unproblematisch” zu kategorisieren.
Eine FSK-Regelung für Bücher müsste von anderer Stelle und in Zusammenarbeit mit den Verlagen vorgenommen werden und wäre praktisch kaum umsetzbar.
Sensibilisierung gegenüber dem Genre und seiner Leser:innenschaft hingegen ist nicht nur realistisch umsetzbar, sondern auch dringend notwendig. Die Herausforderung besteht nicht darin, dunkle Fantasien zu verbieten. Vielmehr müssen wir diese klar benennen, einordnen und vor allem ernst nehmen, dass Leserinnen zugleich mündig und beeinflussbar sein können.
Ambivalenz auszuhalten, ist immer schwieriger als Empörung. Aber genau hier unterscheiden sich fundierte Kritik und Moralpanik.
Carolin Reif
Carolin Reif ist Gründerin und Inhaberin der Agentur REIF fürs Buch, in der sie Autor:innen dabei unterstützt, ihre individuelle Marke aufzubauen und zu schärfen. Darüber hinaus gründete sie 2025 gemeinsam mit Sarah Lippasson die Veranstaltungsagentur Buchevents, in der sie Buchveranstaltungen für und mit Verlagen und Autor:innen planen und umsetzen. Im ersten deutschsprachigen Romance-Podcast “Anwältin der Romance” sprechen die beiden außerdem regelmäßig über Entwicklungen, Trends und neue Bücher im Romance-Buchgenre.
4 Kommentare
Ob es dem geneigten Leser und den eigentlichen Feministinnen nicht aufstoßen sollte, dass der gesamte Text patriarchalische Strukturen nicht nur befürwortet, sondern nicht einmal erwähnt? Kein einziger Satz deutet darauf hin, dass die Herangehensweise des Buchmarkts, der Buchhandlungen, ja der Verlage und aller Kritiker des Genres im Allgemeinen, nur und ausschließlich darauf begründet ist, dass junge Mädchen ANGST haben müssen, in „ungesunden Beziehungskonzepten“ zu stranden. Es ist nicht die Aufgabe von Autoren, Verlagen oder Buchhandlungen in unserer westlichen Welt die Strafverfolgung von gewalttätigen Männern (physisch wie psychisch) zu übernehmen, aber dennoch fehlt der klare Hinweis in allen kritischen Texten zum Genre (nicht nur in diesem), dass wir uns NUR und AUSSCHLIESSLICH deshalb um „die beeinflussbaren Leserinnen“ sorgen müssen, weil Männer noch immer nicht ausreichend strafrechtlich verfolgt werden.
Eine Frau kann sich einen Stalker, ja eine Entführung, ja sogar eine Vergw* wünschen, es sollte ihr in jedem Fall an einem männlichen Partner fehlen, der überhaupt bereit ist, eine Straftat zu begehen, um ihr ihre „dunkle Fantasien“ zu erfüllen.
Männer sind aber gar nicht die Akteure in diesen kritischen Auseinandersetzungen. Die Frau ist es. Ihre Aufgabe scheint heute nicht mehr nur zu sein, diese Bücher nicht zu lesen, damit sie wie in vergangenen Jahrhunderten „nicht auf komische Gedanken kommt und tatsächlich bessere Beziehungsdynamiken fordern könnte“, sondern sich abzusichern, zu bilden, ihren Verstand zu schärfen, damit sie die eigentliche Verantwortung der Gesellschaft, die gottlos versagt, kompensieren kann.
Mädchen haben „gesunde Bücher“ zu lesen, um „in gesunden Beziehungen zu landen.“
Es wurde auch schon bei Edward – Twilight nicht darüber diskutiert, dass man sich ggf. Gedanken über die bessere Strafverfolgung von Stalkern machen sollte – nein. Das vierzehnjährige Mädchen ist das Problem, dass sich in ihren Nachts am Fenster wachenden „Stalker“ verliebt.
Es wird nicht die Frage gestellt: Wie können wir als Gesellschaft dafür sorgen, dass Männer gar nicht mehr Frauen durch toxische Beziehungsdynamiken bedrohen. Wir fragen uns: WAS KANN DIE FRAU TUN, damit der Mann sich von ihr fernhält.
Spoiler Alert: Heutzutage muss sich eine Frau nicht vorrangig vor tatsächlicher Gewalt schützen. Es ist der Good Boy, der beim ersten Date die große Liebe verspricht, einen Heiratsantrag macht und dann bei Trennung ihr Leben zerstört, ihr alles nimmt, damit sie gefälligst bei ihm bleibt. So ist es mir passiert. Unterstützt von vielen, vielen Frauen, die es niemals wagen würden, das PROBLEM nicht bei weiblicher Literatur zu sehen – sondern beim MANN.
Jahrzehnte vor der heutigen Dark Romance Welle, haben Jugendliche beispielsweise V.C. Andrews‘ „Blumen der Nacht“ und deren Folgebände gelesen. Bei dieser Autrin gibt es ähnliche Tabuthemen, teilweise ähnliche missbräuchliche Konstellationen der jugenedlichen Protagonistinnen. Meiner Meinung nach ist es tatsächlich schwer komplett zu verhindern, dass Andrews‘ Bücher oder eben moderne Dark Romance Bücher nicht zum (eigentlich verbotenen) Lesestoff für Minderjährige werden. Alterssticker sind (wie der Mangabereich auch zum Beispiel zeigt) oft ein Verkaufsargument für Jugendliche. Letztendlich ist es einfach so, dass eine viele weibliche Leserinnen (Jugendliche und Erwachsene) gerne dunkele Fantasien halt Vergew* fantasien haben und explorieren. Ca. 30 % aller Frauen betrifft dies, weshalb es eben auch eine große Anzahl an Frauen gibt, die diese Faszination und somit die Populatrität des Dark Romance Genres NICHT nachvollziehen und akzeptieren können. Dies ist auch der Grund, warum sich auf BookTok under Bookstagram sich viele Usergruppen über die Dark Romance streiten (30% vs. 70%). Verbieten des Genres und der Thematiken bringt aber nichts, denn dann müssten man auch sehr grobe Horror- und Thrillertitel verbieten. Dark Romance Titel bedienen sich nämlich oft aus Erzählungsmustern des Thrillergenres. Nur dass der „Thrill“, die Gefahr, der Konflikt für die Protagonistin von dem Bad Boy im Buch ausgeht, und die Leserinnen, die solche Geschichten mögen, damit unterhalten wird.
Frau Reif schreibt: „Natürlich ist nicht möglich, alle Titel zu lesen und in „problematisch“ und „unproblematisch “ zu kategorisieren.“ Nein, das ist es nicht. Ich kann und will diese Titel nicht alle lesen, aber wie komme ich meiner Verantwortung als Buchhändlerin nach? Ich betrachte es durchaus als meine Verantwortung sehr jungen Leserinnen Alternativen anzubieten und den Verkauf notfalls zu verweigern. Es gibt einfach Inhalte, die ich für nicht angemessen erachte. Wie lösen wir dieses Dilemma auf? Der komplette Markt ist wirtschaftlich gesehen nicht zu verachten und auch eine Buchhandlung ist ein Wirtschaftsunternehmen. Als Buchhändlerin habe ich immer mal wieder Kröte zu schlucken, seien es literarische oder thematische Diskrepanzen. Wir versuchen den Wunsch der Lesenden zu respektieren. Dark Romance ist für mich eine echte Herausforderung. Ich bin absolut der Meinung, dass eine erwachsene Leserin Realität und Fiktion unterscheiden kann. Trotzdem gibt es immer wieder Titel, die für mich die Grenzen derart weit verschieben, dass ich es mit mir nicht vereinbaren kann. Das Genre verlangt in seiner (ich muss es so nennen, sorry) Massenproduktion ein so hohes Maß an Aufmerksamkeit, dass ich für meine Buchhandlung die Entscheidung getroffen habe, natürlich alle gewünschten Titel zu besorgen (angemessenes Alter vorausgesetzt), aber diese nicht vorrätig zu halten. Ich kann das Genre schlichtweg nicht überblicken.
Als interssierter Beobachter der Buchszene stehe ich auf der FBM2025 in der Sonderhalle zum Thema Dark Romance und bin überrascht. Irgendwie hatte ich das Thema unter irgendwas mit Vampiren abgespeichert. Ich blättere und lese und bin überrascht. Dennoch ist es ein erfolgreiches Genre und wie es immer in der Literatur ist gibt es Dinge zu lesen die uns überraschen oder auch nachdenklich zurücklassen. Die Schilderungen und Phantasien lassen einen ü50 Mann etwas ratlos zurück, denn sind dies nicht alles Dinge die heute Tabu sind. Sind sie nicht. Sie existieren in vielen Spielarten der Phantasie, aber eben nicht in der Realität. Diese Grenze müssen Menschen verstehen und dann wird das Bild auch wieder klarer. Keine junge Frau möchte gegen ihren Willen etwas erleben was sie nicht will. Was wollen Menschen aber erleben. Gillian Anderson hat mit ihrem Buch „Want“ eine sehr klare Antwort darauf gegeben was Frauen sich vorstellen können. Die Betonung liegt auf vorstellen. Es empfiehlt sich einen Blick in dieses Buch zu werfen. Es ist eine vortreffliche Sammlung von Dark Romance Ideenvorlagen.