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Birte Kreft: „Die teuersten Produktionen sind nicht automatisch die überzeugendsten Bücher“

Die Stiftung Buchkunst ehrt seit 60 Jahren herausragende Buchgestaltungen und feiert das ab September mit einer Ausstellung in Frankfurt. Wir haben Geschäftsführerin Birte Kreft gefragt, was sich über die Jahre getan hat und warum Haptik und Optik weiterhin eine entscheidende Rolle spielen.

Birte Kreft (Foto: Julia Steinigeweg)
Birte Kreft (Foto: Julia Steinigeweg)

BuchMarkt: Die Stiftung Buchkunst feiert ihr 60-jähriges Bestehen. Wenn Sie auf sechs Jahrzehnte Buchgestaltung zurückblicken: Was hat sich am stärksten verändert?

Birte Kreft: Wenn man in das Archiv der Stiftung Buchkunst blickt, wird Buchgestaltung tatsächlich zu einer Zeitreise. Bücher spiegeln immer auch den Zeitgeist sowie technische und gesellschaftliche Entwicklungen wider. Das zeigt sich etwa an den Materialien: In den 1970er-Jahren galt Kunststoff als modern und zukunftsweisend – und fand seinen Weg in Einbände oder besondere Ausstattungen. Heute spielen Aspekte wie Nachhaltigkeit, Materialbewusstsein und ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen eine größere Rolle. Verändert haben sich also die Mittel und die Rahmenbedingungen. Was sich aber kaum verändert hat: Gute Gestaltung entsteht dort, wo Form und Inhalt überzeugend zusammenfinden. Das war vor 60 Jahren so – und gilt bis heute.

Welche Auswirkungen hatten Digitalisierung und Online-Handel auf die Gestaltung von Büchern? Gibt es eine Gegenbewegung zur zunehmenden Digitalisierung?

Die Digitalisierung hat manche Buchgattungen stark verändert oder teilweise verdrängt. Enzyklopädien oder wissenschaftliche Reihen wie der dtv-Atlas wurden früher regelmäßig als „Schönste Deutsche Bücher“ ausgezeichnet. Heute finden sich viele dieser Inhalte online. Gleichzeitig hat das gedruckte Buch dadurch eine neue Rolle bekommen. Es muss sich weniger über den exklusiven Zugang zu Informationen definieren, sondern über das, was digitale Medien nicht ersetzen können: Materialität, Konzentration und ein bewusstes Leseerlebnis.

Welche anderen Tendenzen beobachten Sie derzeit in der Buchgestaltung?

Der wirtschaftliche Druck ist in vielen Verlagen deutlich spürbar. Formate werden teilweise kompakter, Ausstattungen reduziert und Produktionskosten genau hinterfragt. Das bedeutet aber nicht, dass gute Gestaltung verschwindet. Im Gegenteil: Gerade unter diesen Bedingungen zeigt sich, wie kreativ Buchgestalter:innen und Verlage mit ihren Möglichkeiten umgehen. Gute Gestaltung hängt nicht allein vom Budget ab. Ein überzeugendes Buch braucht nicht zwangsläufig einen Schutzumschlag oder aufwendige Veredelungen. Gerade kleinere, inhabergeführte Verlage zeigen oft, wie viel Qualität und Eigenständigkeit auch mit begrenzten Mitteln möglich sind. Unsere Wettbewerbe machen jedes Jahr sichtbar, dass nicht die teuersten Produktionen automatisch die überzeugendsten Bücher sind.

Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz künftig in der Buchgestaltung spielen?

Künstliche Intelligenz wird sicher viele Arbeitsprozesse verändern – etwa beim Satz, bei der Bildrecherche oder anderen vorbereitenden Aufgaben. Gleichzeitig arbeitet die Buchbranche schon seit Jahrzehnten mit digitalen Werkzeugen. Entscheidend bleibt aber die gestalterische Idee. Für unsere Jurys wird auch künftig ausschlaggebend sein, ob ein Buch als Ganzes überzeugt. KI kann Prozesse unterstützen und neue Möglichkeiten eröffnen – die kreative Entscheidung und die Verantwortung für Gestaltung bleiben jedoch beim Menschen.

Was macht aus Ihrer Sicht ein wirklich gut gestaltetes Buch aus?

Für mich ist ein gut gestaltetes Buch eines, bei dem alles zusammenpasst und das in sich stimmig ist. Gestaltung darf kein Selbstzweck sein, sondern muss den Inhalt unterstützen und sichtbar machen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: Ein Buch über mentale Gesundheit kann beispielsweise mit einem Farbverlauf von dunklen zu hellen Seiten eine Entwicklung subtil aufnehmen. Solche Ideen machen Buchgestaltung spannend. Manche Bücher überzeugen gerade dadurch, dass ihre Gestaltung selbstverständlich wirkt. Sie begleitet den Inhalt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Warum setzen sich viele besondere gestalterische Ansätze nicht im Massenmarkt durch?

Ich würde sagen: Gute Gestaltung setzt sich häufiger durch, als man auf den ersten Blick vermutet. Sie ist eben oft nicht spektakulär. Eine stimmige Typografie, ausgewogene Proportionen oder die passende Papierwahl werden von Leserinnen und Lesern meist nicht bewusst wahrgenommen – und genau darin liegt ihre Qualität. Natürlich setzt die Wirtschaftlichkeit Grenzen. Gerade bei hohen Auflagen können schon kleine Kostenunterschiede darüber entscheiden, ob eine bestimmte Ausstattung umgesetzt wird. Gute Gestaltung zeigt sich deshalb oft darin, mit den vorhandenen Mitteln die bestmögliche Lösung zu finden. Nicht jede experimentelle Idee eignet sich für den Massenmarkt – aber auch ungewöhnliche Lösungen haben ihren Wert.

Wird die Bedeutung der Buchgestaltung in der Branche manchmal unterschätzt?

Ja, diesen Eindruck habe ich tatsächlich manchmal. Bücher begegnen uns oft so selbstverständlich, dass leicht übersehen wird, wie viele gestalterische und produktionstechnische Entscheidungen in jedem einzelnen von ihnen stecken. Für jedes Buch müssen Fragen zu Format, Papier, Typografie, Bindung oder Umschlag neu beantwortet werden. All diese Entscheidungen beeinflussen, wie wir ein Buch wahrnehmen, in die Hand nehmen und schließlich lesen. Genau darauf macht die Stiftung Buchkunst seit 1966 aufmerksam. Durch unsere Arbeit mit den prämierten Titeln wird deutlich, welchen Beitrag gute Gestaltung zur Qualität eines Buches beitragen kann, und gibt der Branche wichtige Impulse. „Die Schönsten Deutschen Bücher“ machen jedes Jahr sichtbar, wie vielfältig gute Buchgestaltung sein kann und wie unterschiedlich Bücher ihre Wirkung entfalten.

Ist das Buchcover heute wichtiger als früher?

Ich glaube nicht, dass das Cover grundsätzlich wichtiger ist als früher – aber seine Rolle hat sich verändert. Es war schon immer das Gesicht eines Buches und beeinflusst, ob jemand danach greift. Durch Online-Handel und soziale Medien muss ein Cover heute zusätzlich im kleinen Format Aufmerksamkeit erzeugen und sich gegen eine große Zahl von Neuerscheinungen behaupten. In unseren Wettbewerben betrachten die unabhängigen Jurys aber nie nur das Cover, sondern immer das Buch als Ganzes. Entscheidend ist das Zusammenspiel aller Elemente.

Was erwartet Besucherinnen und Besucher in der Jubiläumsausstellung?

Unsere Jubiläumsausstellung „Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Stiftung Buchkunst“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt ist eine Reise durch die Geschichte der Stiftung – und durch sechs Jahrzehnte Buchgestaltung. Sie versammelt rund 90 ausgewählte „Schönste Deutsche Bücher“ und zeigt, wie eng gestalterische Entwicklungen mit gesellschaftlichen und technischen Veränderungen verbunden sind. Zu sehen sind historische und aktuelle Exponate aus unserem Archiv, ausgewählt von einem unabhängigen Kuratorium. Die Ausstellung lädt dazu ein, Bücher nicht nur als Träger von Inhalten, sondern als gestaltete Objekte und Zeugnisse ihrer Zeit zu betrachten. Sie zeigt exemplarisch, wie sich Materialien, Herstellungsverfahren und Sehgewohnheiten verändert haben – und wie konstant der Anspruch an gute Buchgestaltung geblieben ist.

Die Fragen stellte Hanna Schönberg

Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher
Jubiläumsausstellung im Museum Angewandte Kunst
September – 1. November 2026
Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt

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