„Krisen haben generell den Nebeneffekt, Eingefahrenes und scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen“
Janika Gelinek: „Unser Kerngeschäft ist das gemeinsame Erlebnis von Literatur, das mit Mundschutz, Hustenetikette und weit voneinander entfernten Stühlen nicht gerade gewinnt“
Gerade in diesen Zeiten ist Literatur wichtiger denn je, spendet Trost und gibt Hoffnung, weitet den Blick, lässt andere Blickwinkel zu. Aber Lesungen fielen aus, lang geplante Tagungen und Veranstaltungsreihen mussten kurzerhand gecancelt werden. Bietet die Krise hier nicht auch Chancen? Wir sprachen darüber mit Janika Gelinek, Co-Chefin des Literaturhauses in Berlin und Rainer Moritz, dem Leiter des Literaturhauses Hamburg:
BuchMarkt:Wie alle Kultureinrichtungen hat Corona auch das Berliner Literaturhaus kalt erwischt. Schockstarre oder Brainstorming?
Janika Gelinek: Für Brainstorming hatten wir keine Zeit, Schockstarre kam nicht in Frage, das heißt bei uns war es eher Learning by doing: Wir haben uns für jede einzelne der schon geplanten Veranstaltungen überlegt, wie können wir sie jetzt unter diesen Bedingungen umsetzen? Das musste zum Teil sehr schnell gehen und hat mal besser und mal schlechter geklappt, aber herausgekommen ist nun eine Vielzahl von Formaten, auf die wir im Rückblick ziemlich stolz sind!
Rainer Moritz: Beides. Natürlich war es für alle Literaturhäuser eine völlig ungewohnte Situation, als wir Mitte März den Veranstaltungsbetrieb von heute auf
Rainer Moritz: „Auf die „Schockstarre“, die mit großem organisatorischen Aufwand verbunden war, folgte eine gewissen Trotzhaltung – nach dem Motto: Was können wir stattdessen tun?“
morgen einstellen mussten. Das war vielerorts mit sehr schmerzlichen Verlusten verbunden; es fielen nicht nur zahllose Lesungen aus, sondern lang geplante Tagungen und Veranstaltungsreihen mussten kurzerhand gecancelt werden – in Stuttgart beispielsweise ein interdisziplinäres Symposion zum Thema „Sehnsucht“, in Hamburg die traditionellen Graphic-Novel-Tage mit zahlreichen internationalen Comickünstlern oder das Frühjahrsfestival „High Voltage“. Auf die „Schockstarre“, die mit großem organisatorischen Aufwand verbunden war, folgte eine gewissen Trotzhaltung – nach dem Motto: Was können wir stattdessen tun? Was lässt sich an Aufgeschobenem jetzt realisieren? Wo besteht Nachholbedarf im digitalen Bereich? Das heißt, die stets präsente Beklemmung schlug immer wieder um in Aktivitäten, die Schritt für Schritt umgesetzt wurden. Krisen haben generell den Nebeneffekt, Eingefahrenes und scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen. Und so haben wir in Hamburg etwa Formate kreiert, die es ohne die Corona-Zeit so schnell nicht gegeben hätte.
Gibt es ein Konzept, wie man mit Abstandsregeln, die uns ja sicher noch eine Weile“erhalten“ bleiben, trotzdem ein solches Haus führen kann?
JG: Wir arbeiten dran, aber es ist nicht leicht. Unser Kerngeschäft ist das gemeinsame Erlebnis von Literatur, das mit Mundschutz, Hustenetikette und weit voneinander entfernten Stühlen nicht gerade gewinnt. Deswegen loten wir das Haus gerade buchstäblich aus: was geht auf dem Dach und auf den Balkonen? Kann man vielleicht in den Fenstern des Kaminzimmers lesen und das Publikum sitzt im Garten davor? Was kosten Picknickdecken und wie viele können wir davon auf den Rasen legen? Zugleich möchten wir das, was wir in den letzten Monaten gelernt haben, weiterhin zur Anwendung bringen, es wird also auch weiter ein digitales Programm geben, in dem wir neue Formate ausprobieren.
RM: Alle sind sich über zwei Dinge im Klaren: Es ist elementar wichtig, dass wir – in Hamburg seit dem 3. Juni – wieder Veranstaltungen machen dürfen. Das ist für Autorinnen und Autoren, für das Publikum und für uns selbst ein herrliches Signal: Hurra, wir leben noch! Genauso deutlich ist aber, dass Abende, bei denen statt 140 Besucher nur 30 bis 35 Einlass finden dürfen, auf Dauer nicht durchzuführen sind. Dieser Verlust an Eintrittsgeldern lässt sich nicht auf Dauer aushalten, und wenn wir im Herbst nicht ein stark ausgedünntes Veranstaltungsprogramm an vielen Orten erleben wollen, braucht es finanzielle Unterstützung von allen Seiten. Geisterlesungen sind keine Lösung, und auch die Online-Formate, über deren Reiz und Nutzen man trefflich streiten kann, gerieren in den wenigsten Fällen ausreichende Einnahmen.
Sind Autoren auf Sie zugekommen, die die Situation nutzen, um vielleicht mal was Neues auszuprobieren?
JG: Ganz genau! Die erste war Judith Kuckart, die für ein Gespräch mit Student*innen der Universität Innsbruck eigentlich nur unsere Internetverbindung nutzen wollte, dann wurde mit Hilfe unserer neuen Technik ein richtig schönes Programm daraus. ARTE freute sich, dass wir das Gespräch über “Kunst und Verbrechen” nicht abgesagt hatten und drehte bei uns im leeren Saal. Dann kam das Goethe-Institut, wir wiederum haben für unseren Europafeiertag erstmals mit “Arbeit an Europa e.V.” zusammengearbeitet. Auch diese nationalen und vor allem internationalen Kooperationen, die im analogen Alltag eher eine untergeordnete Rolle spielen, sollen in Zukunft mehr Raum einnehmen.
RM:Wir waren und sind mit Autorinnen und Autoren, aber auch mit Moderatoren und den Verlagen in regem Austausch. Mit der Schriftstellerin Leona Stahlmann, deren Roman „Der Defekt“ in diesem Frühjahr erschien, haben wir zum Beispiel das neue Onlineformat „Zugabe!“ entwickelt, das im Nachgang zu einer „klassischen“ Lesung als Videoformat Interessierten die Möglichkeit gibt, sich auf diese Weise mit der Autorin intensiv auszutauschen. So haben viele Veranstalter Ideen entwickelt, die keine Notlösungen und Beschäftigungstherapien waren und sind, sondern eine aktive Auseinandersetzung mit dem Fehlenden, der öffentlichen, realen Präsenz von Literatur.
Es gibt ja das Netzwerk der Literaturhäuser? Wie hilft man sich gegenseitig in so einer Situation?
JG: Es war auf jeden Fall wichtig, sich mit den Kolleg*innen in Berlin und im deutschsprachigen Raum auszutauschen: was macht ihr und wie macht ihr’s? Wir waren beeindruckt, wie gerade kleinere Veranstalter eine große Kreativität entwickelt haben, um das Publikum mit in den virtuellen Raum zu holen. Allerdings haben wir auch die Erfahrung gemacht, dass nicht alle Kolleg*innen von einem konsequenten digitalen Kurs überzeugt waren – da ist aus unserer Sicht noch Luft nach oben hinsichtlich gemeinsamer digitaler Aktivitäten und Kooperationen.
RM: Sehr viel. Man tauscht sich auf allen Kanälen aus, gibt Anregungen weiter, berichtet davon, was gut und was weniger gut funktioniert, adaptiert Formate und macht sich gegenseitig Mut.
Wenn Sie sich etwas für Ihr Haus wünschen könnten, was wäre das?
JG: Wir wünschen uns zum einen nichts sehnlicher, als den Großen Saal wieder gerammelt voll mit Publikum zu haben, die dazugehörige schlechte Luft, alle sitzen eng aneinander gedrängt und schwitzen und freuen sich wie Bolle, endlich, endlich wieder eine echte Lesung zu hören!! Zum anderen hoffen wir, dass uns die vergangenen Wochen noch besser gemacht haben, vielfältiger, breiter aufgestellt – dass wir also auch das Publikum, was wir im digitalen Raum gewonnen haben, behalten, und auch immer wieder das Netz bespielen. Und natürlich, dass in Zukunft auch für “die Kultur” milliardenschwere Rettungsschirme aufgespannt werden.
RM: Dass noch mehr Menschen begreifen, wie wichtig Literatur und Kunst für unser Zusammenleben sind – dass wir innerhalb der Gesellschaft nicht zu schnell zum Wir-machen-alles-wie-davor zurückkehren – und dass wir in nicht zu ferner Zukunft wieder Lesungen haben, die aus allen Nähten platzen, und das Wort „Abstandsregel“ wieder dem Fußball, wenn ein Freistoß gepfiffen wird, vorbehalten bleibt.
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