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Josia Jourdan: Die drei Monate und der Tod: Warum der Buchmarkt sein eigenes Grab schaufelt

Josia Jourdan (Foto: privat)
Josia Jourdan (Foto: privat)

Ich drücke die Zigarette in den Aschenbecher, bevor ich den virtuellen Raum betrete. Ein Bildschirm voller Studierender der Uni Mainz starrt mich an. Wir sind verbunden über Teams, die Distanz ist aufgehoben, das Thema ist mein liebstes Ärgernis: New Adult und warum dieser Markt gerade implodiert, während er sich gleichzeitig in Rekordumsätzen sonnt.

Die Einladung zu diesem digitalen Gastauftritt folgte auf meine Thesen hier im BuchMarkt an dieser Stelle. Doch was in der Diskussion mit den Studierenden in Mainz deutlich wurde, ist eine Diskrepanz, die mich nachdenklich stimmt. Wir analysieren den Markt, als wäre er ein statisches Gebilde. Dabei ist er längst eine Maschine geworden, die ihre eigenen Rohstoffe (in Zeiten der Papierkrise literally) frisst.

Das Drei-Monate-Diktat

Die aktuelle Branche hat ein strukturelles Problem: Die „Drei-Monate-Regel“.

Ein Titel wird drei Monate vor Release gehypt, drei Monate nach Release durch den Fleischwolf der Algorithmen gedreht – und dann ist er tot. Vom Verlag abgeschrieben, aus dem Fokus der Marketing-Maschine gekippt. Ausgebrannte Autor:innen, überflutete Buchhandlungen und immer mehr ungelesene Bücher auf dem Konsumstapel. Das ist Fast-Fashion-Logik übertragen auf den literarischen Stoff.

Im Call in Mainz fragte man mich: Wird sich der Markt konsolidieren? Meine Antwort ist ein klares Ja. Er muss.

Von Halbjahres-Programmen zu Assets

Verlage agieren aktuell noch wie Versicherungsvertreter:innen, die auf den nächsten schnellen Abschluss hoffen. Sie kaufen Lizenzen, jagen Trends, spekulieren auf den kurzfristigen Viralitäts-Peak auf BookTok. Aber sie vergessen dabei den Aufbau von echten Assets.

Ein Buch, eine Reihe, eine Autor:innenmarke – das sind keine Wegwerfartikel. Wenn ein Verlag heute eine diverse, eine komplexe, eine literarisch herausfordernde Geschichte einkauft, behandelt er sie oft wie das zehnte Hockeyspieler-Romance-Buch des Jahres. Das ist ökonomischer Wahnsinn.

Echte Assets benötigen Pflege, Zeit, Langfristigkeit und die Planung über ein Projekt hinweg. Diversität, die heute als Alibi-Lizenzeinkauf in die Halbjahresliste gepresst wird, ist morgen – bei konsequenter Betreuung – das Rückgrat eines Programms, das nicht bei der ersten algorithmischen Flaute einknickt. Titel, die besondere Lebensrealitäten abbilden werden viel häufiger zu langsamen Longsellern, da die Zielgruppe zwar vermeintlich kleiner, dafür umso treuer und vor allem weniger überflutet mit Auswahl ist. Gerade im Pride-Monat sieht man, wie viele Verlage die immer gleichen 5 queeren Titel in die Kamera halten und dann ja wohl auch verkaufen. Titel, die sich beim Release und der dreimonatigen Betreuung vielleicht nicht zum Bestseller entwickelt haben, aber aufgrund ihrer Perspektive medial und auf gesellschaftlicher Ebene eigentlich eine viel höhere Marktrelevanz haben.

Die Konsolidierung als Chance

Die Branche wird sich nicht freiwillig schlank machen. Sie wird durch die harte Realität dazu gezwungen: Steigende Produktionskosten, gesättigte Märkte und eine Zielgruppe, die nach 15 identischen „Book Boyfriends“ plötzlich eine instinktive Abneigung gegen das Fließband entwickelt. Die ersten Autorinnen zumindest suchen schon neue Genres oder klagen zumindest laut.

Der „Aufschrei“ der Schreibenden und Lektorierenden ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist das Signal, dass die Grenze des Wachstums durch reine Quantität erreicht ist. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Backlist, auf die Pflege der Marke, auf die strategische Investition, auf Inhalte statt rein spekulativer Trends.

Gerade bei Indie-Verlagen gibt es massives Backlist-Gold und die Zusammenschlüsse von Kleinst-Akteur:innen zu agileren Programm-Fokuseditionen könnte so zu einer langfristigen Themenhoheit führen.

Wenn ich den Studierenden in Mainz eines mitgeben wollte, dann dies: Die Branche braucht keine noch schnellere Taktung. Sie braucht Akteure, die begreifen, dass man aus einer Marke kein „Quick-Flip“-Produkt macht, sondern ein Kapital, das über Jahre arbeitet.

Die Ära des bloßen „Produzierens“ geht zu Ende. Es beginnt die Ära des „Kuratierens“. Bald wird es New Adult-Literatur geben, die den Anspruch hat im Feuilleton stattzufinden und Diversitätstitel, die neue Lektorate und Marktstrategien erfordern.

Wer das nicht begreift, wird irgendwann feststellen, dass er nichts mehr zu sagen hat, weil die Algorithmen längst weitergezogen sind.

Josia Jourdan

Josia Jourdan gehört zu den profiliertesten jungen Stimmen der Schweizer Buchszene. Mit 14 Jahren betrieb er den meistgelesenen Buchblog des Landes, heute ist er Autor des Essaybands Fehlfunktion und schreibt u. a. für die ZEIT, den Freitag und den Tagesspiegel. Er hat die Schweizer Buchbranche in digitalen Strategien und auf BookTok begleitet. Bei BuchMarkt veröffentlicht er seine monatliche Kolumne „Josias Branchenblick“.

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8 Kommentare

  1. Bravo! Endlich! Gute Bücher werden nicht schlechter mit der Zeit, sondern Klassiker, wenn man ihnen den Raum dafür gibt. Neue Bücher sind nicht zwingend zum Klassiker geboren, entscheidend ist die Qualität. Bewährtes muss sich nicht mehr beweisen und kostet deshalb nicht viel. Aber ich beobachte, dass inzwischen viele Verlage auf ihre Backlist-Titel setzen und das ist sehr gut so.

  2. Hervorragender Artikel! Die Besinnung auf die Backlist als Antwort auf den Wahnsinn der uns antreibt, in immer kürzer werdenden Intervallen zu veröffentlichen. Danke dafür!

  3. Wunderbar erfasst! Die vielen Glitzerumschläge mit englischen Titeln machen mich schon lange schwindlig. Zum Glück bin ich in Rente und kann endlich lesen, was ich lesen will und nicht, was ich lesen muss – ganz grosser Unterschied! Ich habe mal versucht, einen New-Romance-Bestseller zu lesen und nach 50 Seiten ins Altpapier geworfen. Fresst Scheisse – Milliarden von Fliegen können nicht irren!

  4. Super formuliert! Ich verstehe nicht, warum man immer wieder Autoren trifft, die dem neuesten Trend hinterherrennen. Ich habe einen Roman geschrieben, der zwar quer ist, aber ganz anders funktioniert. Ich schreibe nicht die hundertste Sportromance. Bei mir stehen die Menschen im Mittelpunkt. Ich mache diesen Trend nicht mit, ich habe etwas eigenständiges geschaffen. Ich erzähle über obdachlose Kinder/ Jugendliche, die zu Hause rausgeflogen sind. Im Mittelpunkt steht ein Männerpaar, das einen Jungen aufnimmt. Und wie sie zu einer Familie werde. Ich mag nicht auf jeden Zug aufspringen.

  5. Starker und wahrer Artikel Josia!
    Frage ist nur: Wer soll das leisten und wie soll das finanziert werden?
    Wie macht man fest, wo es sich lohnt und wo nicht?
    Grundsätzlich sehe ich es ähnlich und hätte genügend Ideen, die das erlauben, jedoch frisst das extrem viele Kapazitäten.

  6. Ich hoffe, die Entscheider in den Verlagen lesen das, beherzigen es und machen was draus. Auf Tiktok bemerke ich, dass die Leser dieser „Logik“ schon vorauseilen. Sie machen Bücher zum Hype, die bereits vor einigen Jahren erschienen sind. Da Verlage sich zwar als Trendsetter begreifen, in Wahrheit aber jedem Trend hinterher hechten, kann man nur hoffen, dass bald ein Umdenken stattfindet.

  7. Der Literaturbetrieb ist sehr schnelllebig geworden. Es fehlt an Tiefe und an schriftstellerischer Expermentierfreude. Die Indie-Verlage, bei denen das vielleicht anders ist, gehen vor lauter Unsichtbarkeit wieder ein. Sie werden von ernstzunehmenden Medien nicht unterstützt. Ihre Bücher finden nicht in den Buchhandel oder auf größere Messen. Der etablierte Literaturbetrieb ist selektiv . Man muss bestimmte Normen erfüllen , um sich durchzusetzen. Ich gebe Ihnen Recht, dass der Buchmarkt in Gefahr ist, an sich selbst zu ersticken. Aber vielleicht ist das nötig, damit Neues entstehen kann, wie Phönix aus der Asche.

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