
Der Münchner Blessing Verlag feierte gestern Abend in München sein 30-jähriges Bestehen. In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich das Programm immer wieder gewandelt und fokussiert sich seit einigen Jahren besonders auf gehobene Belletristik und Literatur. Neben Romanen aus dem deutschsprachigen Raum erscheinen im Blessing Verlag nach wie vor die Bücher prägender Autor:innen wie Kazuo Ishiguro, Joyce Carol Oates, Jan-Philipp Sendker und Amitav Gosh.
Nicola Bardola hat anlässlich des Verlagsjubiläums mit der Verlegerin Anke Göbel, die zugleich auch Mitglied der Geschäftsleitung der Penguin Random House Verlagsgruppe ist und Verlagsleiterin Dr. Nora Haller gesprochen.
Zum Hintergrund: Karl Blessing war bis 1995 Verleger der zur Holtzbrinck-Gruppe gehörenden Verlage Knaur und Kindler. 1996 wechselte er zu Bertelsmann und gründete den Karl Blessing Verlag. Er starb 2005 erst 63-jährig, aber seinen Verlag gibt es immer noch – 30 Jahre nach der Gründung.
Nicola Bardola: Ist die Persönlichkeit Blessing hierzulande nicht mehr so präsent?
Anke Göbel (AG): Ich habe Karl Blessing leider nicht mehr persönlich kennengelernt, aber ich denke, er hatte ein sehr ausgeprägtes Bauchgefühl. Damit gestaltete er ein faszinierendes Programm. Karl Blessing ist in den USA immer noch ein bekannter Name und das Profil seines Verlags ist ambitionierten Verleger:innen dort Vorbild. Und Karl Blessing hat ja viele große Stoffe aus Amerika hierhergebracht: Michael Crichton, Noah Gordon und viele andere. Der Blessing Verlag unter seiner Leitung war sehr international ausgerichtet: Ich erinnere an Arundhati Roy, Kazuo Ishiguro oder Amitav Ghosh. Das war der Schwerpunkt.
Nora Haller (NH): Heute werden die deutschen Stoffe immer wichtiger: Wir haben viele junge deutsche Stimmen im Programm, so zum Beispiel Luca Kieser, Annegret Liepold, Henrik Szántó, Kea von Garnier, und der Schwerpunkt hat sich verändert. Daran wollen wir auch weiterhin festhalten, aber natürlich holen wir immer noch die Welt herein.
Wie unterscheidet sich der Blessing Verlag von vor 30 und 20 Jahren vom heutigen Blessing Verlag?
NH: Es war ein kleiner, aber qualitativ immer hochwertiger und äußerst erfolgreicher Verlag mit einem vielfältigen Programm. Und die Blessing-Bücher von damals bereichern die Backlist von heute. Viele seine Autor:innen sind nach wie vor bei uns präsent.
Heute haben wir allerdings eine klarere Ausrichtung auf gehobene Belletristik. Unser Programm ist weiblicher, viele Stoffe sind deutschen oder europäischen Ursprungs.

Der Indie-Verlag unter dem Konzerndach. Wie ging das damals? Wie geht das heute?
AG: Karl Blessing hat ja als Verleger immer für Konzerne gearbeitet, aber in der Öffentlichkeit wurde das nicht so wahrgenommen. Man hat ihn stets als unabhängigen Geist gesehen, auch wenn er im Zusammenhang einer Verlagsgruppe arbeitete. Und wir machen letztlich mit dem Blessing Verlag genauso weiter. Wir sind ein kleiner und feiner Verlag innerhalb einer großen Verlagsgruppe.
Ich denke, Karl Blessing hat das gemacht, was wir auch machen möchten: Lukrative Bücher einkaufen, Bücher, die ein großes Publikum ansprechen können. Sein Credo war: „Ich will Bücher machen, die viele Menschen interessieren.“ Und das ist hier und heute auch nach wie vor unser Ansatz, auch wenn wir uns bei Blessing inzwischen verstärkt auf die gehobene Belletristik und anspruchsvolle Literatur konzentrieren.
Wie sind Sie bei der Schärfung des Blessing-Profils vorgegangen?
NH: Ein gutes Beispiel ist sicher Kathy Reichs. Sie ist eine großartige Autorin, an der wir unbedingt festhalten wollten. Gleichzeitig haben wir entschieden, dass wir keine klassischen Spannungsstoffe mehr bei Blessing machen. Zum Glück passt Reichs perfekt in das Heyne-Hardcover-Programm, in dem wir große Unterhaltungsstoffe publizieren, sodass Kathy Reichs in diesem „Schwester-Verlag“ von Blessing eine tolle Heimat gefunden hat. Auch haben wir entschieden, dass Blessing ein überwiegend belletristisches Programm haben soll – und so haben einige Sachbuch-Autor:innen ein Zuhause in unseren erfolgreichen Sachbuchverlagen bei Heyne gefunden. Dadurch haben wir das Profil des Blessing-Imprints schärfen können. Blessing steht seither ganz klar für Belletristik und für eine große literarische Bandbreite.
Zum Blessing-Verlag gehört seit 2025 auch ein Taschenbuchprogramm …
NH: Ja, und darüber freuen wir uns sehr. Jahrelang sind die Blessing-Hardcover bei Heyne als Taschenbücher erschienen und noch früher, zu Karl Blessings Zeiten, auch bei Goldmann/btb. Dabei ist völlig klar, dass Autor:innen sich mit ihrem Verlag identifizieren und den nachvollziehbaren Wunsch haben, alle Formate ihrer Bücher unter demselben Label zu veröffentlichen.
Im Taschenbuchprogramm bei Blessing veröffentlichen wir neben unseren Autor:innen natürlich auch Lizenzeinkäufe, also Fremdlizenzen, beispielsweise den Roman „James“ von Percival Everett, der als Hardcover bei Hanser ein großer Erfolg war. Demnächst erscheint auch die Taschenbuchausgabe von Verena Keßlers Roman „Gym“, den wir ebenfalls von Hanser gekauft haben. Und manchmal gelingt es uns, bedeutende Autor:innen auch ganz für uns zu gewinnen, beispielsweise Tara Meister. Sie hat uns beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt einfach umgehauen. Genauso wie übrigens Henrik Szántó, der letzten Sommer mit „Treppe aus Papier“ bei uns erschienen ist.
2022 haben Sie entschieden, den Blessing Verlag neu auszurichten. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
AG: Zunächst waren vor allem viele Gespräche notwendig, wir sind von Agentur zu Agentur gereist, um dafür zu sorgen, dass alle wissen, was wir künftig akquirieren wollen, nach welchen Autor:innen wir Ausschau halten.
Das sind Gespräche, die erstmal nicht sichtbar werden, aber sehr wichtig sind. Autor:innen haben ja oft konkrete Vorstellungen, wo sie veröffentlicht werden wollen. Umso wichtiger ist es, dass die Agenturen ihnen nun sagen, was sich bei Blessing verändert hat, was bei Blessing gerade passiert. Die Agenturen haben uns mit großem Vertrauen auf dem Weg der Neuausrichtung begleitet.
NH: Ja, erst die Agenturen und dann die Autor:innen. Wir haben in den letzten Jahren die Blessing-Familie mit so vielen wunderbaren Autorinnen und Autoren erweitern und mehrere Auktionen für uns entscheiden dürfen. Wir haben renommierte und besondere internationale Stimmen zu Blessing holen dürfen wie Jess Gibson, Joyce Carol Oates und Yasmin Zaher, genauso wie ganz neue, vielseitige Autor:innen aus dem deutschsprachigen Raum, wie Kea von Garnier, Mercedes Spannagel, Luca Kieser, Miriam Burdelski – und in den nächsten Programmen kommen noch viele, viele mehr, auf die wir uns freuen können.
Unsere Konzentration auf gehobene Belletristik, auch weiblicher, spricht sich herum. Ältere Verlagsprogramme – nicht nur die von Blessing – waren sehr männlich. Jetzt sind wir bei Blessing an einem Punkt angekommen, bei dem das Verhältnis in jeder Hinsicht stimmt.

Nicola Bardola war vor 30 Jahren als Belletristik-Lektor im Start-Team des Blessing Verlags. Soeben ist sein Buch „Ingeborg Bachmanns München“ (Volk Verlag) erschienen.







