
Der Autor und Berater Patrick Meier wirft einen aktuellen Blick auf die KI-Diskussion im Buchmarkt.
Ich scrolle durch meinen Feed, wie an den meisten Abenden, und stoße auf den dritten Post in einer Stunde, der mir erklärt, dass künstliche Intelligenz das Ende der Kreativität sei. Ein Musiker, den ich seit Jahren kenne, schreibt von der Entwürdigung seines Berufsstandes. Eine Autorin, mit der ich mal auf einer Lesung gesprochen habe, postet ein Bild ihres neuen Buchs mit dem Hashtag «handgeschrieben». Beide sind selbstständig. Beide kämpfen um jede Hörerin, jeden Leser. Und beide haben, ohne es zu wissen, gerade die Pointe meiner eigenen Recherche vorweggenommen.
Denn während ich weiterscrolle, finde ich, ein paar Posts weiter unten, fast beiläufig verlinkt, eine Studie des Börsenvereins. Trockene Prozentzahlen, keine Empörung, kein Ausrufezeichen. Große Verlage, heißt es da, schätzen das strategische Potenzial von KI für Wettbewerbsvorteile deutlich höher ein als kleine. Bei der Prozesseffizienz liegt der Unterschied bei fast einem ganzen Punkt auf einer Fünferskala. Niemand in meinem Feed regt sich darüber auf. Niemand postet dazu ein Hashtag.
Genau das ist die Irritation, die mich seit Tagen nicht loslässt. Die Lautstärke der Empörung verteilt sich völlig ungleich zur tatsächlichen Verschiebung der Macht. Wer am wenigsten Mittel hat, schreit am lautesten. Wer am meisten gewinnt, sagt fast gar nichts.
Meine These, und ich werde sie hier nicht vorsichtig formulieren: Die großen Buchverlage und Musiklabels werden mit Hilfe von KI genau jene Marktanteile zurückholen, die sie in den letzten Jahren an Selfpublisher:innen und unabhängige Labels verloren haben. Nicht weil sie kreativer wären. Sondern weil sie es sich leisten können, KI nicht punktuell, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette einzusetzen, vom Lektorat über die Marktanalyse bis zur Covergestaltung und der Kampagne, die danach läuft. Genau jene Infrastruktur, die einem einzelnen Selfpublisher schlicht fehlt.
Die Zahlen, die ich dazu gefunden habe, lassen wenig Interpretationsspielraum. Große Verlagshäuser bewerten ihr Potenzial bei Markt- und Trendanalysen mit 3,9 von 5 Punkten, kleine mit 2,7. Bei der Produktivität der Mitarbeitenden klafft die Lücke ähnlich weit. Das ist kein Zufall und auch keine Frage des guten Willens. Das ist eine Frage des Budgets, der internen KI-Strategie, der Kooperationen mit externen Anbietern, die sich nur jene leisten können, die schon vorher groß waren. Während ein Drittel der Verlage inzwischen eigene KI-Lösungen entwickelt, sitzt der einzelne Selfpublisher noch vor einer Excel-Tabelle mit Werbeausgaben, die jeden Monat teurer werden, ohne dass sich an der eigenen Sichtbarkeit etwas ändert. Die einen bauen Werkzeuge für die gesamte Wertschöpfungskette. Die anderen optimieren ein einzelnes Buch in einem Markt, der längst von etwas anderem überflutet wird.
Und während die Selfpublisher in genau dieser Flut versinken, die sie selbst mit erzeugt haben, weil monatlich Zehntausende KI-Bücher die Ranglisten verstopfen und die Werbepreise pro Sichtbarkeit explodieren lassen, wirkt Amazons Reaktion darauf fast schon rührend hilflos. Drei Uploads am Tag pro Account, das ist die ganze Maßnahme. Wer ehrlich an einem Buch arbeitet, ob mit oder ohne KI-Unterstützung im Lektorat, lacht über diese Grenze, weil er sie nie auch nur ansatzweise erreicht hätte. Drei fertige Bücher an einem Tag schreibt niemand, der noch selbst liest, was er da veröffentlicht. Die Begrenzung trifft also nicht die Flut, sie trifft höchstens deren Symptom. Wer wirklich im großen Stil Buchmüll produziert, tut das längst über mehrere Accounts gleichzeitig, drei hier, drei dort, und die Rechnung geht für ihn trotzdem auf. Die Plattform hat eine Geste gemacht, keine Lösung. Die Großen brauchen die KI ohnehin nicht, um Romane zu generieren. Sie brauchen sie, um schneller zu erkennen, welches Thema gerade zieht, um das Cover in der Hälfte der Zeit fertig zu haben, um die Kampagne zu personalisieren, bevor der Trend wieder vorbei ist. Geschwindigkeit von Trend zu Regal, das ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil, nicht die Maschine, die den Plot erfindet.
In der Musikbranche läuft genau dasselbe Spiel, nur mit anderem Vokabular. Während Suno täglich Millionen Songs ausspuckt und Plattformen wie Deezer ihre Algorithmen umbauen, um diese Flut aus den Empfehlungen herauszuhalten, verhandeln Universal, Sony und Warner längst nicht mehr nur über Schadensersatz. Universal hat sich mit Udio auf eine Partnerschaft geeinigt, lizenziertes Training, eigene Plattform, neue Erlösmodelle. Die Klage war die Drohgebärde. Die Lizenzpartnerschaft ist das eigentliche Geschäft. Genau das, was ich seit einiger Zeit über Copyright-Strategie in der Buchbranche schreibe, lässt sich hier eins zu eins übertragen: Wer groß genug ist, verklagt nicht, um zu gewinnen, sondern um sich eine Beteiligung zu erstreiten. Die unabhängigen Künstlerinnen und Künstler, deren Verdrängung in der Klageschrift als Argument auftaucht, haben diese Verhandlungsmacht nicht. Sie konkurrieren direkt mit der Flut, ohne die Möglichkeit, sich an ihr zu beteiligen.
Die Empörung in meinem Feed ist also nicht falsch. Sie ist nur an der falschen Stelle laut. Die Großen müssen sich nicht wehren, sie verhandeln sich gerade in eine bessere Position als vor der KI. Und wer am Ende des Jahres auf die Marktanteile schaut, wird vermutlich feststellen, dass die Bücher mit Verlagslogo und die Songs mit Labelvertrag nicht weniger geworden sind, sondern mehr. Nur eben leiser produziert.
Quellen
• Börsenverein des Deutschen Buchhandels / IG Digital / Highberg: KI-Studie der IG Digital 2026, zitiert nach boersenblatt.net, „Effizienzbooster oder KI-Strategie? Große Unterschiede bei Verlagen“
• buchmarkt.de: „Wie KI-Bücher Amazon KDP überfluten und den Buchmarkt verändern“
• t3n.de: „Autoren dürfen nur noch 3 Bücher am Tag bei Amazon einstellen“
• ComputerBase: „Amazon: Flut von KI-generierten E-Books sorgt für Kundenfrust“
• OMR: „Slop sells? Wie KI-Bücher Amazon fluten – und wer kassiert“
• literaturcafe.de: „Studie des Börsenvereins: KI in den Verlagen angekommen und angenommen“
• retresco.de: „KI im Verlagswesen: Vom Pilotprojekt zur strategischen Kernkompetenz“
• verlagederzukunft.de: „KI im Verlagswesen: Zwischen Anspruch und Realität“
• dynamoi.com: „KI-Musikstatistik: 6,65 Mrd. USD Marktgröße [2026]“
• recordjet.com: „KI und Musikrechte: UMG & Udio schließen historischen Lizenzdeal“
• laut.de: „KI-Songs: Majorlabels verklagen KI-Start-Ups“
Über den Autor:
Patrick Meier, auch bekannt als #digitalpaddy, ist Verlagsfachwirt, Digitalexperte und zertifizierter Prompt Engineer. Mit über 25 Jahren Erfahrung in der Medien- und Marketingbranche berät er Unternehmen zu datengetriebenem Marketing, KI-Nutzung und nachhaltiger digitaler Transformation. Als Mitinitiator des Konzepts #greenprompting setzt er sich für einen bewussteren, effizienteren Umgang mit Künstlicher Intelligenz ein. Meier kombiniert klassisches Medien-Know-how mit innovativen Ansätzen der digitalen Kommunikation und ist regelmäßig als Referent, Autor und Content Creator aktiv.







