Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:
„Chronik einer Massenhysterie“: Drastik bringt dieses Thema mit sich: Liao Yiwus Romanrückblick Die Liebe in den Zeiten Mao Zedongs über die Proletarische Kulturrevolution in China. „Die Liebe in Zeiten Mao Zedongs ist eine Trilogie, beginnend in den Wirren der Kulturrevolution und wie ein amerikanisches Roadmovie endend mit einer Reise nach Tibet, dem Höhepunkt des Romans in geographischer wie literarischer Hinsicht.“
- Liao Yiwu, Die Liebe in Zeiten Mao Zedongs. Roman. (aus dem Chinesischen von Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann; S. Fischer)
„An verlässlicher Forschung führt kein Weg vorbei“: Über die Macht der Expertise: Klaus Ferdinand Gärditz analysiert das Verhältnis von Politik und Wissenschaft. „Gärditz widmet sich dem eigentlichen Thema seines Textes auf kaum zehn Seiten. Das ist eigentlich auch plausibel, schließlich bemüht er sich auf den verbleibenden fast zweihundert Seiten auf profunde Weise, das schlichte Bild der wissenschaftlichen Hoflieferanten zu entkräften, indem er das viel komplexere Verhältnis von Wissenschaft und Politik fundiert und kenntnisreich analysiert.(…) Aber die eigentliche Leistung seines Buches besteht gerade darin, aus der Perspektive des Juristen die Schutzfunktion des Rechts für die vulnerable Wissenschaft zu verdeutlichen. Kurz: Was hat Autor und Verlag bloß geritten, dem Buch diesen Titel zu geben?“
- Klaus Ferdinand Gärditz, Hoflieferanten. Wie sich Politik der Wissenschaft bedient und selbst daran zerbricht (S. Hirzel Verlag)
„Es wird mit dem Hammer erzählt“: Ein zunehmend onkeliger Kommentator schaltet sich ein: Michael Kleeberg beendet die Romantrilogie um seinen Protagonisten Karlmann Renn. „Dämmerung erzählt also mit dem Hammer, kokettiert recht kalkuliert mit dem Unterschied zwischen Figurenrede und allenfalls mutmaßlicher Autorenmeinung. Dass dem redseligen Erzähler zukünftig tatsächlich die Sprache wegbleiben wird, mag man ihm angesichts seiner Wortgirlanden und -kaskaden und seinem Drang, einer Zeit nachzutrauern, nur halb abnehmen. Es sei ihm hier aufmunternd gesagt: So schnell geht die Welt nicht unter.“
- Michael Kleeberg, Dämmerung (Penguin Verlag)
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„‚Weniger Zwang, weniger Gewalt’“: Der Psychiatrie-Professor Andreas Heinz hält das moderne Verständnis von psychischen Erkrankungen für tief geprägt durch koloniales Hierarchie-Denken. Wie kommt er darauf? „Bei Suhrkamp ist gerade sein Buch Das kolonialisierte Gehirn und die Wege der Revolte erschienen. Darin untersucht er die Rolle rassistischer Herrschaftsrechtfertigung in der Geschichte der Diskussionen um psychische Erkrankungen. Das Buch ist ein wilder Ritt durch die Dialektik der Psychiatriegeschichte zwischen Disziplinierung und ‚Revolte‘. Manchmal fällt man beim Lesen kurz vom Pferd, aber die Reise bietet erstaunliches Anschauungsmaterial.“
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Andreas Heinz, Das kolonialisierte Gehirn und die Wege der Revolte (Suhrkamp)
„Verführerische Funktionäre“: Charlotte Gneuß’ Coming-of-Age-Story in der DDR: Gittersee. „Der Sog des Romans entsteht aus dem Kontrast zwischen der Atmosphäre der Enge, der staatlichen Restriktionen und dem Freiheitswillen, der sich in unterschiedlichen Figuren Bahn bricht. Dafür findet Charlotte Gneuß eine schlüssige Perspektive: Sie bleibt dicht am Bewusstsein ihrer jugendlichen Protagonistin, die einen scharfen Blick für Details hat, aber Zusammenhänge nicht erkennen kann oder nicht erkennen will.“
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Charlotte Gneuß, Gittersee (S. Fischer)
„Die Frau des Ministers“:Niccolò Ammaniti und sein grell überzeichnetes Italien. „Intimleben lässt sich wegschlotzen wie einer der Gemüse-Smoothies, die auf dem Speiseplan der First Lady stehen. Es ist schmissig geschrieben und liefert eine Persiflage auf die medientrunkene Politszene der italienischen Hauptstadt. Ein großes Buch ist es aber nicht – dazu sind die Verwicklungen allzu vorhersehbar, die Übersteigerungen zu forciert. Dauernd hat man das Gefühl, als sei die Tonspur auf Schnelldurchlauf gestellt.“
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Niccolò Ammaniti, Intimleben. (aus dem Italienischen von
Verena von Koskull; Eisele)
„Der schönste Mann auf dem Kontinent“: Muna oder Die Hälfte des Lebens: Terézia Mora erzählt von einer attraktiven, gescheiten Frau, die sich übel in den Falschen verliebt. „Der neue Roman von Terézia Mora ist wirklich nicht allein ein Buch über eine Frau, die von ihrem Freund geschlagen wird, aber trotzdem läuft die ganze Geschichte darauf hinaus. Die Frau ist so verliebt und offensiv, wie nur die Liebe offensiv machen kann.“
- Terézia Mora, Muna oder Die Hälfte des Lebens (Luchterhand)
„Geschichten, aus Erinnerungen herausgeschält“: In ihrem Roman Dünnes Eis macht Theres Essmann Kriegstraumata plausibel und vermag doch nicht zu trösten. „Auch ohne Trost zu spenden, erinnert „Dünnes Eis“ daran, wie viel Leben in alten Menschen noch steckt. Sie mögen vielleicht wunderlich werden, mehr Geduld einfordern. Aber das Buch weckt den Wunsch, die eigene Großmutter anzurufen – nicht aus Pflichtgefühl, sondern um noch das allerletzte bisschen Geschichte aus ihr herauszupressen.“
- Theres Essmann, Dünnes Eis (Dörlemann)