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Deutschlandfunk rollt „Gittersee“-Affäre um Roman von Charlotte Gneuß auf

(Foto: Deutschlandradio / Simon Detel)

Wie funktioniert Macht im Literaturbetrieb? Wer bestimmt, welche Autoren und Autorinnen welche Bücher über welche Themen schreiben dürfen? Eine Deutschlandfunk-Kulturrecherche untersucht, wie in der Literaturwelt Einfluss ausgeübt wird und mit welchen geschlechtsspezifischen Mechanismen junge Autorinnen konfrontiert sind. Dafür hat die Journalistin Anh Tran die Debatte um den Roman „Gittersee“ (2023) von Charlotte Gneuß neu recherchiert – und mit sämtlichen Beteiligten gesprochen.

Im Spätsommer 2023 diskutierte die Bücherwelt intensiv über den Debütroman „Gittersee“ von Charlotte Gneuß. Das Buch über eine Teenagerin im Dresden der 70er Jahre stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Dann schrieb die FAZ, dass es eine sogenannte „Mängelliste“ gebe: über 20 Beanstandungen, die vermeintliche historische Fehler in Gneuß’ Roman benennen. Verfasst hatte die Auflistung der bekannte Schriftsteller Ingo Schulze, ohne dafür einen Auftrag zu haben. Sie gelangte unter ungeklärten Umständen an die Jury des Deutschen Buchpreises – zu einem Zeitpunkt, als die Jury gerade entschied, welche Bücher in die finale Runde gewählt werden. „Gittersee“ kam schließlich nicht auf die Shortlist. Die Kulturrecherche konstruiert erstmals vollständig, wie die Auflistung weitergegeben wurde.

Die Journalistin Anh Tran hat dafür mit Charlotte Gneuß, Ingo Schulze, einem Jury-Mitglied und anderen gesprochen. Demnach war ein weiterer renommierter Autor beteiligt: Frank Witzel, Buchpreisträger von 2015, hat die Liste der Jury zukommen lassen. Das geschah mit Einwilligung von Ingo Schulze, wie sich jetzt entgegen früherer Aussagen herausstellt. Witzel habe gegenüber der Juryvorsitzenden die „Mängelliste“ erwähnt, um sie „nicht ahnungslos dastehen zu lassen“.

Die Recherche adressiert damit gleich mehrere aktuelle Diskussionen: Inwiefern werden Juryentscheidungen beeinflusst? Wer darf über was schreiben? Wie ist das Verhältnis von älteren weißen männlichen Schriftstellern zu jungen weiblichen Schriftstellerinnen? Oder handelt es sich am Ende um einen Sturm im Wasserglas? Was meinen Sie?

Online ist die Recherche unter deutschlandfunk.de/gittersee zu finden.

2 Kommentare

  1. Jede und jeder darf über jedes Thema schreiben. Nicht jeder sollte über jedes Thema schreiben. Lektorate sollten überlegen, ob sie bestimmte Themen kompetent betreuen können und sich notfalls Hilfe holen – bei Ingo Schulze, Frank Witzel oder tausend anderen, die in der DDR gelebt haben und sich erinnern können. Am besten bei denen, die in der DDR Mitte der 1970-er Jahre Teenager waren, wenn es um einen Text wie „Gittersee“ geht. Junge Schriftstellerinnen – auch die weiblichen! – dürfen Hinweise älterer Schriftsteller jeder Haufarbe ignorieren, sollten aber für jeden Rat, der ihr Tun besser macht, dankbar sein. Jurymitglieder*innen ebenfalls.

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