
Wie erzählt man die Geschichte eines Verlags, der seit 50 Jahren besteht? Der Zürcher Rotpunktverlag hat sich gegen die klassische Festschrift entschieden. Statt einer Chronik mit Daten, Programmhöhepunkten und Zeitzeugenberichten erschien zum Jubiläum Anfang Juni der Roman Der Verlag – ein literarisches Gemeinschaftsprojekt von vier Autor:innen des Hauses, die aber auch in anderen Verlagen veröffentlichen.
Die Idee dahinter: Nicht die Geschichte des Rotpunktverlags sollte nacherzählt werden, vielmehr handelt der Roman von einem Kleinverlag, in den sich viele andere unabhängige Verlagsmenschen hineinversetzen können dürften. Die Geschichte macht die Leidenschaft, die Unsicherheiten und den Alltag des Büchermachens sichtbar und Branchenfremde lernen etwas darüber, wie es hinter den Kulissen eines Verlags abläuft. Im Mittelpunkt stehen die Menschen hinter den Büchern und die Frage, warum unabhängige Verlage trotz wirtschaftlicher Herausforderungen weitermachen.
Entstanden ist das Buch aus vier Perspektiven. Die Autorin Karin Rey erzählt von der Verlagsleiterin Nola, die sich auf ein großes Verlagsjubiläum vorbereitet und dabei die Spielregeln des Betriebs erst noch lernen muss. Die Autorin Romana Ganzoni begleitet die Autorin Susanna Mainradi, die nach ihren Lyrik-Erfolgren ihren ersten Roman längst versprochen hat, aber nicht vorankommt. Samuel Herzog schickt als ehemaliger Verlagsmitarbeiter Peter rätselhafte Postkarten von einer Weltreise, während Lis Künzli als Übersetzerin Pénélope per E-Mail über Wörter, Literatur und die Zukunft des Schreibens diskutiert.
Die unterschiedlichen Stimmen spiegeln sich auch formal wider: Postkarten, E-Mails und klassische Erzählpassagen wechseln einander ab. So entsteht ein vielstimmiger Blick auf eine Branche, deren Alltag meist im Verborgenen bleibt.
Dabei greift Der Verlag auch aktuelle Debatten auf. In einem E-Mail-Wechsel zwischen Autorin und Übersetzerin wird etwa die Rolle Künstlicher Intelligenz im Literaturbetrieb verhandelt. Die Übersetzerin gibt sich gelassen: Noch habe niemand gesagt, er sei „sofort in die Buchhandlung gerannt und habe alles gekauft, was es von dieser KI gibt“. Die Autorin wiederum fragt, ob Schriftsteller:innen selbst Gefahr laufen, im Produktionsdruck des Literaturbetriebs zu funktionierenden Maschinen zu werden.
Gleichzeitig wird deutlich, worauf unabhängige Verlage nach Ansicht der Romanfiguren bauen können. Als die Verlagsleiterin Nola über die Zukunft ihres Hauses nachdenkt, notiert sie ein einziges Wort auf ein Blatt Papier: „Menschen“. Gemeint sind Autor:innen, Buchhändler:innen, Vertreter:innen, Journalist:innen und Leser:innen – jenes Netzwerk, das Literatur überhaupt erst möglich macht.
Dass die fiktive Verlagswelt durchaus Anleihen beim Rotpunktverlag nimmt, ist kein Geheimnis. Für ihre Figur ließ sich Karin Rey unter anderem vom Verlagssitz, dem Lager und den Abläufen des Hauses inspirieren. Aber: „Uns war es ein großes Anliegen, dass die vier Autor:innen nicht 1:1 den Rotpunktverlag porträtieren, sondern von ihm ausgehend einen Verlag erfinden, mit dem sich hoffentlich auch andere Kleinverlage identifizieren können“, erklärt Lektorin Anina Barandun.
Gegründet wurde der Rotpunktverlag 1976 als Genossenschaft mit dem Ziel, sozialistische Literatur zu verbreiten, 1997 wurde er zu einer Schweizer Aktiengesellschaft. 2024 sorgte das Haus mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne für Schlagzeilen, die weit über die ursprünglich angestrebte Summe hinaus Unterstützung für eine Fortführung mobilisierte. Zum Verlagsprogramm zählen heute die Bereiche Literatur, Sachbuch und Wandern.
Mit Der Verlag schenkt sich der Jubilar nun ein Buch, das weniger zurück- als nach vorne blickt. Und das zeigt, dass hinter jedem Programm, jeder Honorarabrechnung und jedem Manuskript vor allem eines steht: Menschen, die an Bücher glauben. Und das feierte der Verlag in echt wie im Buch zum Erscheinungstermin des Titels am 3.6.26 mit einer Jubiläumsfeier.








