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„Großer Preis des Deutschen Literaturfonds“ an Esther Dischereit und weitere Auszeichnungen

Esther Dischereit (Foto: Bettina Straub)

Den „Großen Preis des Deutschen Literaturfonds“ erhält in diesem Jahr Esther Dischereit. Sie wurde von der Jury, bestehend aus Maryam Aras, Matthias Kniep und Miriam Zeh, aus dem Kreis der bisher durch den Deutschen Literaturfonds geförderten Stipendiatinnen und Stipendiaten gewählt.

Der „Große Preis des Deutschen Literaturfonds“ ist aus dem „Kranichsteiner Literaturpreis“ hervorgegangen und mit 50.000 EUR dotiert. Er gehört neben dem „Joseph-Breitbach“- und dem „Georg-Büchner-Preis“ zu den hochdotierten Literaturpreisen für ein herausragendes literarisches Gesamtwerk. Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger sind Felicitas Hoppe, Ulrike Draesner, Georg Klein, Annette Pehnt, Martina Hefter und Katerina Poladjan.

Aus der Begründung der Jury: „Die Jury für den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds ehrt 2026 die Schriftstellerin Esther Dischereit für ihr Gesamtwerk. Als Tochter und Schwester von Überlebenden der Shoa setzt sie sich literarisch wegweisend mit verschwiegenen Kapiteln deutscher Geschichte und weiblicher jüdischer Identität auseinander. In ihrem umfangreichen Werk aus Prosa, Lyrik, Hörstücken, Gesängen und Essays verschiebt sie immer wieder formale und diskursive Grenzen.

Esther Dischereits dichterisches Schaffen (Als mir mein Golem öffnete 1997, Rauhreifiger Mund oder andere Nachrichten 2001, Im Toaster steckt eine Scheibe Brot 2006, u.a.) sucht das Historische im Alltäglichen, in der Natur: einen Zaun, der gestrichen wird, einen Baum, eine Landschaft – und die Erinnerung an Mord und Vertreibung, die scheinbar überraschend im selben Satz Platz findet. Ihre Gedichte arbeiten mit größter sprachlicher Präzision, mit Brüchen, die Lesegewohnheiten stören, und finden für Verbrechen, Verdrängung und Mitläufertum Bilder von erschütternder Klarheit.

Dabei gilt ihr humanistischer Imperativ immer auch für andere: für die Hinterbliebenen des NSU-Terrors, deren Schmerz und ausbleibende Gerechtigkeit sie im Opernlibretto Blumen für Otello. Über die Verbrechen von Jena (2014) lyrisch aufarbeitet; und für die palästinensische Bevölkerung, deren Gewalterfahrung sie als jüdische Schriftstellerin in Gedichten und Kurzprosa unerschrocken zur Sprache bringt.

In ihrem jüngsten Roman Ein Haufen Dollarscheine (2024) erzählen eine Tante und ihr Neffe eine weitverzweigte Familiengeschichte zwischen Heppenheim, Berlin, Managua und Chicago. „Meine Mutter hatte meine Schwester acht Jahre durch die Nürnberger Gesetze geschleppt“, sagt die Tante und deutet damit an, was sich in Dischereits lakonisch-oraler Prosa den Leser:innen aufdrängt: die Folgen der NS-Zeit für jüdische Menschen, ihr Leben, ihr Fühlen, ihre Beziehungen – und die Fortsetzung des Unrechts auf menschlicher wie staatlicher Ebene.
Mit Esther Dischereit zeichnet die Jury eine Autorin aus, die der deutschen Literatur eine Sprache für das lange Verschwiegene gibt.“

Kranichsteiner Literaturförderpreis 2026 für Sophia Merwald

Der „Kranichsteiner Literaturförderpreis“, der seit 2003 jährlich durch den Deutschen Literaturfonds an eine Autorin oder einen Autor unter 35 Jahren mit mindestens einer Buchveröffentlichung vergeben wird, geht an die Autorin Sophia Merwald.

Aus der Begründung der Jury: „Das Romandebüt Sperrgut (2026) von Sophia Merwald ist ein den Einsamen zugeeignetes Buch. Erzählt wird darin, wie aus „unzivilisiertem Nichts“ – einer Brache in einem Gewerbegebiet, in der nichts als die Gewissheit wuchert – ein Schwarzbau entsteht: das Lusthansa, ein von Efeu befallenes Haus, eine Zuflucht vor allem für Frauen.

In sprichwörtlich schweren Zeiten, in denen die Dystopie eine der marktgängigsten literarischen Waren darstellt, entwirft Merwald die Utopie eines Gegenlebens an einem Gegenort mit Schankraum, Rutsche und Schlummerbier: Die Lusthansa-Erbauerin „Kristalloma“ leitet diese verschworene Gemeinschaft aus von der Mehrheitsgesellschaft Ausgespuckten. Ich-Erzählerin Stevie findet Unterschlupf bei ihr, stößt auf eine widerständige Geschichte des Lusthansa, die sie unmittelbar in die eigene Kindheit zurückführt. Zusammen mit ihrer Geliebten Maj tastet Stevie im Möglichkeitsraum des Lusthansa nach ihrer beider Risse und Wunden. Währenddessen verwandelt sich der Rand in ein geheimes Zentrum, das wiederum vom Rand bedroht wird. Denn auch hier gilt: kein Paradies ohne Regelbruch und Vertreibung.

Bei genauerer Betrachtung besteht die eigentliche Utopie jedoch nicht in dem auf keiner Karte aufzufindenden Ort, auch nicht in der ins Phantastische spielenden Fabel, sondern im Fabulieren selbst. Ein neuer Ton schleicht sich in die deutsche Gegenwartsprosa ein. Sperrgut ist ein Buch über die Lehre vom Widersetzen und vom Widersatz – einem bedauerlicherweise außer Gebrauch geratenen Wort. Über die Turmspringerin Maj heißt es einmal, sie spreche wie ein Knäuel, das nicht entwirrt werden will. Ähnliches lässt sich über die Sprache Merwalds sagen. Sie entlädt sich in unerhörten, ja nie gehörten Formulierungen, lauter Widersätzen, in denen der Text seinen Gegensinn frei entfaltet.

Mit Sperrgut zeichnet die Jury ein bemerkenswertes Debüt aus, in dem von der „Gleichzeitigkeit des Verlusts“ und der Erinnerung an jene Menschen erzählt wird, die man tief in sich verräumt hat; ein sprachmächtiges Lehrstück darüber, wie man seine Form findet und zugleich außer Fassung gerät.“
Der „Kranichsteiner Literaturförderpreis“ ist seit 2024 mit 10.000 Euro dotiert.

New-York-Stipendium an Tomer Gardi

Tomer Gardi versetzt die deutsche Sprache in Bewegung. Seine Romane entstehen aus Übergängen: zwischen Hebräisch und Deutsch, Herkunft und Gegenwart, Komik und politischer Erinnerung. In Broken German (2016) macht Gardi das vermeintlich fehlerhafte Deutsch zur literarischen Form, in Eine runde Sache (2020) verbindet er Künstlerroman, Sprachwechsel und politische Weltwahrnehmung zu einer doppelten Bewegung durch Zeiten und Kontinente. In Liefern (2026) weitet er diesen Zugriff zu einem Gegenwartsroman über globale Abhängigkeiten. Zwischen Tel Aviv, Delhi, Berlin, Buenos Aires und Naivasha folgen wir Lieferfahrenden, Sprachschülerinnen, Müttern und Rosenarbeiterinnen. Dramaturgisch brillant erzählt, fragt Gardis Literatur, wer wohin gehört – und wer für wen unterwegs ist.“

Das New-York-Stipendium umfasst einen zehnwöchigen Aufenthalt im Deutschen Haus in New York. Der Deutsche Literaturfonds stellt die Mittel für die Reise und den Aufenthalt bereit.

London-Stipendien an Karosh Taha und Katja Oskamp

„Im Werk von Karosh Taha ist Herkunft ein umkämpfter Sprach- und Körperraum. Schon ihr Debüt Beschreibung einer Krabbenwanderung (2018) erzählt von einer Familie zwischen Emanzipationswunsch, sozialer Kontrolle und der Unsicherheit eines geduldeten Lebens. Im Bauch der Königin verschärft diesen Zugriff formal: als Wenderoman, in dem Begehren und familiäre Gewalt je nach Perspektive anders lesbar werden. Mit Gulistan (2026) öffnet Taha ihr Schreiben noch einmal historisch: Der kurdische Name wird lebensbedrohlich, der verschwundene Geliebte trägt das Gesicht des Diktators, Erinnerung spricht in Brüchen. Tahas Prosa sucht keine glatte Identität. Sie zeigt, wie Geschichte in Stimmen, Körpern und verstummten Sprachen weiterlebt.“

Das zweite London-Stipendium, vorgeschlagen von der Queen Mary University, erhält die Schriftstellerin Katja Oskamp. „Sie schreibt Bücher, die ihre Aufmerksamkeit auf jene Lebensgeschichten richten, die selten im Mittelpunkt stehen und gerade darin exemplarisch werden. Mit großer Genauigkeit, Wärme und lakonischem Witz erkundet Katja Oskamp soziale Wirklichkeiten, biografische Brüche und die Würde des Alltäglichen. Spätestens mit Marzahn, Mon Amour, ihrem vielfach übersetzten Buch über eine Fußpflegerin in Berlin-Marzahn, hat sie gezeigt, wie sich aus genauer Beobachtung und erzählerischer Zurückhaltung Literatur von großer poetischer und gesellschaftlicher Kraft gewinnen lässt. Dass Katja Oskamp im Rahmen des London-Stipendiums auch mit Studierenden arbeiten wird, passt auf ideale Weise zu ihrem Werk: Ihr Schreiben lebt vom Zuhören, vom Gespräch und von einer Neugier auf andere Leben, die Literatur nicht als Abgrenzung, sondern als Form der Begegnung begreift.“

Die London-Stipendien umfassen einen zehnwöchigen Aufenthalt am Queen Mary College der University of London. Der Deutsche Literaturfonds stellt die Mittel für die Reise und den Aufenthalt bereit.

Nancy-Stipendium an Birgit Weyhe

Das neu mit dem Goethe-Institut eingerichtete Nancy-Stipendium erhält Birgit Weyhe. „Historische Recherche, biografisches Erzählen und zeichnerische Verdichtung verbindet Birgit Weyhe in ihren Comics. In Rude Girl (2022) entwirft Weyhe die Biografie der afroamerikanischen Germanistik-Professorin Priscilla Layne und gleichzeitig ein selbstkritisches Werk über ihre Rolle als Erzählerin. In Schweigen (2025) entsteht aus einer deutsch-jüdischen Familiengeschichte, aus Exil, argentinischer Militärdiktatur und bundesdeutscher „stiller Diplomatie“ ein Werk über die lange Haltbarkeit des Wegsehens. Die vielschichtige, formal konzentrierte Graphic Novel fragt, wann Schweigen Schutz bedeutet, wann es aus Angst entsteht – und wann es in Verdrängung, Mitläufertum oder politische Rücksichtnahme kippt. Dafür legt Weyhe Schicht um Schicht frei, wo private Ohnmacht in öffentliche Verantwortung übergeht.“

Das Nancy-Stipendium umfasst einen zehnwöchigen Aufenthalt in der Residenz des Goethe-Instituts Nancy. Der Deutsche Literaturfonds stellt die Mittel für die Reise und den Aufenthalt bereit, das Goethe-Institut das Studio in der Residenz. Alle Aufenthaltsstipendien sind mit 7.500 Euro dotiert.

Alle Preise werden am 26. November 2026 im Literarischen Colloquium in Berlin überreicht. Die Laudatio auf Esther Dischereit hält Hans-Ulrich Müller-Schwefe.

Am Vorabend der Preisverleihung, am 25. November 2026, werden die Preisträgerinnen Esther Dischereit („Großer Preis des Deutschen Literaturfonds“) und Sophia Merwald („Kranichsteiner Literaturförderpreis“) im Haus für Poesie Berlin im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Unter www.deutscher-literaturfonds.de finden Sie weitere Informationen.

Der Deutsche Literaturfonds wird durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

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