
Um 11 Uhr war der Große Saal im Haus am Dom in Frankfurt am gestrigen Sonntag schon gut besetzt: Der 13. Lange Tage der Bücher begann.
Zehn Frankfurter Publikumsverlage stellten im stündlichen Wechsel ihre Novitäten vor. „Der Lange Tag ist etwas anderes als die üblichen Lesungen. Verleger sind dabei, jede Stunde wird von jemandem, der in den Literaturinstitutionen der Stadt arbeitet, moderiert – ehrenamtlich“, erklärte der langjährige Organisator Florian Koch zur Eröffnung.
Außerdem wurde die Veranstaltung, die für die Besucher kostenlos ist, von allen drei Frankfurter Tageszeitungen und hr2-kultur medial begleitet.
Erstmals förderte neben dem Kulturamt der Stadt und dem Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland des Börsenvereins der Filialist Hugendubel den Langen Tag.
Im Erdgeschoss sowie auf halber Treppe in den ersten Stock hatten fünf Antiquariate beim 8. Bouquinistenmarkt ihre Schätze ausgebreitet.
Der Verein Literaturbetrieb betreute den Büchertisch im Foyer vor dem Großen Saal, die Verlage konnten auf Tischen ihre Programme auslegen.
Auf der zweiten Etage war wieder ein Lesebalkon eingerichtet; an Tischen mit den Neuerscheinungen der beteiligten Verlage konnten die Besucher schmökern.
Lothar Ruske unterhielt sich in der ersten Runde mit Autor Andreas Schäfer über seinen vierten Frankfurt-Krimi Mainhattan Star, erschienen 2015 in der Mainhattan-Reihe im Societäts-Verlag.
Seit 1990 arbeitet der jetzige Polizeihauptkommissar in Frankfurt, seit mehr als zehn Jahren ist er Zivilfahnder, war im Rotlichtmilieu und am Frankfurter Flughafen tätig. „Das Hauptgeschäft ist die Bekämpfung der Straßenkriminalität“, sagte Schäfer. Aber in seinem neuesten Buch geht es natürlich um Mord. In diesen Krimi flossen seine Erfahrungen während eines Polizeiaustauschs in einem Pariser Vorort ein. Zudem recherchierte Schäfer über Promi-Stalking, in Los Angeles gebe es dazu sogar eine Sondereinheit der Polizei.
Ob die Leser wieder sieben Jahre auf einen neuen Krimi von Schäfer warten müssen, ließ der Autor offen: „Zum Glück bin ich wirtschaftlich unabhängig. Es sollte schon alles Hand und Fuß haben, und dann kann es auch etwas länger dauern.“
Cordelia Borchardt sprach anschließend mit Peter Prange – sein historischer Roman Die Rose der Welt erschien soeben bei Fischer | Scherz und erzählt von der ersten Universität der Welt, gegründet 1229 in Paris und heute oft unter dem Namen Sorbonne subsummiert. „Die Verteidigung des Denkens nahm dort ihren Anfang, es ging um die Befreiung des Wissens von Kirche und Staat“, erklärte Prange, der sich in scholastischer Argumentationskunst auskennt: Er hat in Tübingen studiert und wohnt auch dort, „der Stadt mit der größten Klugscheißerdichte in Deutschland“, wie Prange formulierte.
Sein Buch sei historisch und aktuell zugleich – schon im 13. Jahrhundert ging es um die Frage, ob man für die Verbreitung von Wissen Geld nehmen könne, heute wird über das Urheberrecht diskutiert.
Die dritte Rund bestritten Hans Sarkowicz und Konstantin Kalveram, im Fokus stand Revolution! Das Tagebuch des David Adolph Zunz, publiziert als dritter Band in der Reihe Frankfurter Zeitbibliothek der Henrich Edition – der Verlag war erstmals beim Langen Tag dabei.
Der 17-jährige Zunz notierte die Ereignisse zwischen dem 12. Juli und dem 19. September im Revolutionsjahr 1848.
Die jüdische Familie Zunz musste später aus Deutschland fliehen, erst 2010 kam das Tagebuch zurück nach Frankfurt und ist im Original im Jüdischen Museum zu sehen.
„Das Tagebuch wurde nicht verändert, wir haben die Texte lediglich mit Erläuterungen versehen“, erklärte Henrich-Geschäftsführerin Christina Calbetó Henrich-Kalveram.
Im Dialog stellte Sonja Vandenrath die Autorin Anna Galkina und ihr Roman-Debüt Das kalte Licht der fernen Sterne, Frankfurter Verlagsanstalt, vor. Die bei Moskau Geborene und seit 1996 in Deutschland Lebende skizziert in ihrem Erstling, zu dem sie das Cover selbst gestaltete, das Leben in einem sowjetischen Provinzstädtchen in den 1980er Jahren. Enorme Widersprüche zwischen Staatsdoktrin und Realität werden sichtbar in einem krassen Bild der damaligen Zeit.
Verleger Rainer Weiss machte das Publikum mit der Herausgeberin Susi Ajnwojner und dem Autor Rabbiner Shlomo Raskin bekannt – beide beschäftigten sich mit Viel habe ich von meinen Lehrern gelernt und noch mehr von meinen Schülern, 2015 bei weissbooks.w herausgekommen. „Hier ist also ein Rabbi zum Anfassen“, übergab Weiss das Wort an die beiden im Podium.
Raskin behandelt in seinem ungewöhnlichen Ratgeber Themen wie Freundschaft, Nachbarschaft, Geld, Lehren und Lernen – und sprach darüber am Pult stehend ernsthaft, fröhlich und verschmitzt zugleich. „Schön, dass Sie jetzt hier sind – der Sonntag hält so viele andere Möglichkeiten offen“, begrüßte er das Publikum, erklärte den Unterschied zwischen dem Geizigen, den das Geld beherrscht, und dem Ehrlichen, der im Gegensatz dazu das Geld beherrscht.
Gefühle seien eine „Lawine von Kopfverstopfung“ und erlaubten kein klares Denken. Wolle man Antworten auf Fragen haben, solle man lieber mit jemandem reden, den man nicht kennt: „Fahren Sie nach Bochum!“, forderte er auf.
Raskin, der in Israel geboren wurde, in New York studierte, in Sydney als Rabbiner tätig war, zur weiteren Ausbildung wieder zurück nach Israel kehrte und seit 1996 in Frankfurt lebt und arbeitet, antwortete auf die Frage aus dem Publikum, wie der Syrien-Krieg beendet werden könne: „Das weiß ich auch nicht. Aber der erste Schritt ist, keinerlei Vorverurteilung zuzulassen.“ Außerdem sei ein falscher Friede besser als ein richtiger Krieg.
Peter Kurzeck stand im Fokus der folgenden Stunde: Den schmalen BandVor den Abendnachrichten, 2015 im Stroemfeld Verlag erschienen, stellten Harry Oberländer, Rudi Deuble, Alexander Losse und Maria Ostermann vor. Das Bändchen enthält die einzigen nach 1984 entstandenen Texte von Kurzeck, der im November 2013 verstarb. Die Texte seien bereits 1996 im Wunderhorn Verlag erschienen und inzwischen vergriffen. „Und in unserer Edition haben wir dazu ein Nachwort von Bianca Döring“, erläuterte Verleger KD Wolff.
Deuble, Losse und Ostermann lasen aus dem Buch – die Sprache von Kurzeck war unverkennbar, die Stimme wurde von vielen schmerzlich vermisst.
Um Utopien geht es bei Ewart Reder. Axel Dielmann stellte den Autor und seinen im Dielmann Verlag erschienenen Roman Reise zum Anfang der Erde – Die Geschichte der Zusammen=Arbeit vor. Deutschland im Jahr 2029, in einer Selbsthilfekommune treffen sich die unterschiedlichsten Menschen. Im Buch werden sowohl die Beziehungen zwischen diesen behandelt als auch der Blick auf das Endspiel einer globalisierten Welt gelenkt.
Mit Nord Nord Ost von Annette Pussert, erschienen bei Michason & May, wurde ein weiteres Roman-Debüt präsentiert. Verleger Peter Koebel sprach mit der Autorin, die drei Zeitebenen miteinander verwoben hat und ihre Protagonistinnen Hanna und deren Großmutter Auguste auf die Suche nach einer Konstante im Leben schickt.
Michael Hohmann begleitete die Performance von Sebastian Lörscher, der seine Graphic Novel A bisserl weiter geht’s immer – Mit dem Skizzenbuch durch das Wilde Österreich präsentierte. Ein Kabinettstück österreichischen Humors, erschienen in der Edition Büchergilde.
Den Abschluss des Langen Tags gestalteten Sebastian Richter vom Verlag der Autoren und der Autor Florian Wagner, der aus seinem Erzählband Albuquerque, 2014 im Mairisch Verlag erschienen, und aus seinem Debütroman Dahlenberger, Jacoby & Stuart, 2015, vortrug.
JF