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„Mehr Bücher – mehr Freiheit“: Bericht von der Messe der unabhängigen Verlage in Rom

Im römischen Verwaltungszentrum EUR
findet die Messe „Più libri più liberi“

Die Messe Più libri più liberi (Mehr Bücher – mehr Freiheit) findet zum 14. Mal in Rom (noch bis diesen Dienstag) statt, im von Mussolini geplanten und gebauten, futuristisch gigantomanischen Verwaltungszentrum EUR, einem wenig touristischen und nicht leicht erreichbaren Vorort Richtung Meer.

Diesmal versuchten ein Generalstreik, eine Fahrbeschränkung (für die ungeraden Nummernschilder am Freitag und die geraden am Samstag, am Sonntag für alle Autos ohne Katalysator) die wenigen, aber hartnäckigen Bücherfans von einem Besuch abzuhalten, der auch noch 7 Euro Eintritt kostet – vergeblich. Die ständig wachsende Messe für alle kleinen und mittleren Verlage, die nicht zu Konzernen gehören, wird wieder 50 000 Besucher anziehen, die sich die 379 Aussteller und die 330 Veranstaltungen mit 1 000 Mitwirkenden ansehen.

Das Besondere an dieser Messe, die in dieser Form einzigartig in Europa ist (vielleicht weltweit, aber das wussten die Veranstalter nicht zu sagen): Hier dürfen nur die kleinen und mittleren Verlage mitspielen, aber organisiert wird sie vom Verlegerverband, der sich vor allem durch die großen Konzerne finanziert. Er will angeblich auf diese Weise die Vielfalt fördern (eine Art Artenschutz), ohne dabei in Erscheinung zu treten. Böse Zungen behaupten, dass sie diese Spielwiese wässern, um dann bequem die Talente zu pflücken, wenn sie reif sind; wie in einer Baumschule werden die neuen Triebe hier von den echten Enthusiasten gehegt.

Viktoria von Schirach, im Hintergrund die Ausstellungsfläche

Die ganze Bandbreite der italienischen Verlagslandschaft wird hier zelebriert: vom Verlag Ediciclo, der nur Fahrradbücher verlegt, bis zum politisch agitierenden Verlag Derive/Approdi mit Texten über die Jahre des Linksextremismus bis zu den Big Playern wie E/O, der mit großem Erfolg den amerikanischen Ableger Europa Editions gegründet hat. Dessen wichtigste Autorin Elena Ferrante ist jetzt unter den zehn wichtigsten Büchern der New York Times-Liste.

Marcos y Marcos hat ein Buch mit unübersetzbaren Wörtern der Amerikanerin Ella Frances Sanders mit ihren wunderbaren Illustrationen herausgegeben, aber vor allem die Graphic Novel feiert hier Triumphe: der gezeichnete Roman von Zerocalcare (Künstlername von Michele Rech) Dimentica il mio nome wurde hier letztes Jahr mit dem Publikumspreis der täglichen, dreistündigen Literatursendung des staatlichen Senders Radiotre ausgezeichnet und stand auf der Longlist für den wichtigsten Literaturpreis, den Premio Strega. Bisher hat sich „Dimentica“ (Kurzform im Jargon seines Verlags Bao, wo der Autor den ganzen Nachmittag lang Zeichnungen in die gekauften Bücher signierte) 85.000 Mal verkauft, insgesamt haben die sechs Titel des jungen Autors eine halbe Million erreicht.

Überhaupt gibt es nur drei Bereiche, die zugelegt haben in den letzten Jahren, in denen der Buchmarkt insgesamt einen erschreckenden Schrumpfungs- und Konzentrationsprozess erlebt (seit 2010 sind 2,7 Millionen Leser abhanden gekommen): Kinder- und Jugendbuch, Graphic Novel, Hörbuch.

Hier gibt es Verlage wie die eleganten, künstlerisch ambitionierten Orecchio Acerbo, die im vergangenen Jahr um 27 Prozent gewachsen sind und Lizenzen in alle Welt verkaufen (in Deutschland vor allem an Jacoby & Stuart). Oder die witzigen, eigenwilligen Geschichten von Topipittori, die vor zwei Jahren gleich ein Umsatzplus von 60 Prozent und dieses Jahr „nur“ 15 Prozent gemacht haben, beides Beispiele für einen unbeirrbaren Glauben an Qualität, der schließlich belohnt wird. Oder Beisler Editore mit der Münchner Verlegerin Ulrike Beisler, die mit ihrem kleinen Programm schon dreimal den wichtigsten Preis für Kinder- und Jugendbücher gewonnen hat. Alle berichten, dass das internationale Lizenzgeschäft in ihrem Bereich enorm zugenommen hat.

2015 wurde zum ersten Mal ein Preis der unabhängigen Verlage verliehen, denen es zu bunt wurde, an dem abgekarteten Spiel der Literaturpreise teilzunehmen und doch nie zum Zuge zu kommen: Ein Konsortium von acht kleineren Verlagen unter der Leitung von Ginevra Bompiani (Nottetempo) hat sich einen Sponsor gesucht, die Stadt Bari, und binnen kürzester Zeit einen Preis geschaffen, bei dem eine jährlich wechselnde Jury aus jeweils fünf Kritikern und Autoren ein italienisches und ein internationales Buch des Jahres wählt – aus allen unabhängigen Verlagen. Diesmal war es ein absoluter Neuling der gerade erst im März 2015 gegründete Verlag NN, mit einem experimentellen, melancholischen Roman eines Autors, dessen schräge Bücher zum Teil auch auf Deutsch erschienen. Den Preis für das beste ausländische Buch erhielt Miriam Toews, deren Werke auf Deutsch beim Berlin Verlag erscheinen. Der Preis heißt Premio Sindbad, sein Symbol ist wieder mal ein Schiff – vielleicht ein Anreiz für den anderen Segelschiffverlag La nave di Teseo.

Alles in allem eine sehr gute Idee, Platz und Aufmerksamkeit für die kleinen und mittleren Verlage zu schaffen, die normalerweise im Windschatten der großen Dampfer stehen, und ihren auf diese Weise ein Forum zu geben. Die römische Messe ist eine Art Bücherschau, bei der die Verlage selbst verkaufen können – das ist für viele nicht nur ein gutes Geschäft vor Weihnachten, sondern auch eine einzigartige Gelegenheit, mit ihrem Publikum in Kontakt zu treten. Die einzige Gefahr für den neugierigen Leser ist, dass er seine Zunge hüten muss – sehr oft steht nicht nur der Verleger, sondern auch noch der Autor hinter dem Stand.

Viktoria von Schirach

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