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Christian Stottele (85)

Christian Stottele wird heute 85 Jahre alt.

Christian Stottele
Foto: Veronika Stottele

Er ist ja nun viel und oft gelobt worden für seine Verdienste um das Blühen und Gedeihen eines Ravensburger Familienunternehmens, zuletzt an gleicher Stelle zum Achtzigsten – da muss es erlaubt sein, zur Abwechslung einmal auf den Menschen im Büchermenschen Christian Stottele zu schauen. Vielleicht erhellt daraus sogar, wie jemand sich derart unverbrüchlich über Jahrzehnte hinweg einem Verlag – s.o. – und einer Sache – dem Kinderbuch – verschreiben konnte.

Dass es sich um einen Menschen mit Steh- und Durchsetzungsvermögen handeln musste, lag auch für den Außenstehenden auf der Hand. Wie sonst hätten im linker wie feministischer Umtriebe gänzlich unverdächtigen oberschwäbischen Hause etwa Gudrun Pausewangs „Letzte Kinder von Schewenborn“ oder Elisabeth Raabes spektakulär emanzipatorische Buchreihe „Mädchen und Frauen“ erscheinen können? Wer dann – wie Schreiber dieses – Christian Stotteles Mitarbeiter wurde, merkte schnell, es mit einem Menschen von Statur und Haltung zu tun zu haben, einem Herrn im alten Sinne des Wortes. Merkwürdig nur: Steh- und Durchsetzungsvermögen standen ihm keineswegs auf die Stirn geschrieben, und seine Stimme blieb auch dann noch leise, um nicht zu sagen sanft, wenn geharnischte Vertriebshaudegen mit schwerem Geschmacks- und Meinungssäbel gegen seine/unsere Bücher zu Felde zogen. (Für die Jüngeren: Schwere Geschmacks- und Meinungssäbel waren die Vorläufer der GfK-Zahlen.)

Es brauchte eine gewisse Zeit, um hinter sein Geheimnis zu kommen, dabei war es genau dies: das Leise, gern auch Lächelnde, eine sanfte, leicht zu unterschätzende und deshalb umso wirksamere Insistenz. Unvergessen sein Kampf um „EINS, FÜNF, VIELE“, das erste Buch der großen Květa Pacovská im Ravensburger Bilderbuchprogramm. Gisela Stottele, der Ehefrau und leidenschaftlichen Bilderbuchmacherin, derer wir hier auch gedenken wollen, war es ein Herzensanliegen. Allein, die schweren Säbel brachten sie ins Wanken: zu künstlerisch das Buch, zu schwierig, daher vollkommen unverkäuflich, dazu mit Klappen und Türchen, einer fünften Farbe gar – man denke: Silber! – viel zu teuer! Der Ehemann darauf mit einem Lächeln: „Dann werden wir darüber wohl noch einmal nachdenken müssen.“ Um es im Wochenabstand, sich dabei erhebend und, wie anders, in die strenge Runde der Geharnischten lächelnd, wieder aufs Tapet zu bringen: „Wir haben darüber nachgedacht und finden doch, es ist ein ganz besonderes Buch, nicht nur künstlerisch gesehen – die Kinder lernen damit ja auch die Welt der Zahlen kennen …“

Es ist vielleicht kein Gesetz, dass schwere Säbel die Geharnischten, die sie schwingen, schneller ermüden als den, der ihnen tänzelnd aus dem Wege geht, aber dieses eine Mal, in der neueren Geschichte des Kinderbuchs, ist es so gewesen. Als wieder eine Woche später gar Kosten senkende Koproduzenten gefunden waren, blieben die Säbel endgültig stecken. „EINS, FÜNF, VIELE“ erschien und wurde im Jahr darauf mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Wie gut hätte man es da als leidenschaftlicher Rechtbehalter verstanden, wäre der Herr von Haltung auch einmal in Triumphgeheul ausgebrochen! Er beließ es bei einem Lächeln.

Wir sehen ihn auch bei der Lektüre dieses Geburtstagsgrußes lächeln, schon deshalb, weil ihm nicht entgangen ist, dass doch wieder viel vom Verlagsmenschen im Menschen Christian Stottele die Rede war. Sei’s drum, wir lächeln in Dankbarkeit und Hochachtung zurück.

Friedbert Stohner

Wer auch gratulieren möchte: christian.stottele@online.de

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