
Gestern Abend startete das Literaturfestival im Rahmen von Impuls Romantik, dem interdisziplinären Projekt des Kulturfonds Frankfurt RheinMain von 2012 bis 2014, im Literaturhaus Frankfurt.
Bis zum 6. Juni finden Vorträge, Debatten, Lesungen, Gespräche, Filmvorführungen und Spaziergänge unter dem Thema Was wir suchen, ist alles mit über 50 Mitwirkenden statt.
Der Eröffnungsabend im ausverkauften Haus begann mit dem vielfach ausgezeichneten Filmemacher, Essayisten und Fotografen Wim Wenders. Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses, begrüßte die Gäste und wies darauf hin, dass Wenders bereits 1971 den Filmverlag der Autoren mitgründete, im Verlag der Autoren publiziert und im Filmverlag der Autoren produziert. Die Vorstandsvorsitzende der Autorenstiftung Frankfurt am Main und Mitarbeiterin des Theaterverlags, Annette Reschke, war im Publikum dabei.
Wim Wenders versprach für die anderthalb Stunden seiner Veranstaltung, gemeinsam mit dem Publikum und verbündeten Musikern dem Motto entsprechend auf die Suche zu gehen: „Ich mache für Sie den Romantik-DJ.“ So war als erster Titel Mysteries von Beth Gibbons zu hören – publikumsfreundlich war der Text per Beamer auf der Wand mitlesbar.
„Ich weiß nichts über die Romantik, bin aber ein Romantiker“, bekannte Wim Wenders und deckte damit einen Aspekt dieser kulturgeschichtlichen Epoche auf: Zu wissen, ohne zu wissen; zu suchen, ohne zu wissen wonach. Da passte das anschließende I still haven’t found what I’m looking for von U2 gut ins Konzept.
Im Anklang an den Godard-Film Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß erzählte Wenders von den Dingen, die ihm wichtig sind: Morgen- oder Abenddämmerung. „Sonnenauf- oder -untergang wird überschätzt und wirkt schnell kitschig, viel wichtiger ist das Licht“, erklärte er. Das erste Licht beherrsche das Bild, Zeit vergehe in diesem Licht anders. Eindrucksvoll bebilderte das ein Ausschnitt aus dem Wenders-Film Paris, Texas, erschienen 1984. Auf die ihm in den USA gestellte Frage, warum er den Film so und nicht anders gemacht habe, antwortete Wenders: „Because I’m a hopeless german romantic.“ Eine Aussage, die ihm immer noch nachhinge und der er auf den Grund gehen wolle.
Der 1945 in Düsseldorf geborene Wenders, ein Kind der Nachkriegszeit und der anschließenden Wirtschaftswunderjahre, verspürte früh die Sehnsucht, woanders sein zu wollen. Mit fünfeinhalb Jahren schickten die Eltern den Jungen auf die erste Zugreise, die er allein unternahm – ein lang herbeigewünschtes Abenteuer und Schlüsselerlebnis.
Das Reisen und Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre verdichtete Wim Wenders 1975 in seinem Film Falsche Bewegung, Ausschnitte waren zu sehen. „Ich habe damals die Roadmovies für mich selbst erfunden“, erläuterte der Regisseur. Aus dem Reisen sei im 20. Jahrhundert jede Romantik verschwunden, Goethe wurde demnach widerlegt.
Weitere Filmausschnitte und Musiktitel folgten, belegten die Ansicht von Wim Wenders: „Alles ist zuerst Wahrnehmung.“ Wahrnehmen heiße für ihn auch etwas als wahr nehmen, unverfälscht, nicht digital remastert. Wichtig sei ihm, diese Wahrnehmungen mitzuteilen. Wenders erinnerte an seinen Lieblingsphilosophen Martin Buber: Er postulierte, dass erst die Begegnung mit einem „Du“ das „Ich“ ausmache.
Zur Zeit sei ein schleichender Wahrnehmungsverlust zu beobachten, der „wie eine Epidemie um sich greift“, sagte Wenders. Lebendige Dinge verschwänden immer mehr und würden durch nicht lebendige ersetzt.
Fast scherzhaft der musikalische Schlusspunkt: The lion sleeps tonight mit dem Refrain „wimoweh, wimoweh“. „Klingt doch fast wie Wim oh weh“, meinte Wim Wenders und wurde mit viel Beifall für seinen interessanten, amüsanten und abwechslungsreichen Vortrag bedacht.
Der Eröffnungsabend wurde mit einer Podiumsdiskussion fortgesetzt. Felicitas von Lovenberg versuchte mit ihren Gesprächspartnern Barbara Vinken, Thomas Oberender und Joseph Vogl der Frage Brauchen wir ein neues romantisches Denken? nachzugehen. Eingeleitet wurde die Debatte von Jan Valk, künstlerischer Leiter des Romantik-Festivals.
Am Büchertisch der Buchhandlung Land in Sicht konnten sich die Besucher mit passender Literatur versorgen.
Mehr zum Festival gibt es unter www.literaturhaus-frankfurt.de.
JF