
Jeden Freitag um 17 Uhr gibt es künftig immer eine exklusive Leseprobe für Sie aus dem aktuellen BuchMarkt-Heft, die (immer nur) bis Montag mittag online bleibt. Diesmal geht es um Überlegungen für interative Verlagsvorschauen innerhalb des neuen VLB-Konzepts.
Herr Riethmüller, Sie sind Mitglied der „Taskforce Metadatenbank VLB+“, deren Konzept auf der Buchmesse in Leipzig vorgestellt wurde. Bestandteil des neuen VLB-Konzeptes sind auch Überlegungen für eine digitale Verlagsvorschau – woran liegt es, dass die Überlegungen dazu von den meisten Ihrer Kollegen aus dem Sortiment mit Skepsis oder gar Ablehnung betrachtet werden?
Riethmüller: Um das zu verstehen, brauchen Sie sich nur die digitalen Verlagsvorschauen auf boersenblatt.net anzusehen. Die sind ein gelungenes Beispiel dafür, wie es auf gar keinen Fall laufen darf. Dort finden Sie wunderschöne PDFs, bei denen lediglich das Papier durch bunte elektronische Bilder ersetzt wurde, das Blättern im gedruckten Katalog durch Tastendruck. Nicht einmal die integrierte Suchfunktion funktioniert richtig, es sind keine Notizen möglich. Will ein Buchhändler diese Vorschauen richtig nutzen, muss er sie erst einmal ausdrucken. Das ist Rationalisierung auf dem Rücken der Nutzer.
Können Sie denn ein Beispiel nennen, wie es anders laufen könnte?
Riethmüller: Ja, nehmen Sie das Beispiel USA, die Softwarelösung Edelweiss. Dort kann der Buchhändler nicht nur elektronisch in den Verlagsvorschauen blättern, sondern auch verlagsübergreifend nach Sachthemen, Erscheinungsterminen oder Autoren suchen. Er kann seine eigenen Titel-Listen zusammenstellen, die Titel in sein Warenwirtschaftssystem übernehmen oder bestellen. Er kann Kommentare einfügen, die allen in seiner Buchhandlung am Workflow Beteiligten zugänglich sind. Er kann in der Verlagsvorschau einzelne Titel oder ganze Titel-Listen mit wenigen Tastendrucken an seine Kunden per E-Mail oder Newsletter versenden. Was muss er dafür tun? Er muss sich lediglich einmal registrieren und kann sofort loslegen. Probieren Sie es einfach aus: edelweiss.abovethetreeline.com.
Es geht also nicht mehr um ein Papierersatzmedium à la boersenblatt.net, sondern um eine komplexe, verlagsübergreifende, integrierte Lösung, die für das Sortiment wie für den Verlag neue Dimensionen der Zusammenarbeit und des Marketings eröffnet. Deshalb spreche ich ab sofort auch nicht mehr von der digitalen Verlagsvorschau, sondern von der interaktiven Verlagsvorschau, die der Buchhändler beim Einkauf, für die Bestellung und im Marketing nutzen kann.
Und was haben die Verlage von einem solchen System?
Riethmüller: Die gedruckten Verlagsvorschauen sind aus der Sicht der Verlage in der Herstellung zu teuer, nicht aktuell, haben einen riesigen Streuverlust und können nicht zielgruppenorientiert eingesetzt werden. In einer interaktiven Vorschau können alle Informationen ohne Medienbruch umgesetzt und je nach Nutzer oder Nutzertyp zusammengestellt und mit Zusatzinformationen versehen werden.
Wenn alle Seiten nur Vorteile haben, warum gibt es die interaktive Vorschau nicht schon längst?
Riethmüller: Zunächst geht es darum, die Bedenken der Sortimentsbuchhändler zu entkräften – wir Sortimentsbuchhändler müssen einen echten Mehrwert erkennen können. Auch bei uns im Unternehmen gibt es Buchhändlerinnen, die damit argumentieren, dass sie die gedruckte Vorschau überallhin mitnehmen und ins Vorschauheft Notizen einfügen können. Da muss man zum Beispiel ganz banal darauf hinweisen, dass es wesentlich bequemer ist, 50 Vorschauen auf ein Tablet zu laden, als diese in gedruckter Form mit sich herumzuschleppen. Wichtiger scheint mir allerdings, dass es ganz objektive Interessenkonflikte zwischen den beteiligten Gruppen gibt, wie eine solche Vorschau aussehen könnte.
Das müssen Sie mir genauer erklären!
Riethmüller: Ich sehe drei klare Interessengegensätze:
Die Publikumsverlage wollen – genau wie bei der gedruckten Vorschau – einen Markenauftritt, eine emotionale Präsentation im Verlags-Design, mit der Möglichkeit, ihre Toptitel besonders exklusiv herausstellen zu können. Sie haben zunächst kein direktes Interesse daran, dass der eigene Auftritt durch die Konkurrenz der anderen Verlage beeinträchtigt wird. Für den Verlag ist das nur ein Vehikel, um das Sortiment ins Boot zu holen.
Die wissenschaftliche Verlage dagegen brauchen einen sehr differenzierten, auf ihr spezialisiertes Fachpublikum ausgerichteten Auftritt, bei dem es darauf ankommt, eine Vielzahl unterschiedlicher Titel möglichst effizient und rationell vorzustellen.
Der Sortimentsbuchhandel ist vor allem an einer einheitlichen verlagsübergreifenden Verlagsvorschau interessiert, in der alle Neuerscheinungen auf einen Blick präsent sind und zur Weiterverarbeitung zur Verfügung stehen. Für das Sortiment völlig indiskutabel sind unterschiedliche Verlagslösungen, die jeweils andere Schnittstellen benötigen und deren sortimentsseitiger Lösungsansatz jeweils anders aussieht.
Genau deshalb hat sich doch bei der MVB eine Arbeitsgruppe zusammengesetzt, um eine einheitliche Branchenlösung auf die Reihe zu bekommen. Schließen Sie einen Branchenkonsens aufgrund der genannten Interessengegensätze aus?
Riethmüller: Ja und nein. Die Arbeitsgruppe hat sehr effizient gearbeitet, meine Vorschläge gehen aus den dort geführten Diskussionen hervor. Begonnen hat die Arbeitsgruppe damit, dass sie sich die Präsentationen von vier Agenturen ansah, die elektronische Lösungen einer Verlagsvorschau haben oder planen:
Zero+ aus München zeigte eine toll durchgestylte Version, die für mich ganz klar die Nummer Eins ist, wenn ich an die Aufgabe als Publikumsverlag herangehe. NewBooks ist eine hervorragend funktionierende Lösung für wissenschaftliche Verlage. Die Edelweiss-Software aus den USA habe ich bereits hinreichend gewürdigt. Und Nummer vier war die Präsentation Novi24 der Firma Softpoint, die für die eBuch-Genossenschaft eine praxiserprobte Software entwickelt hat.
Es ist deshalb meiner Meinung nach völlig unrealistisch, dass eins der auf dem Markt bestehenden oder in der Planung befindlichen Angebote durch Branchenkonsens für alle Beteiligten verbindlich als Branchenlösung präsentiert beziehungsweise durchgesetzt werden könnte. Das gleiche gilt für Überlegungen, die MVB könne eine derartige allgemein verbindliche Branchenlösung selbst entwickeln.
Das klingt ziemlich pessimistisch. Haben Sie einen Lösungsvorschlag?
Riethmüller: Ich bin Optimist, und ich glaube, dass ein Branchenkonsens gefunden werden kann und gefunden werden muss, weil die Vision, den Informationsfluss zwischen Verlagen und Sortimentsbuchhandel ohne Medienbruch zu organisieren, einfach bestechend ist.
Der Branchenkonsens kann allerdings nicht darin bestehen, per Mehrheitsentscheidung oder durch ein Expertengremium eine Softwarelösung als verbindlich zu erklären, sondern ist nur dann erreichbar,
► wenn alle Branchenmitglieder mit vertretbarem finanziellen Aufwand die Chance erhalten, am System teilzunehmen, also nicht nur die großen Unternehmen, sondern auch kleine Sortimentsbuchhandlungen und kleine Verlage;
► wenn allen Marktteilnehmern eine jeweils auf ihre spezifischen Bedürfnisse abgestimmte Software zur Verfügung steht;
► wenn die unterschiedlichen Lösungen innerhalb des Buchhandels aufgrund allgemeinverbindlicher Regeln und Schnittstellen reibungslos synchronisiert werden können.
Das müssen Sie mir etwas genauer erklären, wie das funktionieren soll!
Riethmüller: Meine Vision besteht aus drei Komponenten, die durch offene, einheitliche Schnittstellen miteinander verbunden sind, wobei das VLB das verbindende Element darstellt:
Neuerscheinungspool: Das VLB stellt aufgrund der Titelmeldungen aller Verlage in einem Neuerscheinungspool (der nichts anderes ist als ein Extrakt des VLB) die Metadaten aller Neuerscheinungen bereit, auf die alle Marktteilnehmer über offene Schnittstellen unbeschränkten Zugriff haben (z.B.: Titeldaten, Cover, Schlagworte, Rezensionen, Videos, Audiodateien). Neuerscheinungen, die von einem Verlag zusätzlich in einer eigenen Verlagsvorschau präsentiert werden, erhalten einen Link auf diese Verlagsvorschau. So können auch Verlage, die sich eine digitale Vorschau nicht leisten können, ihre Neuerscheinungen über den Neuerscheinungspool dem Gesamtsystem zur Verfügung stellen.
Interaktive Verlagsvorschau: Die Verlage können ihre Neuerscheinungen zusätzlich zur Meldung an das VLB in einer eigenen elektronischen Verlagsvorschau präsentieren, die ihre individuellen Ansprüche an Design, Marke oder, bei wissenschaftlichen Verlagen, an systematische Differenzierung erfüllt. Diese elektronische Verlagsvorschau kann mit unterschiedlicher Gestaltung und unterschiedlichen Inhalten an unterschiedliche Nutzergruppen zielgruppengenau aufbereitet und, zum Beispiel beim Vertreterbesuch, mit zusätzlichen Informationen, etwa Verkaufszahlen oder Konditionen, für das gerade besuchte Sortiment individualisiert werden. Zwingend erforderlich als einheitliche Vorgabe ist lediglich eine definierte Schnittstelle zum Datenaustausch zwischen der Verlagsvorschau und dem Sortimentstool.
Das Sortimentstool: Das Sortiment will die Titel des Verlages direkt in die eigene Warenwirtschaft übernehmen und die Verlagsinformationen möglichst ohne Medienbruch für sein Marketing nutzen können. Es will die Neuerscheinungen verlagsübergreifend bearbeiten, filtern, auswählen – je mehr Verlage, desto besser. Deshalb muss jeder Sortimentstool neben der Schnittstelle zu den interaktiven Verlagsvorschauen den verlagsübergreifenden Zugriff auf den Neuerscheinungspool gewährleisten.
(Das komplette Interview mit Infografik über die drei Komponenten der interaktiven Verlagsvorschau finden Sie im aktuellen BuchMarkt-Heft ab S. 22.)
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