
Heute ist die KrimiZEIT-Bestenliste September 2013 in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschienen; hier können Sie die Liste downloaden und als Plakat ausdrucken: download(09-KrimiZEIT-Bestenliste_September_2013.pdf). Auf Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste bleibt Zügellos , der zweite Kriminalroman Manottis und der erste, in dem sie die herrschende Clique der Mitterand-Ära aufs Korn nimmt.
Noch wütender als im vier Jahre später veröffentlichten Roter Glamour deckt sie die miese kleine Seilschaft auf, die eine Gruppe ehemaliger Revoluzzer auch dann noch verbindet, als sie längst als Politiker oder Wirtschaftsboss auf die Seite der Macht gewechselt ist. In dossier-ähnlich verknappten Sätzen rollt Manotti die Spur ihrer Aktivitäten auf. Zusätzlichen Drive erhält die Geschichte von Pferde-, Drogen- und Menschenhandel durch den Sturz der Mauer – der Roman spielt zwischen dem 1. Juni und dem 10. November 1989. An der Spitze der Polizeitruppe, die mit allen nützlichen, daher meist illegalen Mitteln vorgeht, steht der aus Hartes Pflaster bekannte Théo Daquin, einer der ersten offen schwulen Kommissare der Literatur. „Vergnügen on the rocks.“ (Thomas Wörtche)
Neu auf der KrimiZEIT-Bestenliste September sind fünf Titel, darunter ein deutscher, drei amerikanische und ein englischer:
Auf Platz 3: Täuscher von Andrea Maria Schenkel.
Das Jahr 1922 lässt Andrea Maria Schenkel nicht los. Der reale Mord in Hinterkaifeck, den sie in ihrem Bestseller Tannöd in die 50er Jahre verlegt hatte, wurde 1922 begangen. Ebenso der Mord an einer Klavierlehrerin und ihrer Mutter, für die Ludwig Eitele, Sohn eines Bürstenwarenfabrikanten zum Tode verurteilt wurde. In Täuscher, dem dieser Fall nur gering verändert zugrunde liegt, stellt Schenkel wie gewohnt kurze Szenen zusammen, die den Fall, die Beteiligten und die Ermittler spotartig beleuchten. Zeitumstände wie Inflation und die damals (fehl-)urteilenden Volksgerichte bleiben fast völlig außen vor. Schenkel konzentriert sich auf den Fall mit seinen bösen, tragikomischen Elementen und zeigt ein deutsche Kleinstadtgesellschaft, die bereit ist, jede Abweichung zu sanktionieren. „Andrea Maria Schenkels „Täuscher“ ist gerade einmal 238 Seiten lang: Schlank auch im Stil, wuchtig an Gehalt, differenziert in der Betrachtung, ganz aufs Beschreiben konzentriert und die Wertungen den Lesern überlassend: 1a Kriminalliteratur also.“ (Thomas Klingenmaier)
Auf Platz 4: Joyland von Stephen King. (original 2013: Joyland)
Für den liebeskranken Devin Jones, 20, wird der Aushilfsjob im Vergnügungspark Joyland zu mehr als der geplanten Auszeit während der Sommerferien. Zwei Mal rettet er jemandem das Leben, der Unerfahrene verliebt sich in eine richtige Frau und überführt mit ihrer und der Hilfe ihres mental begabten Sohnes einen Serienmörder. Ulrich Noller findet „es beeindruckend, wie lakonisch und en passant Stephen King die Mystery- und Horrorelemente, für die er steht, in die Geschichte einbringt – und letztlich damit einem hoch konzentrierten, bildstarken, elegant komponierten Entwicklungsroman den dramaturgischen Rahmen gibt.“
Auf Platz 5: Die Rückkehr von Carsten Stroud. (original 2013: The Homecoming)
Ausgestattet mit genügend Rückblende auf den fulminanten ersten Band der Niceville-Trilogie, um das Buch auch selbständig lesbar zu machen, entfaltet Stroud die grotesk-brutale aktuelle Handlungsebene (Bankraub, internationale Verbrechen, Verfolgungsjagden, Polizeiquerelen), um zugleich die tiefere Bedrohung auszumalen, die über wüste Sklavenhaltergewalt des 19. Jahrhunderts tief in die Sedimentgeschichte des Tulip River reicht. „Stroud erzählt souverän, lakonisch, auf den Punkt, mit wunderbaren Dialogen und dem nötigen Blick fürs Komische, das selbst noch im Irrwitzigsten und Unheimlichsten aufscheint.“ (Thomas Wörtche)
Auf Platz 5: Tödliche Ohnmacht von C. S. Forester (original 1935/2011: The Pursued)
Tödliche Ohnmacht ist in jeder Hinsicht eine Sensation: Noir avant la lettre, feministisch in einer Zeit, in der von Gewalt gegen Frauen in der Familie überhaupt nicht die Rede war, und vor allem: mit der Wiederentdeckung eines seit 1935 verschollenen Manuskripts die endgültige Einordnung C.S. Foresters als bedeutender Außenseiter der Kriminalliteraturgeschichte. „Tödliche Ohnmacht könnte von einer klarsichtigen, wütenden Feministin geschrieben sein. … Fulminant.“ (Tobias Gohlis)
Auf Platz 9: Manhattan Fever von Walter Mosley. (original 2012: All I Did Was Shoot My Man)
Mosleys großes Thema: Wiedergutmachung persönlicher Schuld. In Manhattan Fever dient sie als dramaturgische wie moralische Begründung für den Einsatz Leonid McGills als privater Detektiv. Vor Jahren hat er Zella, die in einem Eifersuchtsanfall ihren untreuen Liebhaber niederknallte, erschwerend die Beweise für einen Millionendiebstahl untergeschoben. Beim Versuch, der nach Jahren Haftentlassenen resozialisierend unter die Arme zu greifen, muss er ihr erst einmal das Leben retten. Seine geheimen Auftraggeber von damals wollen alle Zeugen beseitigen, um ungeschoren davon zu kommen. Nichts für McGill und seine schier unermessliche Zahl von Familienmitgliedern, Helfern und Freunden.
Außerdem auf der Liste:
1. Dominique Manotti: Zügellos (Argument/Ariadne)
2. Adrian McKinty: Der katholische Bulle (Suhrkamp)
6. C. S. Forester: Tödliche Ohnmacht (dtv)
7. Lavie Tidhar: Osama (Rogner & Bernhard)
8. Matthew Stokoe: Empty Mile (Arche)
10. Dror Mishani: Vermisst (Zsolnay)
Die KrimiZEIT-Bestenliste September wird am 5.9.2013 in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlicht, in den Literatursendungen des NordwestRadios besprochen sowie im Internet unter www.zeit.de/krimizeit-bestenliste und unter http://www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/krimizeit/index.html vorgestellt.
Die Jury:
Tobias Gohlis, Kolumnist der ZEIT, Sprecher der Jury | Volker Albers, »Hamburger Abendblatt« | Andreas Ammer, »Druckfrisch«, DLF, BR | Gunter Blank, »Sonntagszeitung« | Thekla Dannenberg, »Perlentaucher« | Fritz Göttler, »Süddeutsche Zeitung« | Michaela Grom, SWR | Lore Kleinert, Radio Bremen | Thomas Klingenmaier, »Stuttgarter Zeitung« |
Kolja Mensing, »Tagesspiegel« | Ulrich Noller, Deutsche Welle, WDR | Jan Christian Schmidt, »Kaliber 38« | Margarete v. Schwarzkopf, NDR | Ingeborg Sperl, »Der Standard« | Sylvia Staude, »Frankfurter Rundschau« | Jochen Vogt, Elder Critic, »NRZ«, »WAZ« | Hendrik Werner, »WeserKurier« | Thomas Wörtche, »Plärrer«, »culturmag«, »DRadioKultur«