Geboren ist Philine Meyer-Clason in München, acht Jahre ihres Lebens lebte sie aber in Lissabon, weil ihr Vater, der Übersetzer Curt Meyer-Clason, u.a. dort das Goethe-Institut geleitet hat. Nach einer buchhändlerischen Ausbildung bei Hugendubel war die heute 53-Jährige u.a. im Vertrieb von Artemis und Winkler und bei Ammann in Zürich tätig. Vor zehn Jahren übernahm sie schließlich in ihrer alten Heimat die 55qm Buchhandlung Tucholsky am Münchener Josefsplatz. BuchMarkt sprach mit der Buchhändlerin anlässlich des kleinen Jubiläums über ihren „ganz normalen Alltag“…
BuchMarkt: Nach Ihrer Zeit bei Hugendubel waren Sie viele Jahre im Verlagsgeschäft tätig. Hilft Ihnen das heute?

Philine Meyer-Clason: Ja, weil ich weiß, wie Verlage ticken, auch wenn sich das in den letzten zehn Jahren etwas geändert hat. Wir haben einfach eine gemeinsame Sprache. Gerade die Vertriebsarbeit in den Verlagen hilft mir bei meiner Logistik, im reinen Tagesgeschäft, eben bei den ganz normalen Dingen. Aber auch meine Ausbildung bei Hugendubel hat nach wie vor Vorteile. Durch das sehr große und tief bestückte Sortiment dort habe ich einen weiten Überblick über die Verlage bekommen, auch wenn ich sie selbst nicht alle führe.
Vor zehn Jahren haben Sie die kleine Münchener Buchhandlung Tucholsky übernommen. Haben Sie den Schritt zurück in den Handel bereut?
Auf keinen Fall, auch wenn das Geschäft wegen der elektronischen Medien nicht leichter geworden ist. Ich habe allerdings das Riesenglück, in einem Viertel zu arbeiten, in dem es noch die sogenannten Bildungsbürger gibt – ein gebildetes Akademikertum, von denen zuweilen behauptet wird, es sei ausgestorben.
Wie gehen Sie denn mit dem E-Book um?
Gar nicht. Ich bin in den letzten Jahren zweimal danach gefragt worden. Ich habe die Fragen beantwortet – und das war’s. Ich bin nicht nur aufgrund einer Schutzbehauptung davon überzeugt, dass das Buch nicht stirbt. Die SZ hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, deren Ergebnis vereinfacht lautet: Texte aus dem Netz können gar nicht so gut verarbeitet und verstanden werden, als wenn man sie gedruckt vor sich liegen hat.
In unserer 11-Bücher-Frage in der März-Ausgabe von BuchMarkt schwärmen Sie von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“, aber vor allem von Uwe Tellkamps preisgekrönten und inzwischen verfilmten DDR-Roman „Der Turm“…
Ja, ich hätte nicht erwartet, dass ich von Bierbichlers Roman in meinem kleinen Laden über 200 Exemplare in knapp drei Monaten verkaufen würde und über 80 Exemplare von Tellkamps „Der Turm“ als Hardcover nach der Nominierung zum Deutschen Buchpreis. Und das Taschenbuch läuft ja weiter. „Der Turm“ ist übrigens nach wie vor mein Lieblingsbuch. Es besticht einfach durch seine Sprache und die zwingende Notwendigkeit, langsam zu lesen. Ein literarischer Genuss von der ersten bis zur letzten Seite. Ein langsames Buch, wunderbar.
Welchem Buch hätten Sie mehr Erfolg gewünscht?
Marjana Gaponenkos „Wer ist Martha?“ aus dem Suhrkamp Verlag: eine völlig verrückte Geschichte, die einen in die Irre führt und man am Ende eigentlich nicht wirklich weiß, ob man die Wahrheit gefunden hat.
Nochmal zu unserer 11-Bücher-Frage: Sie schreiben, dass es für Sie zu viele Bücher gibt, die es wert sind, ins Schaufenster gestellt zu werden…
Da ich mit Büchern handele, stehen in meinem Schaufenster auch viele Bücher. Im Übrigen schon seit zehn Jahren ganz viele aus dem Suhrkamp Verlag, von Rowohlt, S. Fischer, C.H. Beck, natürlich von Hanser, Antje Kunstmann und Wagenbach, aber keine aus den Random House-Verlagen.
Warum keine Titel aus den Random House-Verlagen?
Die kümmern sich nicht um die kleinen Buchhandlungen. Denen ist das zu viel Arbeit für zu wenig Umsatz. „Shades of Grey“ & Co. haben in meinem Schaufenster sowieso nichts zu suchen – völlig überflüssige Bücher. Die Kunden habe ich auch nicht. Dazu gehören auch die Lebensbeichten von Kachelmann, Wulff & Co., oder Charlotte Roche mit ihren „Feuchtgebieten“ – dies alles sollte innerhalb der vier Wände einer Wohnung bleiben.
Welches Buch würden Sie eigentlich gern schreiben?
Das ist eine sehr gute Frage, die ich heute noch gar nicht richtig beantworten kann, weil es vielleicht viele Bücher wären. Vielleicht ein Buch über den guten Umgang miteinander, der da aussagt, dass Konkurrenz innerhalb einer Firma nichts bringt. Darüber, dass man nur gemeinsam wachsen kann, wenn der Erfahrenere dem Unerfahrereneren was beibringt. Und dass ein Unternehmen nur so gut sein kann, wie der Chef seine Mitarbeiter schult und mit einbezieht und der heutige Begriff „Team“ als Gemeinschaft umgemünzt und wortwörtlich gemeint wird. Dass Herrschaftsdenken Quatsch ist, und eigentlich der „Alten Schule“ wieder Platz machen muss. Denn nur so können Unternehmen wachsen; ein respektvolles Miteinander, in dem alle Ressourcen, sprich Menschen, miteinander arbeiten und man Mitarbeiter auch „laufen“ lassen muss. Nur dadurch kann Neues entstehen. Ideen, vielleicht Wachstum. Vielleicht aber auch nur die Idee, dass Altes und Bewährtes nichts Schlechtes ist.
Das sind ja schon mal viele Themenideen…
Ja, aber sicherlich werde ich dieses Buch nicht schreiben, sicherlich gehe ich auch nicht in die Beratung. Sicher weiß ich aber, dass unsere Branche ohne das Menschliche, die Inhalte, die wir tagtäglich zu vermitteln haben, ohne die, die mit Herzblut dabei sind, sterben wird. Es geht nicht nur um Rendite, Altersversorgung, eine Marke, eine neue Verpackung einer Verlagsgruppe – das sind Hüllen, die wirtschaftlich und buchhalterisch verwaltet werden müssen.
Worum geht es denn?
Es geht um die Erhaltung einer Kultur. Davon werden wir alle nicht reich, wurden es nie, werden es auch nicht. Wir, die wir in einer kleinen Branche der Büchermacher und -Vertreiber arbeiten, wissen ja, warum wir Bücher verkaufen und rezensieren. Warum wir lieber Bücher buchhalterisch verbuchen als Schrauben, Maschinen oder Hühner bei der Wiese AG: Weil wir keine Schrauben verkaufen wollen und weil wir keine Metzger geworden sind. Wir alle arbeiten mit Inhalten – das ist doch das, was wir wollen! Das macht doch den Reiz unserer kleinen „Branchen-Familie“ aus, das geben wir als Buchhändler an unsere Kunden weiter. Deshalb würde sich das Buch, das ich schreiben würde, tagtäglich selbst ergänzen: in Verlagen, Agenturen und in Buchhandlungen, im engsten Umkreis, bei den Vertretern, bei den Buchhändlern zuhause. Es gibt endlose Geschichten, aber aufschreiben, das müssen die Schriftsteller, die mir als Buchhändlerin ihre Geschichten liefern. Wie sagt man das auf Neudeutsch? Jobsharing?
Welches Buch lesen Sie denn gerade?
Taiye Selasi, „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“, das gerade bei S. Fischer erschienen ist. Ein sehr beeindruckendes Buch: Eine Familiengeschichte zwischen Afrika und den USA. Familiengeschichten kennen wir viele, sie gleicht auch dem klassischen Genre einer solchen, aber sie ist eben anders.
Inwiefern anders?
Allem voran dieses betörend, verstörend, versöhnende Buch. Nicht nur, dass die Sprache von einem eher sachlicheren Ton ist, wenn es sich um allgemeinere Ereignisse in Amerika handelt und dann in eine farbenfrohe, fantasiereichere wechselt, wenn es um die afrikanischen Belange geht, sondern der Erzählstrang gleicht dem Auffädeln einer Kette, bis sie am Ende ganz geworden ist und eine fast ebenmäßige Einheit bildet.
Ihr Vater Curt Meyer-Clason war einer der renommiertesten Übersetzer des vergangenen Jahrhunderts. Ihr Lieblingsbuch als Kind war „Die kleine Meerjungfrau“ in einer Faksimile-Ausgabe aus dem 19.Jahrhundert von Ihrer Großmutter. Was haben Sie aus Ihrer Familie mitgenommen?
Sowohl meine mütterliche als auch meine väterliche Familie sind sehr alte Familien. Meine Großmutter väterlicherseits hat Genealogie betrieben und konnte unsere Familie bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Außerdem hat sie herausbekommen, dass es in meiner Verwandtschaft immer wieder Buchhändler oder Verlagskaufleute gab. Unsere Familie hatte immer mit bedrucktem Papier zu tun. Das hat sich bis in die heutige Zeit herübergerettet.
Wie sind Sie denn in der Zeit, als Sie in Portugal lebten, an Bücher gekommen?
Als wir in Lissabon lebten, haben wir die Sommerferien stets im Münchener Umland verbracht. Dann ist meine Mutter mit meiner Schwester und mir in einen Buchladen gegangen, und wir durften uns aus dem Kinderbuchsortiment Unmengen an Büchern aussuchen. Die wurden uns dann nach Lissabon geschickt, sodass wir wieder für Monate Lesestoff hatten.