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Karin Schmidt-Friderichs: Der Buchkunst-Wettbewerb ist heute notwendiger denn je

Seit 18. August ist Karin Schmidt-Friderichs Mitglied im Vorstand der Stiftung Buchkunst und Vorstandsvorsitzende. Ein Anlass, nachzufragen…

Christian von Zittwitz: Die Stiftung Buchkunst ist sicher etwas ehrwürdiges, aber muss man sich in Zeiten des Medienwandels und E-Publishing denn noch um Buchkunst kümmern?

Karin Schmidt-Friderichs

Karin Schmidt-Friderichs: Grade jetzt. Gäbe es die Stiftung Buchkunst nicht, müsste man sie heute gründen. Wenn die Inhalte sich von den gedruckten Seiten emanzipieren, wenn man Bibliotheken besitzen – und die Wände statt mit Regalen mit Bildern schmücken kann, muss das gedruckte Buch mehr sein als der Inhalt.

Seit 1966 setzt sich die Stiftung Buchkunst dafür ein, Buchgestaltung und –herstellung zu fördern. Das tut sie in besonderem Maße durch den Wettbewerb um die schönsten Deutschen Bücher und den Aufbau und die Pflege entsprechender Ausstellungen und eines Archivs. Für mich ist dabei vor allem das klare Benennen von Beurteilungskriterien wichtig, so wurde der Wettbewerb auch nie als „geschmäcklerisch“ gesehen.

Im Moment gibt es etwas Unsicherheit, weil es heißt, der Wettbewerb fände dieses Jahr aus finanziellen Gründen nicht statt?

Danke für die Frage. Der Wettbewerb geht leicht verändert in einen andern Rhythmus. Bislang wurde bis 31.10. eines Jahres eingereicht, um den 1. Advent juriert, anschließend kommuniziert und ein Jahr drauf auf der Frankfurter Buchmesse wurden die Urkunden verliehen, im Trubel der Messe weitgehend unbeachtet jenseits eines „inner circle“ aus engagierten Herstellern und Gestaltern. Die werden sich weiter am Buchmessendonnerstagabend treffen und wir freuen uns auf Begegnung uns Austausch – gerne (!!) auch in etwas erweitertem Kreis!

Aber der Wettbewerb selbst soll im Frühjahr juriert werden und die Preisverleihung von der Buchmesse abgekoppelt werden, damit wir mehr mediale Aufmerksamkeit bekommen.

Im September gibt die Stiftung Buchkunst dazu die Details bekannt. Und die Stifter haben sich am 18.8. eindeutig und einstimmig zur Stiftung Buchkunst bekannt. Dass Budgets auf den Prüfstand kommen ist in wirtschaftlich alles andere als ruhigen Zeiten einfach so.

Einmal aussetzen, ist das nicht riskant?

Waren die Kurzschuljahre in meiner Kindheit besser?

Zum Ändern eines Rhythmus’ gehört immer die Gefahr des Stolperns, deshalb bin ich sehr dankbar für die Chance dieses Interviews. Es werden die schönsten Deutschen Bücher des Jahres juriert. Auch des Jahres 2011. Es bleibt ein solider Fachwettbewerb. Er soll fokussiert und breiter kommuniziert werden. Das ist eine tolle Chance. Da kann ein halbes Jahr Unterschied im Einsendeschluss kein wirklicher Stein des Anstoßes sein, oder?

Dennoch: Gibt es denn nicht genug Wettbewerbe?

Es gibt zu viele Wettbewerbe, nur kann man ja nicht den „dienstältesten“ Wettbewerben vorwerfen, dass in den letzten Jahrzehnten im Designbereich eine „Geldmaschine Wettbewerbswesen“ in Gang geworfen wurde, getriggert durch die Kreativrankings und eine gewisse Lust an der Selbstdarstellung. Das war nie das Image des Wettbewerbs um die schönsten Deutschen Bücher. Hier handelt es sich um einen Fachwettbewerb, in dem Design und Handwerk eine Rolle spielen.

Uneitel also? Klingt nett, aber hat man deshalb von der Stiftung Buchkunst auch ziemlich wenig gehört?

Das ist ja immer so eine Gratwanderung. Die Stiftung Buchkunst hat sehr saubere Arbeit geleistet und wird das weiter tun. Aber nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ gilt es jetzt, auch mehr an die Öffentlichkeit zu gehen.

Nicht allein nach dem Motto „das sind sie, die Schönsten…“ sondern als Anstoß einer Diskussion über die Inszenierung des Inhalts durch die Buchgestaltung und -herstellung. In jeder Theaterkritik wird unterschieden zwischen dem Stück und der Inszenierung, wird die Besetzung der Rollen und das Bühnenbild differenziert und diskutiert.

Auch in der Buchgestaltung „besetzen wir Rollen“, indem wir Schriften (engl. Charakter) auswählen, „bauen wir ein Bühnenbild“ aus Papierwahl, Einbandmaterial, Prägefolie etc. Nur darüber wird bislang wenig gesprochen.

Schmidt hat darüber immer gesprochen…

Das mag ein Grund dafür sein, dass die Wahl auf mich gefallen ist. Und es ist der Grund dafür, dass ich nach einem dezidierten „ich möchte eine Zeit ohne Ehrenamt, um endlich mal wieder was für meine Weiterbildung zu tun“ bei diesem Angebot „schwach wurde“.

Also hast Du nicht der Bildung den Rücken gekehrt, um Dich den schönen Büchern zuzuwenden?

Nein, ich habe vor über einem Jahr angekündigt, dass ich für den Berufsbildungsausschuss nach 8 Jahren als Vorsitzende nicht mehr zu Verfügung stehe, um eine Coachingausbildung zu beginnen. Das habe ich getan. Dass schöne Bücher eine Herzensangelegenheit sind, ist daneben einfach Fakt.

Herzensangelegenheit, ein altmodisches Wort und doch treffend. Mir scheint, in den Werbemitteln des Verlages Hermann Schmidt Mainz standen schon immer Plädoyers für das schöne Buch, auch für die schönen, die nicht von Schmidt sind.

So ist es. Ich glaube an die Zukunft des schönen Buches (und freue mich über jedes schöne Buch anderer Verlage!). Und ich glaube an die Zukunft der Buchhandlungen, die in der Lage sind, im Kontakt mit ihren Kunden, Bücher in Inhalt und Form „rüberzubringen“.

Dazu gehört Leidenschaft und Kenntnis. Auch da sehe ich eine wichtige Aufgabe der Stiftung Buchkunst in Zusammenarbeit mit dem mediacampus.

Ich darf immer wieder Buchhändler/innen vor Ort gestalterische und herstellerische Details zeigen und erklären – und bekomme so oft die Rückmeldung, wie viel souveräner und kompetenter sie danach verkaufen konnten. Ich habe in Buchhandlungen Vorträge über das „making of“ für die Kunden der Händler/innen gehalten – mit großen Erfolg, auch an der Kasse.

Das erste Seminar, das ich 1997 gehalten habe – ohne buchhändlerische Ausbildung und erst 1992 aus der Architektur in diese tolle Branche gewechselt – hatte den Titel: Marketingfaktor Herstellungsqualität. Es war der letzte Tag vor Weihnachten und vor mir hatten drei Wochen lang Branchengrößen über wichtige betriebswirtschaftliche und Führungsthemen referiert. Im Ranking der Referate landete ich unerwartet auf Platz 2.

An diesen Marketingfaktor Herstellungs- und Gestaltungsqualität glaube ich heute mehr denn je. Ich sehe die Stiftung Buchkunst als die Institution dafür, Qualitätskriterien zu benennen, eine diesbezügliche Kritikkultur anzustoßen und daneben sehr gerne auch dem Handel Argumente zu liefern, die helfen, Schönheit in bare Münze zu wandeln. Damit meine ich nicht Verkaufsförderung, sondern Denkanstöße und Know-How. Verkaufen können engagierte Buchhändler/innen dann allein und besser als eine Stiftung.
Ab in den Urlaub!

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