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Rolf Grisebach – der Kauf des Stark Verlages: ein starker Befreiungsschlag?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Pearson-Geschäftsführer Dr. Rolf Grisebach.

Dr. Rolf Grisebach führt seit Oktober 2010 die Geschäfte von Pearson Deutschland. Als erfahrener Holtzbrinck-Mann, der in der Holding u.a. für das US-Bildungsgeschäft (Macmillan) verantwortlich war, kennt er die Shareholder-Perspektive aus dem FF und dürfte sich daher in die entgegengesetzte Perspektive der Einzelbeteiligung schnell eingefunden haben.

Rolf Grisebach

Hand aufs Herz, Dr. Grisebach: wann hatten Sie letztmals als Anwender ein Computerbuch in der Hand?

Rolf Grisebach: Das ist gar nicht so lang her – heute Morgen habe ich im Telekom-Shop Bücher über den iPad gesehen, und fand einige sehr interessant und brauchbar.

Ihr Haus wurde jahrelang einfach als Eigentümer von Markt+Technik gesehen und als Teil des chronisch notleidenden Computerbuch-Segments abgehakt. Ist das überwunden?

Rolf Grisebach: Das ist überwunden, denke ich. International ist das Technologie- und Computerbuch-Geschäft ohnehin nur ein kleiner Teil des Konzernumsatzes. In Deutschland ist es ein wichtiger Teil, dadurch ist der Blick auf diese Tatsache etwas verstellt. Durch unsere Akquisitionen sind die anderen Teile nun auch in Deutschland viel bedeutender geworden.

Wo spielt heute im Computerbuch-Markt die Musik? Ist das Geschäft komplett ins Internet abgewandert?

Rolf Grisebach: In Ihrer Frage steckt die nach den Themen und die nach den Vertriebswegen. Die Themen gehen uns nicht aus. Sie sind sehr stark innovationsgetrieben. Die Online-Vertriebswege, zu denen wir auch den direkten Bezug von Inhalten aus Datenbanken oder als E-Books zählen, spielen eine zunehmende Rolle. Die Musik spielt letztlich in der Vielfalt der Vertriebs- und Geschäftsmodelle.

Welche Computerbücher braucht der Handel?

Rolf Grisebach: Ich denke, einerseits Bücher zu innovativen Hardware-Trends und Gadgets, wie zum Beispiel zum iPad, dann aber auch zu den zahlreichen neuen digitalen Anwendungen – denken Sie an digitale Fotografie und Bildbearbeitung. Weiter Bücher, die den kleinen und mittleren Unternehmer als Anwender adressieren oder auch die Privatperson in ihrem Wunsch nach optimaler digitaler Selbstvermarktung. Das Segment ist interessanter, als man eigentlich denkt. Klar – die Basics, also Bücher zur Anwendung von PCs, haben heute lange nicht mehr die Bedeutung, die sie einmal hatten, und werden sie möglicherweise nie wieder zurückerlangen – jedenfalls nicht in Printform.

Auch der Markt akademischer Lehrbücher hat heute mit den Herausforderungen der Kostenlos-Kultur zu kämpfen. War der Erwerb des Stark Verlags ein strategischer Befreiungsschlag?

Rolf Grisebach: Den Lehrbuch-Markt beurteilen wir nicht so skeptisch. Natürlich ist das Lehrbuch-Geschäft potenziell bedroht durch die digitale Nutzung von Inhalten übers Internet und durch digitale Raubkopien. Damit müssen wir als Verlag und als Branche uns beschäftigen. Gleichzeitig nutzen ein Teil der Studenten die Lehrbücher in der Bibliothek und/oder kopieren sich Seiten heraus. Das Missbrauchsproblem ist also nicht neu, nur komplexer geworden. Für uns ist auch im Markt der akademischen Lehrbücher Wachstum möglich – besonders in Kombination mit unseren international vermarktbaren interaktiven Lernangeboten. Der klassische printgebundene Lernmittelmarkt wächst auch nicht von allein. Aber gerade im Nachmittagsmarkt erwarten wir, dass wir unsere Erfahrung im interaktiven Lernen in die Produkte einbringen und so Mehrwerte schaffen und damit auch höhere Preise durchsetzen können. Der Erwerb des Stark Verlages verbreitert unsere Aufstellung, verbessert die Gewichtung der einzelnen Segmente in unserem Portfolio.

Der Stark Verlag verdankt seinen ausgezeichneten Erfolg einem Typus von Lernhilfen, den Gymnasiallehrer misstrauisch beäugen, da die Prüfungsvorbereitung und mithin die Optimierung des Kurzzeitgedächtnisses im Vordergrund steht – weniger die Optimierung des Bildungsergebnisses. Probleme damit?

Rolf Grisebach: Das sehen wir nicht so, auch nicht ich persönlich. Das Einüben des Gelernten ist wichtiger Bestandteil des Lernens. Ob Sie dem Lehrer zuhören oder die Abituraufgaben wiederholt mit Stift und Papier oder eben anhand einer Lernhilfe durchgehen: das ergänzt sich.

Sie haben sich dieser Tage eine weltweite Marken-Auffrischung gegönnt und das Wörtchen „Education“ aus Ihrem Firmennamen gestrichen. Dürfen wir uns auf dem deutschen Markt auf Überraschungen freuen?

Rolf Grisebach: (lacht) Der Hintergrund ist der, dass Pearson erkannt hat, dass man unter einem Firmendach sehr verschiedene Angebote im Bildungsbereich vorhalten kann. Wir machen 70-80% unseres Umsatzes mit Bildung, das müssen wir nicht im Verlagsnamen wiederholen, das ist weltweit gelernt. Wir würden den Markt gern durch gute Produkte überraschen, durch gute Beiträge zum Lernen. Das können auch Dienstleistungen oder Testverfahren sein. Wir sind in 70 Staaten der Erde präsent, wir wollen in vielen von ihnen zum führenden Anbieter im Bereich Lernen werden. Wir wandeln uns vom klassischen Verlag zum umfassenden Mediendienstleister.

Ihre Internationalität hilft Ihnen sicherlich bei der Risikobegrenzung im schwierigen E-Learning-Geschäft, das ja voller Fallstricke ist…

Rolf Grisebach: E-Learning bedeutet tatsächlich hohe Entwicklungsaufwände, man muss testen, man muss das Risiko eingehen, dass etwas nicht funktioniert. Man muss sich aber auch davor hüten, jedes Angebot kritiklos auf jeden Kulturkreis zu übertragen dennoch: Unsere internationale Aufstellung hilft uns bei der Refinanzierung.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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