Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den Sprecher der KrimiZEIT-Bestenliste, Tobias Gohlis.
Tobias Gohlis hat sich als freier Journalist die schönsten Spezialisierungen ausgesucht: Reise und Literatur – genauer gesagt: Spannungsliteratur. Als Mitarbeiter der ZEIT und vielfältig aktiver Publizist kämpft er gegen die pauschale Abqualifizierung der Kriminalliteratur und weist immer wieder den Weg zu neuen Entdeckungen jenseits eindimensionaler Industrieprodukte. Seine Großtat war die Durchsetzung der KrimiZEIT-Bestenliste, die im siebten Jahr ihres Bestehens mit der Juni-Ausgabe jetzt zum 75. Mal erschien www.arte.tv/krimiwelt.

(c) Tobias Gohlis
Tobias Gohlis – was finden Sie so bedeutend an Friedrich Ani, dass Sie ihn nun schon den dritten Monat aufs Treppchen Ihrer KrimiZEIT Bestenliste holen?
Tobias Gohlis: Friedrich Ani ist aus meiner Sicht einer der besten, wenn nicht sogar der beste deutsche Kriminalschriftsteller. Er untersucht ein Terrain, das selten so intensiv erforscht wird. Es geht ihm immer um Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben – ausgegrenzt aus wirtschaftlichen Gründen wie Obdachlose; oder deshalb, weil sie Außenseiter sind und mit der Gesellschaft nicht klarkommen: Alte, Einsame, auch Kinder, Kranke – Menschen, die krank sind an Lieblosigkeit. Dieser Raum wird von kaum einem Krimiautor so systematisch beschritten. Dabei ist das der Raum, über den wir als Leser am allerwenigsten wissen, aber mehr erfahren müssten. Ani beschreibt diesen Rand der Gesellschaft nicht nur, seine stilistische und erzählerische Meisterschaft macht auch die Gründe und Motive plausibel, die die Menschen dort bewegen. Außerdem hat Ani mit Tabor Süden einen Kommissar erfunden, der die seltene Tugend des Zuhörens meistert…
…der sich einfühlen kann…
Tobias Gohlis: Auch damit hat er dem Genre Kriminalroman einen Impuls gegeben. Wo Tabor Süden ermittelt, geht es meistens um so genannte „Vermissungen“ – nicht primär um Morde also, sondern darum, dass Menschen einfach verschwinden. Das kommt in der Realität viel öfter vor als Morde. Menschen, die verlorengehen, können aus vielen Gründen verlorengehen: weil sie aus allen sozialen Netzen herausfallen, weil sie sich dünne gemacht haben oder weil sie tatsächlich getötet wurden. Ani und seine Ermittlerfiguren suchen diese Vermissten und kommen dadurch an die Ränder der Gesellschaft.
Kennen Sie die Platzierung von Anis Roman auf der aktuellen SPIEGEL Bestsellerliste?
Tobias Gohlis: Nein.
Mit den Bestenlisten ist das ja so eine Sache – viele Verleger fürchten sie, weil sie in ihnen eine Art Aufforderung zum Nichtkaufen sehen. Erweisen Sie nicht den von Ihnen verfochtenen Autoren damit einen Bärendienst?
Tobias Gohlis: Das ist sicher nicht unser Ansinnen. Wir wollen den Autoren und Texten, die es verdienen, Namen, Ruf und Raum verschaffen. Es hat die KrimiZEIT-Bestenliste immer ausgezeichnet, dass sie guten Kriminalromanen als Literatur, als vollständig satisfaktionsfähiger Literatur eigener Art, zu ihrem Recht verhilft. Das Gute hat es allgemein schwerer, sich durchzusetzen, dazu bieten wir eine bescheidene Plattform. Die Gründe, warum große Verlage Krimiautoren pushen, sind ja meist nicht ästhetische, sondern ökonomische. Das gilt für die Verlage wie Goldmann oder Heyne, die man seit Jahrzehnten mit dem Krimigenre in Verbindung bringt. Es gilt aber auch für die vielen Verlage, die Krimis produzieren, damit sie das übrige Programm finanzieren helfen.
Eigentlich ein perfider ökonomischer Mechanismus, der dem literarisch anspruchsvollen Krimi die Durchsetzung zusätzlich erschwert…
Tobias Gohlis: So scharf würde ich es nicht formulieren. Aber tatsächlich muss sich seit jeher ein Krimi selber finanzieren, da literarische Stipendien und Preise hier kaum eine Rolle spielen, und zunehmend muss der Krimi das gesamte Verlagsprogramm subventionieren. Entsprechend wählen die Verlage ihre Autoren aus. Und wenn ein Schwede wie Stieg Larsson erfolgreich ist, publizieren die Verlage ähnliche schwedische Autoren, unbekümmert darum, ob diese genauso schlecht sind wie Larsson oder noch schlechter. – Es gibt natürlich viele Fälle, in denen wir auf Autoren aus großen Konzernverlagen aufmerksam machen. Manchmal werden die dort nicht angemessen wahrgenommen, und wir verschaffen ihnen Gehör. Aber vor allem guten Büchern aus kleinen Verlagen bieten wir überproportionale Chancen, sich auch wirtschaftlich durchzusetzen, da wir anders als viele Pressekollegen dies können, auch diese kleinen Verlage unter Krimi-Beobachtung haben.
Zum Beispiel?
Tobias Gohlis: „Tannöd“ von Anna Maria Schenkel erschien Anfang 2006 im Nautilus Verlag. Im Februar und vier folgenden Monaten haben wir sie auf die KrimiZEIT Bestenliste genommen. Erst dann sind Heidenreich und all die anderen gekommen. Oder nehmen Sie einen so großartigen Roman wie den des Autors und Richters Giancarlo de Cataldo, „Schmutzige Hände“, erschienen in einem kleinen Südtiroler Verlag: Italien 1992-93 vor Berlusconi; Politik und Mafia, Geheimnis und Gewalt, Liebe und Betrug. Ohne seine Erwähnung auf der aktuellen Bestenliste Juni würde der anderswo kaum wahrgenommen werden. Kaum eine Feuilletonredaktion kann den Markt der Krimineuerscheinungen so genau beobachten, wie wir das tun. Aber sie orientieren sich oft an uns, und dadurch wirken wir. Seit 2005 haben wir insgesamt 391 außerordentliche Kriminalromane empfohlen, die wir aus über 2.000 Nennungen herausgefiltert haben. Ununterbrochen kämpfe ich gegen Berge von Büchern, von denen die meisten viel zu langsam wieder aus meiner Wohnung verschwinden.
Seit Jahren setzen Autoren und Verlage mit großem wirtschaftlichem Erfolg auf Schockeffekte aus der Welt von Folter und Zerfall – ich zitiere aus der Welt der Klappentext-Dithyramben: „Die Angst der Frauen ist sein Aphrodisiakum. Ihre Qualen seine Ekstase. Ein berauschender Moment!“ Haben dagegen subtile Töne überhaupt eine kommerzielle Chance?
Tobias Gohlis: Ja und nein. Diese Schock-und Überreizungsorgien sind nur ein Zweig des Genres. Es gibt auch den Zweig, der eher Frauen anspricht, nicht gerne von Metzeleien lesen – englische Landhauskrimis etwa oder breit angelegte Gesellschaftsromane wie die von Elizabeth George, die übrigens Amerikanerin ist und mit jedem ihrer 16 Romane auf die Bestsellerliste kam. Hier geht es neben dem Kriminalfall um die Ausleuchtung der Nicht-Liebesbeziehung zwischen Inspector Lynley und Detective Sergeant Havers. Oder Romane vom Typ „Frau schlägt sich durch“ …
Kennen Sie einen Metzelkrimi, der Sie literarisch überzeugt?
Tobias Gohlis: (lacht) Das schließt sich eigentlich per se aus, weil Metzelkrimis nur ein Thema haben und gute Literatur sich durch Vielschichtigkeit auszeichnet. Aber wir hatten mit Rex Millers „Fettwanst“ einmal einen Titel auf der Liste, der, noch vor Thomas Harris’ Schweigen der Lämmer erschienen, bereits die Parodie der ganzen Serienkillerei in sich trägt.
Können Sie uns in drei Sätzen umfassend den Unterschied zwischen einem Krimi und einem Thriller erklären?
Tobias Gohlis: In zwei Sätzen, und die stammen von Jeffery Deaver, einem Fachmann für Spannung und guten Autor. Der Krimi fragt: was ist geschehen. Der Thriller fragt: was wird geschehen? Ein dritter Satz von mir noch dazu: gute Krimis decken oft das auf, was nicht justiziabel ist, und konfrontieren den Leser damit, dass die Welt nicht den Stereotypen gehorcht, die man sich so macht, wenn man an „Krimi“ denkt. In Anis „Süden“ gibt es beispielsweise gar kein Kapitalverbrechen. Wir von der KrimiZEIT Bestenliste machen uns übrigens keine großen Gedanken um Abgrenzungen. Thriller sind für uns ein Teil der Kriminalliteratur.
Lesen Sie Krimis mehrmals?
Tobias Gohlis: Manchmal ja – wenn sie es verdienen. Zum Beispiel im Zuge meiner Arbeit als Autor von Vorworten – aktuell für die Reihe „KultKrimis“ in der Büchergilde Gutenberg. Astrid Paprottas „Sterntaucher“ ist so ein unerschöpfliches, glänzend erdachtes und geschriebenes Buch.
Ihre fünf Krimis für die berühmte einsame Insel?
Tobias Gohlis: Das wechselt je nach Stimmung. Ich nenne lieber Autoren: Ross Thomas, Dashiell Hammett, James Ellroy, Jerome Charyn – Friedrich Ani oder Astrid Paprotta besser nicht. Auf einer einsamen Insel darf man keine Bücher über einsame Menschen lesen.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.