Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Hanser-Kinderbuchverleger Dr. Friedbert Stohner.
Friedbert Stohner ist eine der wenigen Persönlichkeiten, denen man das Wort „Verleger“ gern ans Revers heftet – auch wenn er nie einen Verlag besessen hat. Wo immer er auftauchte, grub er tiefe Furchen in das Profil seines Programms. Der sagenhafte Erfolg des Hanser Kinderbuchs („Sofies Welt“) trägt seine Handschrift. Nachdem er bei Beltz fünf Jahre die Gelberg-Nachfolge versehen hatte, kehrte er zu Hanser zurück. Die Nachricht vom bevorstehenden Ausscheiden des früheren Fußballers und immer noch begeisterter Sportsmanns schlug wie eine Bombe ein.

„Zweifel am System“
©Berthold Schweiz
Herr Stohner – Sie wollen allen Ernstes nicht mehr bei Hanser mitspielen – warum?
Friedbert Stohner: Sagen wir, mir sind immer größere Zweifel am System gekommen, das wir spielen. Man spielt aber nur im richtigen System richtig gut.
Aber die Saison 2010 ist für Ihr Team doch nicht schlecht gelaufen – um nicht zu sagen, da sind Sie durchmarschiert wie „Nichts“?
Friedbert Stohner: Gott sei Dank. So kommt hoffentlich keiner auf die Idee, wir krachten uns hier über Niederlagen.
Um so unverständlicher erscheint einem Ihr Abgang.
Friedbert Stohner: Von der Tribüne aus.
Weil man von da nicht sieht, dass Sie Zoff mit dem Trainer haben?
Friedbert Stohner: Wir haben keinen Zoff. Wir haben Meinungsverschiedenheiten über das Spielsystem.
In das Sie nicht mehr passen?
Friedbert Stohner: Das ich gern ein bisschen mehr auf mich zugeschnitten sähe.
Und der Trainer lässt nicht mit sich reden?
Friedbert Stohner: Reden schon.
Aber er gibt nicht nach?
Friedbert Stohner: Vielleicht hat er ja recht. Und selbst wenn nicht, muss er davon ausgehen, dass er recht hat. Trainer, die das nicht tun, sind verloren.
Darum wechselt van Bommel von München nach Mailand – und Sie?
Friedbert Stohner: Davon abgesehen, dass der nun wirklich in einer anderen Liga spielt: Ich wechsle nirgendwohin.
Sondern?
Friedbert Stohner: Ich kremple die Ärmel hoch und spiele die Saison hier zu Ende.
Das ist bis zum 30. Juni – und dann?
Friedbert Stohner: Auf Ehre und Gewissen: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, was ich ab dem 1. Juli nicht mehr mache.
Sind Sie müde?
Friedbert Stohner: Meinen Sie in den Beinen oder im Kopf?
Beides.
Friedbert Stohner: Die Beine brauchen Pausen, die sie früher nicht brauchten, und beim Aufstehen höre ich es leise knacken, aber es geht noch was, und die Wahrheit ist auf dem Platz. Der Kopf ist schwieriger: Man muss ja vollkommen abgestumpft sein, wenn man sich nicht gelegentlich fragt, ob die Operettenliga, in der wir alle mitspielen, wirklich das ist, was wir mal gewollt haben. Oder wollen. Oder wollen können, wenn man weiß, dass unser Publikum ja auch Kinder und Jugendliche sind. Da denke ich manchmal, muss ich da noch mittun? Aber dann sehe ich mich als mosernden Alten unterm Tribünendach und denke, das könnte denen so passen.
Sie machen also weiter?
Friedbert Stohner: Darüber bin ich im Gespräch.
Mit wem?
Friedbert Stohner: Mit meiner Frau.
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Michael Lemster als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.







