Im Januar stehen vier neue Titel auf der KrimiBestenliste von Arte und Nordwestradio, an erster Stelle bleibt das neueste Stück von Altmeister John le Carré. In Verräter wie wir dreht sich alles um das wichtigste Gut, das Finanzwesen und Diplomatie gerne besäßen: Vertrauen.
Auf den zweiten Platz vorgerückt ist Åke Edwardson mit Der letzte Winter. Neu sind: Platz 3, Ken Bruen; London Boulevard ist ein Ultra-Noir-Pastiche des Billy-Wilder-Klassikers „Boulevard der Dämmerung“ bzw. „Sunset Boulevard“ von 1950, versetzt ins London der Gegenwart. Platz 5: Tana French, Sterbenskalt ist der dritte Roman des irischen Shooting-Stars – mehr Dubliner Familienroman als Krimi. Platz 8: Kurt Bracharz – Der zweitbeste Koch ist eine Art von Comeback. Kurt Bracharz erhielt 1991 den Deutschen Krimipreis, hat aber seit 1994 andere Dinge geschrieben. Jetzt tischt er eine Krimisatire auf, mit essayistischen Spitzen zu Kannibalismus und Globalisierung. Platz 10: James Sallis – Dunkle Vergeltung ist der zweite Roman der Turner-Trilogie. (Jurysprecher Tobias Gohlis).
Hier die komplette KrimiBestenliste für Januar:
1. (1) John le Carré: Verräter wie wir. Ullstein
Antigua/London/Paris/Schweiz: Warum sollten Perry und Freundin Gail dem von Feinden umstellten russischen Bankier Dima nicht unter die Arme greifen? Le Carré als Altmeister der Verführung: tragische Verstrickungskomödie um zornige Geheimdienstler, Romantiker jeden Alters und Finanzkrisen-Amoral. Superb!
2. (4) Åke Edwardson: Der letzte Winter. Ullstein
Göteborg/Nueva Andalucia: Ein toter Mann treibt an Kommissar Winters Strand, Männer wachen neben Leichen auf. Albträume, Mysterien. Winter und seine Leute: irritiert, versponnen, verstört, fixiert. Verweise führen in die Vergangenheit, Erklärungen erklären nichts. Sehr stark. Edwardson auf der Höhe seiner Kunst.
3. (-) Ken Bruen: London Boulevard. Suhrkamp
London: Ex-Knacki Mitchell bekämpft sich, den Alkohol und Gangster Gant. Sein schlimmster Feind ist die Sentimentalität. Er kann nicht Nein sagen. Also sagt er Ja zum Leben, verliebt sich, beschläft eine Filmdiva und geht fast drauf. Ultra-Noir-Pastiche von „Boulevard der Dämmerung.“ Hart, schnell, intertextuell.
4. (2) Don Winslow: Tage der Toten. Suhrkamp
USA/Mexiko/Mittelamerika: Dreißig Jahre Drogenkrieg, Antikommunismus, Mord, Folter, Armut und imperiale Gewalt. Don Winslows Epos um US-Drogenfahnder Art Keller und seine keineswegs private Fehde mit den Barreras aus Guadalajara ist das „Krieg und Frieden“ unserer Tage. Epochal, grandios, erschütternd.
5. (-) Tana French: Sterbenskalt. Scherz
Dublin: Vor 22 Jahren hat Rosie das Date mit Frank verpasst. Jetzt ist ihre Leiche aufgetaucht. Frank, inzwischen Detective, buddelt nach dem Mörder im Schlamm der Familie, die er damals verlassen hat. Alk, Prügel, Lügen, Angst – die irische Unterschichtscheiße. 90 Prozent Familienroman. Der Rest ist Krimi.
6. (10*) Jo Nesbø: Headhunter. Ullstein
Oslo: Roger Brown ist ein Arschloch wie es im Buche steht, ein Kopfjäger – respektive: Headhunter – und Menschenverächter, Machotyp 21. Jahrhundert. Die Liebe zu Kunstwerten eingeschlossen, die er seinen Jobaspiranten klaut. Unaufhaltsam – bis er auf Kunstfreund Greve trifft. Der Flitzer unter Nesbøs Werken.
7. (8) Joe R. Lansdale: Kahlschlag. Golkonda
Ost-Texas: Mitten in der Großen Depression. Sunset erschießt ihren Mann. Sie will sich nicht mehr verprügeln lassen. Umsturz im Hinterwäldlerkaff Camp Rapture: Eine Frau als Constable, Nigger werden vom Gesetz geschützt, Männer gleichgestellt. Windungsreich, blutig, optimistisch, wüst. Ein Meisterwerk.
8. (-) Kurt Bracharz: Der zweitbeste Koch. Haymon
Wien: Gourmetkritiker Xaver Ypp vermisst den zweitbesten Koch der Welt. Wie es das Glück, zwischen Essay und Spitzenkimi schwankend, will: Ypp findet ihn nach etlichen gastronomisch-erotischen Abenteuern eingelocht im Käfig. Er wollte Pandas verkochen – und wenn die globalisierte Welt in Schnitzel fällt. Hmm!
9. (6) Solange Fasquelle: Trio Infernal. Lilienfeld
Marseille: Der 1.Weltkrieg ist vorbei. Anwalt Sarret und die deutschen Schwestern Schmidt beherrschen die Methode, Leichen in Geld zu verwandeln: Mord & Versicherungsbetrug. Fasquelles Tatsachenroman wurde 1974 mit Michel Piccoli und Romy Schneider verfilmt. Historisches Semifreddo, mit spitzem Finger serviert.
10. (-) James Sallis: Dunkle Vergeltung. Heyne
Im Hinterwald des US-Südens: Turner, Ex-Therapeut und Ex-Cop, jetzt Deputy, entdeckt im Kofferraum eines Rasers 200.000 Dollar Mafia-Geld. Darum geht es Sallis im zweiten Turner-Roman am Rande auch. Zwischen Jetzt und Erinnerungen begreift Turner: „Wir verstehen so wenig von allem.“ Sehr hart, sehr fein.
* Platz 10 im Oktober 2010
Die Jury:
Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiBestenliste; Volker Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt; Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR; Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung; Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung; Michaela Grom, Stuttgart, SWR; Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen; Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung; Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel; Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR; Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38; Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR; Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard; Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau; Jochen Vogt, Kleinich, Elder Critic, NRZ, WAZ; Hendrik Werner, Bremen, Weser-Kurier; Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer
Die KrimiBestenliste wird heute auch in den Literatursendungen des NordwestRadios und unter www.arte.tv/krimiwelt vorgestellt.







