
Im Mittelpunkt des heutigen 7. Branchenparlaments [mehr…] des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels stand das Thema libreka!. Gleich in seiner Begrüßung fragte der Parlamentsvorsitzende und Vorsitzende des Sortimenter-Ausschusses Heinrich Riethmüller: „Hält das, was wir tun, der Zukunft noch stand?“
Es müsse festgestellt werden, dass die bisherigen Reformen des Börsenvereins nicht ausreichen, um dem Konzentrationsprozess in der Branche wirksam zu begegnen. Deshalb ist die Diskussion, die gegenwärtig im Landesverband NRW geführt wird, eine interessante Entwicklung.
Anders als bei „Stuttgart 21“ wurden die Branchenmitglieder stets mitgenommen, das war auch bei der Entwicklung von libreka! der Fall. Die Plattform sollte als Gegengewicht zu branchenfremden Anbietern aufgebaut werden. Ist das gelungen? Wie geht es weiter? Hat die MVB dazu ein klares Konzept? Diese Fragen stehen heute im Raum.
Vor der sich anschließenden Diskussion wurde eine Filmglosse zum Thema Buch gezeigt, die humorvoll auf viele Vorteile des Printprodukts verwies.
MVB-Geschäftsführer Ronald Schild schilderte in seinem Vortrag den gegenwärtigen Stand der Arbeiten an libreka! und versuchte, auf Konkurrenten, Finanzierung und Probleme einzugehen. Er stellte seinen Erklärungen voran, dass die MVB ein Unternehmen ist und sich seit Anbeginn auch im Wettbewerb mit Branchenmitgliedern befindet. Doch wenn Produkte entwickelt werden sollen, die Gewinn erwirtschaften, entstehen automatisch Zielkonflikte. Als Beispiel nannte er die BAG, bei der eine erfolgreiche Sanierung und ein erfolgreicher Verkauf erreicht werden konnten.
Bei libreka! will man einen anderen Weg gehen, die Plattform soll nicht an Branchenunternehmen verkauft, sondern mit Branchenunternehmen weiter entwickelt werden. Punktuell gibt es bereits Kooperationen mit KNV und Libri, solche Kooperationen sollen ausgebaut werden, beispielsweise sind gemeinsame Content-Haltung und gemeinsame Distribution vorgesehen.
libreka! finanziert sich aus den Beiträgen der Branchenmitglieder – so lautet ein Vorwurf. Doch die Plattform finanziere sich auch aus Gewinnen, die bei anderen Produkten erwirtschaftet werden. Fakt ist, dass die laufenden Kosten für libreka! die Einnahmen nicht übersteigen, stellte Ronald Schild klar, ohne auf Details einzugehen. Sehr wohl gäbe es eine Business-Planung, Controlling und Risiko-Management. Doch das seien wie bei anderen vergleichbaren Unternehmen auch vertrauliche Zahlen und daher nicht für die öffentliche Diskussion bestimmt.
Schließlich sei man 2008 im Umfeld von Amazon und Kindle gestartet, libreka! sollte als Gegengewicht zum Monopol von Amazon installiert werden. Heute stelle sich die Struktur ganz anders dar, denn immer mehr Unternehmen beteiligen sich am Geschäft mit den E-Books, mittlerweile ist ein heterogener Markt entstanden. Die Situation sehe so aus, dass es keinerlei Standardisierung der Metadaten gibt, eine Umrechnung in Fremdwährungen notwendig ist, eindeutige Angaben zu territorialen Rechten und zum DRM erfolgen müssen und die Nutzungsrechte genau zu definieren sind.
libreka! verarbeite die von den Verlagen gelieferten Daten, bereitet sie auf und gibt sie an Filialisten, Versandhändler, Telekom und Hardware weiter. Dabei ist zu beachten, dass der Umsatz bei E-Books einen längeren Weg benötigt, es gibt keine Standardisierung von Verkaufsstatistiken, lange Abrechnungszeiträume erschweren ein schnelles Ergebnis.
„Der E-Book-Link von libreka! ist sicher nicht die Lizenz zum Gelddrucken, bietet aber zusätzliche Chancen, Einnahmen zu erzielen“, unterstrich Ronald Schild. Mit libreka! würden allen Branchenteilnehmern Lösungen angeboten.
Heinrich Riethmüller nahm für den Sortimenter-Ausschuss zu diesem Vortrag Stellung. Die Mehrheit der Sortimenter stehe hinter libreka!. Doch sei es wichtig, dass für alle Sortimenter libreka! an erster Stelle stehen müsse, der Buchhandel sollte diese Plattform aktiv nutzen. Dabei müssen die Inhalte offen zugänglich sein, auf DRM sollte verzichtet werden, da es die Nutzbarkeit erschwert und sich als umständlich erweist. Vertreter des Sortimenter-Ausschusses bitten um ein Gespräch mit den Verlegern.
Karl-Peter Winters sprach für den Verleger-Ausschuss und bezeichnete libreka! als wichtigen und politisch bedeutsamen Versuch für die Branche. Es habe sich gezeigt, dass wir aus eigener Kraft eine solche Plattform entwickeln können, unterstrich der Verleger. Die Abkehr vom Modell für Endkunden und die Hinwendung zu einer Distributionsplattform von libreka! wertete er als richtigen Schritt.
Problematisch seien die Quersubventionierungen, die immer wieder Diskussionsstoff bieten, sobald Kooperationen mit anderen Branchenteilnehmern ins Blickfeld rücken. Deshalb ist eine ständige Information aller über die Entwicklung von libreka! wichtig.
Die Stellungnahme des Ausschusses für den Zwischenbuchhandel, vorgetragen von Matthias Heinrich, fiel kurz aus: Der Wettbewerb zu Branchenteilnehmern ist bedenklich, insbesondere wenn bereits reger Wettbewerb herrscht. Der Börsenverein habe die Aufgabe, wettbewerbsverzerrende Entwicklungen – konkret die Zusammenarbeit von MVB-Töchtern mit einzelnen Anbietern – zu unterbinden.
Eine lebhafte Diskussion folgte. Klaus Kellner, SachBuch Verlag Kellner, stellte fest, dass die Verleger zwar die Titelgebühren zahlen, jedoch nicht wissen, was mit dem Geld passiert.
Heinrich Riethmüller, Osiandersche Buchhandlung, bat um Aufklärung zur „Black Box“ libreka! und meinte damit mangelnde Informationspolitik der MVB. Dem widersprach Roland Schild und verwies auf andere vergleichbare Unternehmen, die kaum Informationen veröffentlichen: „Wir können uns nicht entblößen. Daraus entstehen der Konkurrenz Vorteile. Nur so viel sei gesagt: libreka! trägt sich heute schon.“ Dabei spielt die Erhöhung der Titelmeldegebühr auf 3 Euro ab 2008 eine Rolle. VLB und libreka! lassen sich nicht mehr trennen, zwischen beiden bestehe eine profitable Kooperation.
Urban Meister, Gräfe und Unzer Verlag, forderte eine wirksame Kontrolle von libreka!. Dass sich libreka! trage, sei nur durch Subventionierung möglich.
Seine von Anfang an bekundete Zustimmung zum libreka!-Projekt unterstrich Dieter Dausien, Buchladen am Freiheitsplatz. Mit dieser Plattform erhalten kleine Unternehmen einen Zugang zum digitalen Markt, den sie allein nicht hätten stemmen können. Dabei spiele die derzeit geringe Nachfrage nach E-Books keine Rolle, wichtig ist es, auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Er erinnerte an die Einführung der Webseiten in den Buchhandel. Zu Beginn wurde das ebenfalls kaum genutzt, heute ist eine gut funktionierende Website wichtig.
Dieter Dausien wünscht sich libreka! als Plattform für Endkunden, die auf der eigenen Homepage integriert werden kann. Doch gegenwärtige Überlegungen schließen ein solches Modell wohl aus. Eine Aussprache zwischen Sortimentern und Verlegern zu diesem Thema kam bisher nicht recht zustande. Der Zwischenbuchhandel hat indessen an eigenen Lösungen gearbeitet.
Die Sortimenter selbst sollten sich aktiver und in größerer Zahl an libreka! beteiligen. Warum meint das Gros der Buchhandlungen, auf libreka! verzichten zu können?
Betrachtet man die Entwicklung, scheint dabei die Volltextsuche in den Hintergrund zu treten, doch sie ist ein wertvolles Rechercheinstrument und sollte weiter gepflegt werden.
Stephan Schierke, Arvato, bemerkte, dass die Leistungen seines Unternehmens mit denen, die libreka! im Zuge Neupositionierung anbietet, vergleichbar seien. Das bedeute Konkurrenz. Dies sei an sich völlig normal. „Wenn jedoch wettbewerbsverzerrende Geheimgespräche mit einzelnen Marktteilnehmern geführt werden, ist das Maß voll!“
„Wir haben einen Vertrag mit libreka! abgeschlossen“, berichtete Peter Krauss vom Cleff, Rowohlt, „die Distribution übernehmen wir jedoch selbst. libreka! ist eine politische Entscheidung.“ Global agierende Großunternehmen gingen aggressiv auf Kundenwerbung. Dem müssen wir etwas entgegen setzen können. Zum Zwischenbuchhandel äußerte Krauss vom Cleff, dass Konkurrenz das Geschäft belebe. Quersubventionen seien zu hinterfragen, sinnvoll wäre, VLB und libreka! diesbezüglich zu trennen.
„Wenn sich libreka! auf die Distribution fokussiert, ergibt sich zwangsläufig Wettbewerb. Muss Wettbewerb zwischen Branchenteilnehmern zugelassen werden?“, fragte Holger Bellmann, Libri. „Ein Modell, das für alle nutzbar ist, muss her!“, forderte er. Wenn Kooperationsgespräche mit einigen Branchenteilnehmern laufen, sei das eine Gratwanderung.
Könnte die Gründung eines Joint-Venture helfen? Will der Börsenverein einen solchen Schritt? „Rational ist eine Ausgründung vorstellbar, politisch nicht!“, schätzte Bellmann ein.
Matthias Ulmer, Eugen Ulmer Verlag, sieht die MVB als größten und modernsten Fachverlag der Branche, der die gesamte Palette der Verlagsarbeit abdecke. Folgerichtig befinde er sich in Konkurrenz zu anderen ähnlichen Verlagen. Doch diese Entwicklung sei historisch gewachsen, der Börsenverein ist schließlich nicht mit dem Bauernverband vergleichbar. Auch VTO sei zuerst dagewesen, die heutige Konkurrenz wuchs später nach. Es sei nun an der Zeit, gemeinsam über die nächsten Schritte zu entscheiden.
Bedeuten Kooperationsgespräche nicht, dass der Wettbewerb eingestellt wird?, fragte Stephan Schierke. Eine Kooperation mit einigen wenigen schaffe monopolistische Strukturen. Wenn libreka! nicht nur den Shop inhaltlich gestalten will, sondern auch die Distribution anstrebt, wird den Zwischenbuchhändlern der Boden entzogen.
Eine zunehmende Wettbewerbssituation zwischen libreka! und dem Zwischenbuchhandel konstatierte auch Oliver Voerster, KNV. Die Strategie müsse heißen: Können wir gemeinsam etwas machen? Wir sollten auch die Grenzen von Kooperationen definieren, denn man muss nicht auf allen Feldern in gegenseitigen Wettbewerb treten. Schließlich gehe es nicht um weitere Einschränkungen, sondern um die Bündelung der Kräfte. Ein solcher Schritt sei heute noch möglich, in einem halben Jahr vielleicht nicht mehr.
Ruth Klinkenberg, Bücherstube Marga Schoeller, forderte dringend eine Beiratsgruppensitzung. Hinsichtlich möglicher Konkurrenz sagte sie: „Wir Sortimenter befinden uns schon lange in Konkurrenz zueinander.“ Das VLB sollte wie auch libreka! ein unabhängiges Brancheninstrument bleiben.
Jürgen Horbach, Schatzmeister des Börsenvereins, meldete sich zu Wort. „libreka! ist als gemeinsame Branchenanstrengung entstanden, es ist eine Erfolgsgeschichte – das sollten wir sehen, und nicht die Probleme!“, forderte er. Die Wettbewerbssituation sei mit der BAG vergleichbar, auch da entstand dem Clearing-Geschäft aus der eigenen Branche Konkurrenz. Wie also soll das Wirtschaftsmodell libreka! aussehen? Auch libreka! könnte künftig verkauft werden.
libreka! biete eine Rechtssicherheit im Rahmen des Verbandes und spare allen Teilnehmern Kosten und Einzelrecherchen. Man sollte ein Joint-Venture nicht als Sündenfall der Branche, sondern als gute Lösung betrachten, ergänzte Matthias Ulmer.
Matthias Heinrich pflichtete bei, dass MVB-Maßnahmen allen Branchenteilnehmern dienen müssten und das Ziel haben, alle ins Boot zu holen. Ein Joint Venture allerdings wäre ein Beiboot, das sich vom Börsenverein absetze.
Dr. Hartmut Falter, Mayersche Buchhandlung, gab zu, ein ungutes Gefühl zu haben, wenn sich Dinge so verselbständigten.
Karl-Peter Winters fasste zusammen: Die Diskussion habe gezeigt, dass der Börsenverein vor komplexen Problemen steht, die gelöst werden müssen. Den Weltkonzernen steht die Branche als kleiner Verband gegenüber. Wichtig sei umso mehr, alle aus dem Verband mitzunehmen. Geht es nicht auch darum, zu klären, welche Rolle der Zwischenbuchhandel in der digitalen Welt hat? Wie kann libreka! ein Dienstleister für alle drei Sparten werden? Wettbewerb ist gut, eine Verzerrung desselben darf es aber nicht geben. Geklärt werden sollte, ab mit einer Kooperationen einzelner Branchenteilnehmer der “Pfad der Tugend“ des Börsenvereins verlassen werde.
Bevor Gottfried Honnefelder Oliver Zille für seine Verdienste als Direktor der Leipziger Buchmesse [mehr…] auszeichnete, nahm er zur Diskussion Stellung und unterstrich: “Wettbewerb unter den Branchenteilnehmern ist nur denkbar, wenn er für alle offen ist. Wir sollten zum nächsten Branchenparlament die Dinge auf den Prüfstand bringen.“
In seinem Schlusswort fasste Heinrich Riethmüller zusammen: libreka! sollte weiter entwickelt werden, inwieweit Zusammenarbeit mit anderen möglich und zulässig ist, muss geprüft werden. Weitere Gespräche sind notwendig. Statt der Übergabe der sonst üblichen Frankfurter Erklärung vom Parlament an den Vorsteher forderte er alle auf: „Stellen Sie sich dem Wettbewerb! Mehr Mut und Zutrauen in die eigenen Stärken!“
JF