Auf dem Weg in den Advent: Diesmal stehen fünf neue Titel auf der KrimiWelt-Bestenliste November 2010: An der ersten Stelle weiter der epochale Roman Tage der Toten des in San Diego/Kalifornien lebenden Autors Don Winslow.
Wer verstehen will, warum beinahe täglich an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Leichen gefunden werden, die von Narcotraficantes und Grenzbanditen ermordet wurden, kommt um Winslows Meisterwerk nicht herum. Weit über den aktuellen Bezug hinaus umspannt der Roman 30 Jahre Drogenkrieg, US-mittelamerikanische Beziehungen, geheime Operationen.
Neu sind:
Platz 2: Zoran Drvenkar: DU erzählt zwei Geschichten von Morden und Leben: die des Serienmörders Der Reisende und die von fünf Mädels, die auf eine Leiche und einen Haufen Heroin stoßen und auf eine verworrene Familie.
Platz 5: Heinrich Steinfest: Batmans Schönheit ist der Abschied von Steinfests einarmigem Chinesen Markus Cheng aus Wien – Kriminal surreal.
Platz 7: Anne Holt: Gotteszahl ist die Geschichte eines Serienmordanschlags auf Schwule und Lesben in Norwegen.
Platz 9: Oliver Bottini: Das verborgene Netz wagt sich in die Geheimnisse der Industriespionage vor.
Platz 10: Martin Booth: The American ist das Buch vor dem Film.
(Jurysprecher Tobias Gohlis)
Hier die komplette KrimiWelt für November:
1. (1) Don Winslow: Tage der Toten.Suhrkamp
USA/Mexiko/Mittelamerika: Dreißig Jahre Drogenkrieg, Antikommunismus, Mord, Folter, Armut und imperiale Gewalt. Don Winslows Epos um US-Drogenfahnder Art Keller und seine keineswegs private Fehde mit den Barreras aus Guadalajara ist das „Krieg und Frieden“ unserer Tage. Epochal, grandios, erschütternd.
2. (-) Zoran Drvenkar: DU. Ullstein
Berlin/Norwegen: Du. So wird jeder im Roman angeredet: der Serienkiller, der Gangster, die fünf sechzehnjährigen Mädchen, die im Haus eines ihrer Väter auf ein Drogenreservoir stoßen, und der tote Vater selbst. So angesprochen, haben sie Teil am blutig-schrillen Kosmos des Erzählers. Très noir.
3. (5) David Peace: Tokio, besetzte Stadt. Liebeskind
Tokio 1948: Als Amtsarzt, vorgeblich im Auftrag der US-Besatzungsbehörden, impft er die Angestellten einer Bank: von 16 Vergifteten überleben 4. Nach Polizeifolter geständig verurteilt: Aquarellmaler Hirasawa. Peace auf neuem Weg: 12 Zeugen, 12 Wahrheiten über Kriegs- und Nachkriegsverbrechen, Biologische Waffen, Besatzung. Meisterhaft.
4. (4) Nii Parkes: Die Spur des Bienenfressers. Metro im Unionsverlag
Accra/Sonokrom: Yaw Poku, traditioneller Jäger, und Kayo, in England ausgebildeter Tatortanalytiker. Zwei Ermittler, zwei Kulturen, zwei Lösungen. Ohne die Mätresse des Ministers wäre im Dorf Sonokrom nur ein Stück Fleisch vergammelt, jetzt ist es Mord im unzivilisierten Hinterland Ghanas. Satirisch, poetisch, ein Kleinod.
5. (-) Heinrich Steinfest: Batmans Schönheit. Piper
Wien: Krimi und literarische Engelserscheinung, Apotheose eines Krebses namens Batman und – vorläufig – letzter Fall des einarmigen chinesischen Detektivs Cheng aus Wien. Cheng rettet Red und Red rettet ein Kind, heißt eigentlich Ernest Hemingway und ist ein sanfter Mann. Kryptosurrealistisches Mentaltraining.
6. (9) Thomas Willmann: Das finstere Tal. Liebeskind
Deutsches Gebirgstal/Wilder Westen: Greider dringt in das abgelegene Hochtal vor, wo die Brenners mächtig sind. Den Winter über malt er ein Gruppenbild. Am Ende werden alle Porträtierten tot sein. Eine Gewaltgeschichte – jedes Komma 19. Jahrhundert. Alpin-Western und Blutheimat-Roman. Tolles Stück.
7. (-) Anne Holt: Gotteszahl. Piper
Oslo/Bergen: Mit bloßen Füßen steht das Kind im Schnee und singt – und bemerkt die heranrollende Straßenbahn nicht. Ähnlich ahnungslos ist die Polizei. Erst spät begreift sie, dass Hassmörder Homosexuelle ausrotten. Das entdecken Kriminologin Inger Johanne und Mann, aber verhindern können sie das Morden nicht.
8. (3) Jenny Siler: Verschärftes Verhör. Fischer
Afghanistan/Vietnam/Marokko/Spanien: Geheimdienstler gieren überall nach Information. Der junge Jamal behauptet, in Madrid einen iranischen Ex-Mitgefangenen gesehen zu haben. Kat hat Jamal in Bagram verhört, jetzt zieht sie los, ihn zu finden. Oder hilft sie, ihn umzubringen? Silers US-Empire: ein Weltmeer der Gewalt.
9. (-) Oliver Bottini: Das verborgene Netz. Scherz
Freiburg/Berlin: Nach dem Entzug darf Louise Bonì wieder arbeiten. Ein Routinefall im Halbdunkel eines Berliner Hotelflurs: Mann zusammengeschlagen, der Frau bedrohte. Im 5. Fall Bonìs geht es um Licht und saubere Energie, die Allgegenwart der Spione und gierige Frauen. Leise Paranoia-Induktion.
10. (-) Martin Booth: The American. Rowohlt
Eine kleine Stadt in Italien: Hier lebt in einem turmähnlichen Gebäude Signor Farfalla, der Schmetterlingsmaler. Ganz im Geheimen – und doch nicht so geheim: Sonst gäbe es dieses Buch nicht. Farfalla redet. So erfahren wir nach und nach, warum er auf der Hut lebt: Er ist ein Ästhet besonderer Art.
Die Jury:
Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt; Volker Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt; Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR; Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung; Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung; Michaela Grom, Stuttgart, SWR; Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen; Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung; Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel; Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR; Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38; Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR; Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard; Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau; Jochen Vogt, Kleinich, Elder Critic, NRZ, WAZ; Hendrik Werner, Bremen, Weser-Kurier; Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer
Die KrimiWelt-Bestenliste November wird heute auch in der „Literarischen Welt“, in den Literatursendungen des NordwestRadios und im Internet unter www.arte.tv/krimiwelt vorgestellt.