Home > Buchmessen > Pressekonferenz mit David Grossman

Pressekonferenz mit David Grossman

David Grossman

Claudia Paul, Pressesprecherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, eröffnete heute Vormittag die Medienrunde zur Verleihung des Friedenspreises und erläuterte, dass mit dieser Auszeichnung Friedensstifter gewürdigt werden. Gleichzeitig möchte man mit dem Preis ein Zeichen der Versöhnung setzen.

„Fast hat man erwartet, dass David Grossman den Friedenspreis erhält“, äußerte sich der Vorsteher des Börsenvereins, Dr. Gottfried Honnefelder, denn, so heißt es in der Begründung des Stiftungsrats, „David Grossman … der sich aktiv für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. In seinen Romanen, Essays und Erzählungen versucht er, nicht nur die eigene, sondern immer auch die Haltung der jeweils Andersdenkenden zu verstehen und zu beschreiben. David Grossman gibt dem schwierigen Zusammenleben eine literarische Stimme, die in der Welt gehört wird.“

Mit „Shalom und guten Morgen“ begrüßte der israelische Autor die Medienvertreter. Er postulierte noch einmal seine Ansicht, dass die Palästina-Frage nur geklärt werden könne, wenn zwei souveräne Staaten entstehen. Erst dann wir die Angst endlich aufhören. Zum Wort „Shalom“ bemerkte er, dass dieser Ausdruck für Israelis manchmal wie eine Attrappe oder ein Traum klinge. Dennoch darf seine wahre Bedeutung nicht verloren gehen. „Ich setze mich für eine Alternative zur gegenwärtigen Situation ein, aber es ist schwer“, unterstrich David Grossman. Den Aufenthalt in Deutschland nutzt er auch, um seine Gefühle in Worte zu fassen: „Es war schon etwas Besonderes, diesen Raum hier auf der Buchmesse zu betreten und zu wissen: In wenigen Tagen wird ein Israeli und Jude mit einer hohen Auszeichnung geehrt – vor 70 Jahren unvorstellbar. Für sie hier ist auch Krieg nicht mehr vorstellbar, die meisten von ihnen haben keinen Krieg erlebt. Das bedeutet doch, Frieden ist möglich. Manchmal können sich die Israelis Frieden nicht mehr vorstellen, deshalb ist es so wichtig, immer wieder über dieses Ziel zu sprechen.“

Man könne Kinder nicht vor der Realität und nicht vor Gewalt, die sie täglich sehen, schützen. Also muss man diese Realität ändern. „Ich kann das nicht mit ein paar Worten erklären, deshalb schreibe ich Romane“, setzte der Schriftsteller, von dem bisher 18 Bücher in Deutschland erschienen sind, hinzu.

Auf die Frage, ob er nicht manchmal resigniere, weil sich wenig bewegt im Nahostkonflikt, antwortete David Grossman, dass er sich das luxuriöse Gefühl der Resignation nicht leisten könne. Außerdem sei er von Natur aus Optimist. „Ich weiß, dass Israelis und Palästinenser gut zusammenleben können. Sie sind einander sehr ähnlich. Wir müssen ihnen nur die Möglichkeit dazu geben.“ Die Führer beider Völker müssten mutig für eine Lösung kämpfen.

Der Gedanke der Gründung Israels war es, nie wieder Opfer zu sein. Doch die Israelis sind keine Opfer, wenn sie die Gründung eines Nachbarstaates tolerieren. Es ist ganz wichtig, den Anderen zu verstehen, sich nicht abzuschirmen. „Wenn wir die Sorgen, Ängste und Fehler der Anderen erkennen, kommen wir einer Lösung näher“, ist Grossman überzeugt.

Der Schriftsteller wird gefragt, warum in seinem jüngsten Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht, im letzten Jahr im Carl Hanser Verlag erschienen, eine Frau im Mittelpunkt steht. Für den Autor spielt die Familie eine wichtige Rolle, viel im Buch hat mit dem Aufwachsen der Kinder zu tun. Natürlich ist der Vater ebenfalls präsent, doch die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist einzigartig. Außerdem sind Frauen gegenüber männlichen Erfindungen wie Staat, Armee, Militär skeptischer. Gott habe doch Abraham gefragt, ob er seinen Sohn opfern würde. Sara hätte ihr Kind nie geopfert, zieht David Grossman biblische Vergleiche hinzu.

David Grossman hat 2006 seinen Sohn bei einem Angriff der Hisbollah verloren. Hatte er nie daran gedacht, Israel zu verlassen? „Wenn so etwas passiert, ist man wie ausgeschlossen. Diesem Zustand kann man nicht ausweichen, wo immer man auch hingeht. Israel ist meine Heimat, ein solches Gefühl hatten die Juden selten in ihrer Geschichte“, antwortete der Autor, der sich zu seinem Land bekennt und weiter aktiv und mit seinen Werken dafür einsetzen wird, dass die Angst auf beiden Seiten des Konflikts möglichst schnell aufhört.

JF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige