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Prof. Dr. Ursula Rautenberg zum neuen Master-Studiengang Buchwissenschaft

Ursula Rautenberg

Das Fach Buchwissenschaft kann man nur an wenigen Universitäten in Deutschland studieren. buchmarkt.de sprach mit Prof. Dr. Ursula Rautenberg, der Lehrstuhlinhaberin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Anlass des Gesprächs ist die Einführung des Master-Studiengangs Buchwissenschaft ab dem kommenden Wintersemester.

buchmarkt.de: Buchwissenschaft ist, verglichen mit den Massenfächern wie z. B. Germanistik, ein kleines Fach. Womit beschäftigen Sie sich eigentlich wissenschaftlich?

Prof. Dr. Ursula Rautenberg: ]Gegenstand unseres Fachs in Forschung und auch der Lehre ist, wenn man es einmal wissenschaftlich knapp ausdrückt, die Buchmedienkommunikation. Das heißt, dass nicht nur „das Buch“ als Alltagsgegenstand in Geschichte und Gegenwart erforscht wird, sondern alle Kommunikationsprozesse, an denen das Buch als Medium beteiligt ist. Diese Prozesse umfassen die Herstellung und Bereitstellung des Buchs, aber auch die wirtschaftlich und kulturell agierenden Organisationen wie Verlage und Buchhandel und die institutionellen Regelungen, z. B. das Buchpreisbindungsgesetz oder die Kommunikationskontrolle durch staatliche und weltanschaulich gebundene Institutionen; ins Positive gewendet: auch alle Stützmaßnahmen wie z. B. die Leseförderung. Gerade diese Regelungen sagen viel darüber aus, welchen Stellenwert die Gesellschaft einem Medium beimisst.

buchmarkt.de: Alle Welt spricht über E-Books, E-Commerce und E-Publishing? Sind solche Entwicklungen auch Gegenstand von Forschung und Lehre bei Ihnen?

Prof. Dr. Ursula Rautenberg: Ja, und das bereits seit über zehn Jahren, als unsere jährliche Vortragsreihe „Alles Buch“ dem E-Publishing gewidmet war. Ciando z. B. war damals schon bei uns, als kleines und unbekanntes Start-up-Unternehmen. Inzwischen haben wir die Lehre gerade in diesem Bereich deutlich ausgebaut, und die gegenwärtigen elektronischen Formen sind Schwerpunkte im Bachelor- und Masterstudium. Für uns ist es ausgesprochen spannend zu beobachten, wie sich die traditionellen Kombinationen von Inhaltscodierung, Speicherverfahren, Übertragungsweg und Empfangssituation ändern – für die Buchwirtschaft aber ist das eine große Herausforderung. Wir bereiten unsere Studierenden auf beides vor: auf die traditionelle und die digitale Buchkultur und Buchwirtschaft.

buchmarkt.de: Sie leiten die Erlanger Buchwissenschaft seit 1997? Wie war die Situation bei Ihrem Start in Erlangen, wie ist sie heute?

Prof. Dr. Ursula Rautenberg: Als ich 1997 den Ruf angenommen habe, gab es neben mir eine halbe Assistentenstelle und 15 bis 20 Studierende, die trotz der langen Vakanz geblieben waren. Heute hat der Lehrstuhl drei Professuren. Außer mir gibt es eine Juniorprofessorin für Buchwissenschaft/Buchwirtschaft, Kerstin Emrich, und eine weitere Professur für Buchwissenschaft mit mediensoziologischem oder kommunikationswissenschaftlichem Schwerpunkt, die gerade neu besetzt wird. Ferner haben wir eine Honorarprofessur für Buchwissenschaft/Urheber- und Verlagsrecht, die mit Prof. Dr. Peter Lutz besetzt ist.

Das Fach ist vom Bayerischen Wissenschaftsminister in die Liste der Ausbaufächer aufgenommen worden. Seit drei Jahren erhalten wir daher Stellen und Mittel, um Studienanfängerplätze aufzubauen. Mit unseren inzwischen sechs wissenschaftlichen Mitarbeitern fahren wir einen gut nachgefragten dreijährigen Bachelor-Studiengang Buchwissenschaft mit über 100 Anfängerplätzen pro Jahr. Für den doppelten Abiturjahrgang im kommenden Jahr haben wir einen zusätzlichen Aufnahmetermin im April mit 35 Plätzen. Den Master starten wir jetzt erstmals in diesem Oktober. Man kann sich noch bis Ende August bewerben: alle Infos dazu auf unserer Homepage www.buchwiss.uni-erlangen.de. Anders als Weiterbildungsangebote der Akademie des Deutschen Buchhandels ist unser Programm bis auf die üblichen Studienbeiträge kostenfrei.

buchmarkt.de: Sie bilden ja nicht nur Wissenschaftler aus. Welche Inhalte aus der Branchenpraxis vermitteln Sie Ihren Studierenden? Und wie geschieht das?

Prof. Dr. Ursula Rautenberg: Wir haben zurzeit zwei wissenschaftliche Mitarbeiter aus der Praxis, Anna-Maria Seemann, die von Pustet zu uns gekommen ist, und Dr. Günther Fetzer, der viele Jahre in großen deutschen Verlagen Programmverantwortung trug. Dazu kommen Pflichtveranstaltungen, die von externen Lehrbeauftragten aus der Branche gehalten werden. Frau Dr. Martina Steinröder, Inhaberin eines Münchner Branchenberatungsunternehmens, ist z. B. regelmäßig bei uns. Und nicht zu vergessen den auf Urheberrecht spezialisierten Anwalt Dr. Lutz als Honorarprofessor. Die Studierenden müssen auch Pflichtpraktika absolvieren. Es ist aber nicht so, dass wir nur das „How-to-do“ als praxisrelevante Ausbildung einholen. Viele unserer Bachelor-Module vermitteln die gesamten Zusammenhänge und auch mal die eine oder andere Theorie, deren Anwendbarkeit für die spätere Berufstätigkeit stets mitbedacht wird. Immerhin sind wir ein universitäres Fach und wollen auch so gesehen werden.

buchmarkt.de: Warum sollte ein Unternehmen Absolventen der Erlanger Buchwissenschaft einstellen? Was bieten Sie also der Branche, sei es herstellender oder verbreitender Buchhandel?

Prof. Dr. Ursula Rautenberg: Zunächst einmal haben unsere Bachelor zwei Hauptfächer: neben Buchwissenschaft ein weiteres nach freier Wahl aus dem breiten Spektrum der Geistes- und Kulturwissenschaften oder den Wirtschaftswissenschaften. Das unterscheidet uns von den Fachhochschulen. Dann die gründliche, theorie- und reflexionsgeleitete Ausbildung, die unsere Absolventen zu eigenständigem Problemlösungspotential befähigt. Dazu entwickeln wir gerade ein neues, abgestimmten Curriculum, das vielleicht einmal das Erlanger Modell sein wird. In den heutigen spannenden Zeiten (siehe oben) ist das unerlässlich.

buchmarkt.de: Haben Sie Wünsche an die Branche?

Prof. Dr. Ursula Rautenberg: Ja, dass die Personalchefs, aber auch die Branchenfunktionäre, erkennen und anerkennen, wie hoch qualifiziert für anspruchsvolle Jobs unsere Absolventen sind, die wir ausbilden, und zwar mit Steuermitteln. Diese sollten nicht mit jedem beliebigen geisteswissenschaftlichen Absolventen oder Germanisten in einen Topf geworfen werden. Es ist schon vorgekommen, dass ein Verleger in einem Hauptseminar meinte erklären zu müssen, dass es so etwas wie eine Preisbindung gibt (und zwar bestimmt nicht klausurtauglich; die Reaktion der Studierenden war höfliches Lächeln …).

Und natürlich: Einen Magister oder Master mit etlicher Praxiserfahrung mit einem sechsmonatigen unbezahlten Volontariat oder gar Praktikum abspeisen zu wollen – das macht mich wütend. Die Branche handelt hier kurzsichtig und zu ihrem eigenen künftigen Schaden. Einige Unternehmen in der Branche haben das bereits erkannt und verhalten sich angemessen.

Das Gespräch führte Christian von Zittwitz.

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