
Gestern Abend stellten Autor Jürgen Roth, Journalist Matthias Thieme und Rechtswissenschaftler Karl-Joachim Schmelz in einem Podiumsgespräch im Depot der Frankfurter Rundschau das neue Buch Gangsterwirtschaft. Wie uns die organisierte Kriminalität aufkauft, soeben im Eichborn Verlag erschienen, vor.
Stephan Gallenkamp, Vorstand der Eichborn AG, präsentierte zunächst die Gesprächsteilnehmer. Prof. Karl-Joachim Schmelz war als Bankenrechtler u.a. Sachverständiger beim Finanzausschuss des Deutschen Bundestages zum Thema „Kreditverkäufe“.
Matthias Thieme, Redakteur bei der Frankfurter Rundschau, erhielt zusammen mit seinem Kollegen Jörg Schindler den Wächterpreis der deutschen Tagespresse 2009 für die Recherchen über das undurchsichtige Spendensammeln des Kinderhilfswerks UNICEF Deutschland.
Das neue Buch von Jürgen Roth, es ist sein siebtes im Eichborn Verlag, setzt sich damit auseinander, „dass sich Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik vom Grundverständnis einer demokratischen Gesellschaftsverfassung gelöst haben und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, der Logik der Mafia“, schreibt der Autor.
Eigentlich herrscht in der Gesellschaft die Meinung, dass man sich nicht mit kriminellen Regierungen oder Firmen einlassen sollte. Doch Beispiele belegen das Gegenteil; so das Engagement der Fraport am Flughafen Manila oder neuerlich am Flughafen Burgas. Der Autor zieht das Fazit, dass es vielen deutschen Unternehmern völlig egal ist, mit welchen Partnern sie kooperieren – Hauptsache, der Profit stimmt.
Das Interesse an der Aufklärung solcher Handlungsweisen ist in der Gesellschaft und vor allem bei den Verantwortlichen gering.
Karl-Joachim Schmelz betonte, dass es sich vielfach um öffentliche Unternehmen handelt, er erinnerte an die Landesbanken. Ausgerechnet diese haben sich enttäuschend verhalten.
Eine gegenseitige Durchdringung von Gangstermethoden und Wirtschaft und zunehmende kriminelle Machenschaften sowie eine großer Grauzone konstatierte Jürgen Roth. Die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität sind immer schwieriger feststellbar. Kriminelles Geld ist in vielen Bereichen im Umlauf, es vermischt sich mit legalen Handlungsweisen.
Auf die Tätigkeit der Landeskriminalämter, die oft eine gute Arbeit leisten, ging der Autor ebenfalls ein. Allerdings ist auch zu bemerken, dass Informationen und Recherchen stecken bleiben und oft keine Konsequenzen nach sich ziehen.
Karl-Joachim Schmelz weist auf die „Macht der Nullen“ sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft hin. Mit dem Zauberwort „Arbeitsplätze“ ließe sich alle Moral über Bord werfen. Sobald jedoch unhistorisches Denken und Handeln die Oberhand gewinnt, steuern wir auf eine unheilvolle Entwicklung zu.
Auf die Frage nach neuen Gesetzen antwortet Schmelz: „Die Dummheit und Pflichtvergessenheit von Politikern kann nicht mit Gesetzen geregelt werden.“ Ein neues Strafrecht löst die Probleme also nicht.
Gibt es einen Ausweg aus diesem deprimierenden Szenario? „Ich schreibe diese Bücher, weil es noch unheimlich viele gibt, die sich wehren“, bekräftigte Jürgen Roth und nennt das Wirken in verschiedenen non-governmental organizations (NGOs) als eine Möglichkeit, sich zu engagieren. Wichtig sind mehr Transparenz und eine neue Wertediskussion.
Im Anschluss hatte das Publikum noch die Möglichkeit, Fragen an die Gesprächsrunde zu stellen.
Die Buchhandlung „Die Wendeltreppe“ bot eine Auswahl der insgesamt über 30 bisher erschienenen Bücher Jürgen Roths an, die der Autor auf Wunsch gern signierte.
JF