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Schöne Aussichten – 6. Frankfurter Literaturgespräch

Moderator Alf Mentzer

Viermal im Jahr trifft sich eine Kritikerrunde im Frankfurter Literaturhaus, um neue Bücher zu besprechen und ein vor Jahren erschienenes Werk im Haltbarkeitstest zu bewerten. Dazu wird immer ein Gast eingeladen.

Zur sechsten Auflage des Literaturgesprächs am gestrigen Abend hatten Moderator Alf Mentzer, hr2-kultur, Ina Hartwig, freie Literaturkritikerin, Hubert Spiegel, FAZ und der Autor Wilhelm Genazino auf dem Podium Platz genommen.

Zunächst gratulierte Alf Mentzer dem Schriftsteller zur Verleihung des Rinke-Sprachpreises, den Wilhelm Genazino für seinen Roman Das Glück in glücksfernen Zeiten, erschienen im Hanser Verlag, im April entgegen nehmen wird.

Das erste zu besprechende Buch ist Alissa Walsers Roman Am Anfang war die Nacht Musik, dieses Jahr im Piper Verlag erschienen. Ina Hartwig lobte das Buch als raffiniert komponiert und sieht darin den Versuch, den Skandal umwitterten Arzt Franz Anton Mesmer zu rehabilitieren. Die Beschreibungen findet sie anschaulich, skurril und teilweise lustig. In der Person der Pianistin Maria Theresia Paradis erkennt sie auch die unterdrückte Tochter – ein Bild, das an diesem Abend noch oft eine Rolle spielen wird.

Wilhelm Genazino faszinierte der Stoff nicht, ihm hat der Roman in seiner Entfaltung allerdings Spaß gemacht. „Ich halte den Roman bis auf die etwas gedehnte Mitte für gelungen“, urteilte er. Viele Einzelheiten wurden recherchiert, Worte tauchen auf, die man nicht kennt und die einen Film im Kopf in Gang setzen.

Alf Mentzer findet, dass der Roman eine paradoxe Anschaulichkeit vermittelt.

Einen Vergleich zu Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt zieht Hubert Spiegel, ohne Walsers Buch damit abwerten zu wollen. In beiden Büchern wird ein großes Thema der Wissenschaftsgeschichte gespiegelt. „Ein gut gemachter Roman“, resümiert der Kritiker.

Alf Mentzer fügt an, dass im Buch auch die Grenze zwischen Aufklärung und Romantik eine Rolle spielt, die Spannungen zwischen beiden Epochen jedoch nicht aufgelöst werden.

Ina Hartwig wirft ein, dass eine historische Geschichte der Autorin möglicherweise als Maske für eine Vater-Tochter-Beziehung diente. Diesen Gedanken weist Wilhelm Genazino als Irrweg zurück, dass Buch sei souverän und von einer begabten Autorin geschrieben.

Dieter Kühns Ich war Hitlers Schutzengel, gerade bei S. Fischer herausgekommen, stand als nächstes zur Debatte.

Hubert Spiegel erinnerte zunächst daran, dass Dieter Kühn sich viel mit Biografien beschäftigte und in diesem Buch eine alternative Weltgeschichte beschreibt. Die vier Fiktionen sind um Korrektheit bemüht, das belastet das Buch, diese Mischung gehe leider nicht auf.

Ina Hartwig hat für freie Geschichtsspekulationen trotz allen Witzes kein Verständnis.

Alf Mentzer bemängelte: „Mir fehlt der Erkenntnisgewinn.“

Wilhelm Genazino fragte: „Warum erzählt ein erfahrener Autor vier Mal dieselbe Geschichte? Besser wäre es gewesen, aus der ersten Fiktion ein Buch zu machen.“

Hubert Spiegel wandte ein, dass solche Themen bereits vielfach aufgegriffen wurden, die Menschheit aber auch nach wie vor beschäftigen.

Um Alan Bennetts Ein Kräcker unterm Kanapee, erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, ging es anschließend. Alf Mentzer lobte die schöne Salto-Reihe des Verlags und die traurig-komischen Geschichten, die ihn amüsiert hätten. Nina Hartwig stimmte zu, im schönen britischen Humor kann man köstlich baden. Sie spannte eine Brücke zu Samuel Beckett.

Wilhelm Genazino sind die Texte zu kalkuliert, zu nett, zu heiter. Ihm fehle ein anarchistisches Moment. Auch seien die Geschichten jenseits von Beckett.
„Was ist heiter an einer alten Frau, die in ihrer Wohnung vereinsamt?“, fragt dagegen Alf Mentzer. Doch darauf wollte sich Wilhelm Genazino nicht einlassen, sprach von abgetakelten Stilmitteln und verbrauchtem Humor.

Hubert Spiegel bestätigte, dass das Buch auf Effekte aus ist, auf Witzigkeit, die jedoch nicht von Dauer ist. Er erinnerte daran, dass diese Geschichten eigentlich fürs Fernsehen geschrieben worden sind und bilanzierte: „Große Literatur kann natürlich nicht entstehen, wenn man fürs Fernsehen arbeitet.“

Mit der Bemerkung „Ein Riss geht durchs deutsche Feuilleton“ leitete Alf Mentzer zu Helene Hegemanns Axolotl Roadkill, erschienen im Ullstein Verlag, hin. Ina Hartwig ergriff das Wort und äußerte, dass die Tatsache, dass viel abgeschrieben wurde, sie zur Ernüchterung geführt habe. „Ich war baff beim ersten Hineinlesen“, gestand sie. Literarische Anleihen findet Ina Hartwig in Ordnung, Täuschungen hingegen nicht; auch die Lektorin und der Verlag seien getäuscht worden. Außerdem sei über dem ganzen Skandal noch keine zufrieden stellende Kritik erschienen. Sie hält das Buch auch nicht für einen Pastiche, eine parodistische Nachahmung eines vorhandenen Textes, und fragt: „Wie kann man unschuldig auf dieses Buch reagieren?“

Alf Mentzer stellte ebenfalls zur Diskussion, ob die Lektüre von den Plagiatsvorwürfen getrennt werden könne.

Hubert Spiegel hält die Annahme, dass der Verlag nichts von dem Plagiat wusste, für abenteuerlich. Jetzt haben wir eine Megadebatte über Buch, Plagiat und Autorin.
Das Buch habe er nicht gerne gelesen, schätzte es als absolut künstlich und überzogen ein, das auf Vorführeffekte spekuliert.

Ein starkes Misstrauen gegen alles Betrügerische äußerte Wilhelm Genazino. Die Absicht sei durchsichtig gewesen, die Rakete ging hoch und die Auflage ebenfalls. Allerdings findet er ein real vorhandenes Talent der Autorin. „Helene, du bist eine Humoristin – das müsste ihr von ihren Beratern gesagt werden“, schätzte er ein.

Den extremen Wechsel der Stimmungslagen im Buch führte Hubert Spiegel auf das Milieu, in dem Helene Hegemann aufgewachsen ist, zurück. Diese Stilmittel sei typisch für das Theater.

Ina Hartwig forderte auf: Lest Airens Strobo! Airen und Hegemann sind wie Authentizität und Leere, findet sie – selbst wenn diese Ansicht altmodisch ist. Alf Mentzer sieht in der Leere gerade die Authentizität. Diesen Begriff nahm Hubert Spiegel auf und fragte: „Was ist denn Authentizität? Ein untaugliches Kriterium zur Beurteilung literarischer Texte.“ Wilhelm Genazino wirft ein, dass Authentizität einmal wichtig war, jedoch zuschanden geschrieben worden sei. Sehr authentisch sei beispielsweise Bukowski. Eine kurze und erheiternde Diskussion über scheintote technische Mittel folgte.

Im Haltbarkeitstest wurde Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin, erschienen 1983 bei Rowohlt, beurteilt. Da sind sich alle Kritiker einig: Die Autorin ist sich ihrer Mittel sicher und setzt sie meisterhaft ein. Von der ersten Seite an spürt der Leser die kompakte sprachliche Kompetenz von Elfriede Jelinek, die groteske Figuren beschreibt, die nie eintönig wirken. Ein Buch, das auch heute noch empfohlen werden kann.

JF

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