Die Diskussion tobt seit Tagen und Wochen, und da es dabei um Datenbanken, Geld, Preisganben und Emotionen geht, ist sie ein wenig unübersichtlich geworden: Gemeint ist der Disput um falsche Preise und was diese für unsere Branche bedeuten. BuchMarkt-Leser haben sich an die Redaktion gewandt mit der Bitte, mal ein wenig Klarheit in das hochemotionalisierte Thema zu bringen. Versuchen wirs…
Fangen wir mal ganz einfach an: Was würden Sie tun, wenn Sie bei Ihrem Aldi oder Lidl um die Ecke immer und immer wieder andere Preise als in der Zeitungswerbung fänden? Einfach mal zuviel oder zuwenig zahlen in der Hoffnung, es werde sich schon irgendwie ausgleichen? Den Händler auf sein Versehen aufmerksam machen und um Korrektur bitten? Zum Gewerbeamt rennen und da Bescheid geben, dass die Herrschaften ersichtlich nicht in der Lage sind, ihre Ware richtig auszupreisen und zu bitten, ob man nicht den Entzug der Gewerbelizenz mal überprüfen könne?
Was das alles mit unserer Branche zu tun hat? Sehr viel, wie man gleich sehen wird, und bei uns gibt es noch eine Verschärfung obendrauf: die Preisbindung, die dafür sorgt, dass Kunden niemals nachdenken müssen: Jedes neue Buch kostet überall dasselbe, ob auf Husum oder in Garmisch, ob bei Thalia oder bei Amazon. Eigentlich.
Aber nicht, warum die Preisbindung ein Lebensfaden der ganzen Branche ist, soll hier noch einmal grundsätzlich erörtert werden. Warum jedoch das Hantieren mit falschen Preisangaben kreuzgefährlich sein kann, darüber sollte man sich einfach mal Gewissheit verschaffen.
Ins Rollen gekommen ist alles durch den „Fall Dietrich Wienecke“ – man könnte auch sagen: die lange tickende Bombe ist hochgegangen. Was ist passiert? Dem Brunsbütteler Buchhändler reichte es eines Tages, von seinen Kunden Amazon-Ausdrucke vor die Nase gehalten zu bekommen mit dem triumphierenden Kommentar: „Sehen Sie, im Internet ist doch alles billiger und nicht, wie Sie es uns immer erzählen wollen!“ Eine Weile machte er gute Miene zum bösen Spiel, aber dann kommt es doch zu dicke: „Der dritte Band der Millionen-Bestsellerreihe ‚Bis(s)’ erscheint im Februar 2008. Und bei Amazon ist das Buch um drei Euro günstiger. Selbst ein Brief des Carlsen Verlags hat nichts bewirkt“, so Wienecke. Seine Kunden bleiben weg; warum sollten sie im Laden auch teurer kaufen als im Internet? Und Wienecke verklagt Amazon. Das dauert, und das kostet richtig Geld, aber es scheint sich gelohnt zu haben: Jetzt nämlich hat Wienecke zumindest ein vorläufiges Urteil in der Hand, das ihm Recht gibt: Amazon darf nicht zu falschen Preisen verkaufen. Punkt.
Doch statt dass die Branche in einhelligen Jubel ausbricht ob des Sieges zugunsten der Preisbindung, gibt es Stirnrunzeln beim Börsenverein und Zoff um die Qualität der branchenbekannten Bücherdatenbanken. Dieter Wienecke hat – als Mitglied des Börsenverins – seinen Prozess nämlich ohne Unterstützung des Börsenvereins geführt. Genauer gesagt: Der Börsenverein hat ihn nicht nur nicht unterstützt, er hat ihn auch vor dem Prozess gewarnt: Weil nämlich der Börsenverein Amazon-Preisverstöße angesichts der Millionen von Titeln für entschuldbar hält. Dafür könnte man sogar Verständnis aufbringen, denn keine Datenbank kommt aus ohne den „Faktor Mensch“, und der macht halt Fehler. Wenn da nicht eine gewisse Ungleichbehandlung in der Branche wäre: „Jeder kleine Buchhändler an der Ecke, da kann er Mitglied im Börsenverein sein soviel er will, wird kostenpflichtig abgemahnt, wenn er in seinem (zumeist) VLB-basierten Webshop ein Buch zum falschen Preis verkauft – beim Nicht-Mitglied Amazon als einem der mächtigsten Großkunden drückt man alle Augen zu. Oder hat man schon von Amazon-Abmahnungen wegen Preisbindungsverstößen gehört“, ereifert sich Lorenz Borsche, Generalbevollmächtiger der eBuch und in der Branche als Datenbank-Fex bekannt. Nö, hat man nicht…
Was man aber von allen Auslieferungen hört: Horror vor Amazon-Bestellungen, wenn es Preisdifferenzen gibt. Und so läuft das ab: Amazon meldet dem Auslieferer, nachdem dieser eine Rechnung mit dem (richtigen) Preis geschrieben hat, dass der berechnete Preis nicht stimme. Der Auslieferer, der sich natürlich nicht auf einen in die Datenbank eingepflegten Preis verlässt, sondern sich die Verlagsrechnung anschaut, macht Amazon auf den Fehler aufmerksam. Oder will es tun. Denn da beginnt, so hören wir es immer wieder, die Crux: „Reden Sie mal mit Amazon! So von Mensch zu Mensch. Vergessen Sie’s“, so die Klage. Also: Man wurschtelt sich statt dessen durch alle Online-Formulare, um Amazon etwas mitzuteilen. Was Amazon übrigens prima beherrscht, ist die Schaltung von Autorespondern.
Aber irgendwann haben Sie es als Auslieferer geschafft, Amazon den falschen Preis zu verklickern und das Problem mit Ihrer Rechnung zu lösen. Endlich! Da atmet man doch auf…
Freilich nur solange, bis der gleiche Titel noch einmal bestellt wird, einen Tag später oder Wochen. Da geht das Ringelspiel nämlich von neuem los. Denn Amazon denkt nicht daran, Preise zu korrigieren.
Noch nicht: Denn, ganz versteckt, gibt es ein Amazon-likes Umständlich-Formular, mit dem man falsche Preise melden kann. Innerhalb von drei Werktagen werde korrigiert, wird da versprochen; eine Frist, die bei Datenbankfachleuten der Branche Gelächter ausgelöst hat. Oder – je nach Mentalität – auch Tränen.
So in etwa der Casus, der die Branche derzeit umtreibt. Fragt man jedoch nach der Ursache aller Ursachen, landet man schnell wieder bei einem alten Bekannten: dem VLB, dessen Datenqualität seit Jahrzehnten in der Kritik steht. Und: Seit Jahrzehnten wird beschworen, dass sich die Qualität verbessern werde, und seit Jahrzehnten bleibt sie stabil schlecht.
Freilich: An die eigene Nase fassen müssen sich zuerst einmal die Verlage, die fehlerhaft eingeben und später nicht korrigieren, Verlage, die nie erschienene Titel auf ewig im Verzeichnis „lieferbarer“ Bücher schmoren lassen. Die vergessen, ursprünglich gemeldete Preise zu korrigieren, die bei Erscheinen verändert wurden. Diese Veränderungen klärt zwar die Auslieferung mit jedem Verlag und jedem einzelnen Titel ab, aber eine Rückmeldung ans VLB gibt es nicht. Wäre ja auch ein bisschen viel verlangt, kostenlos den Service zu erbringen, den die VLB-Redaktion bezahlt nicht leistet. Was im Umkehrschluss sagt, wie mit dem VLB, laut Eigendarstellung das „Standardwerk des Buchhandels“, tatsächlich gearbeitet wird…
Da wir einmal dabei sind, zitieren wir gleich noch ein bisschen: „Seit über 30 Jahren setzt das VLB Maßstäbe im Buchhandel und Bibliothekswesen und hat in dieser Zeit viel erreicht: So wurde die Zusammenarbeit zwischen Verlag, Zwischenbuchhandel und Sortiment entscheidend professionalisiert, die Bestellungen des Buchhandels perfektioniert und neue Qualitätsstandards definiert“, heißt es in der Selbstdarstellung auf www.vlb.de. Und weiter: „Das VLB steht für hohe Datenqualität, denn Ihre Daten werden von uns nicht nur automatisiert auf Inkonsistenzen überprüft. Vielmehr arbeitet eine vielköpfige VLB-Redaktion kontinuierlich an der Verbesserung der Datenqualität und sorgt damit für den bestmöglichen Datenstandard.“ Da beginnt bei Lorenz Borsche, der mit seinem Preis-Radar eine Software entwickelt hat, die die Preise von VLB, Amazon und die qua Autopsie ermittelten Preise der Barsortimente vergleicht und jede Abweichung auflistet, das Kopfschütteln. Denn seine Software liefert ganz andere Ergebnisse: Fehler gibt es überall, und dramatisch überproportinal beim VLB. Das sich ja die Datenqualität (siehe oben: „vielköpfige VLB-Redaktion“) ordentlich bezahlen lässt und nicht unerhebliche Gewinne einfährt. Darf man da nicht erwarten, dass an den Fehlern nicht nur verbal gearbeitet wird? Doch da winkt nicht nur Lorenz Bosche ab. „Man kann davon ausgehen, dass 20 Prozent der als lieferbar gemeldeten Bücher im VLB alles sein mögen, aber nicht lieferbar“, so klagen auch Verleger und bekennen sich durchaus schuldig, an dieser Misere mitzuwirken und mitgewirkt zu haben. Vielleicht sollte man einfach mal den „Tag des VLB“ ausrufen, an dem Verlage nichts anderes tun, als ihre Daten zu pflegen. Weil, alter Grundsatz, der sich im Printgewerbe allmählich herumgesprochen haben sollte, Fehler, die nicht begangen werden, auch hinterher keinen Ärger mehr machen. Wie wärs? Und sozusagen automatisch würde auch Amazon nur noch richtige Preise erhalten – womit der fatale Eindruck, im Internet sei alles billger – auch ein seliges Ende hätte…
uf