Kurz vor dem Start der Leipziger Buchmesse ist die Lage, was die vielen E-Book-Reader, ihre Vermarktung, Dokumentenformate und Inhalte anbelangt, mehr als unübersichtlich geworden.
Mit der kleinen Software Stanza, die fast alle E-Book-Formate für das iPhone, den iPod Touch sowie für Mac- wie PC-Computer umwandelt, ist sozusagen das „html“, die Basissprache des Webs, für die E-Book-Reader vorhanden. Es könnte also sehr gut sein, dass die vielen Beteiligten im großen Spiel um die „Revolution des Buches“ die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Denn die Frage: „Wer kann eigentlich an den E-Books verdienen?“ wird bisher eher sträflich behandelt.
Doch verschaffen wir uns erst mal einen Überblick: Das BuchMarkt-Märzheft versuchte mit seiner Geschichte „E-Book: Das müssen Sie wissen!“ eine Orientierung zu geben und arbeitet seitdem daran, online fast im Stundentakt weitere Tipps zu geben. Am 3. März legte der Kollege Helmut Merschmann im Web-Magazin telepolis den Verlagen in seinem Artikel Preise runter! noch eine nachvollziehbare und günstige Preisgestaltung bei ihren digitalen Inhalten nahe und erinnerte an den Erfolg von Apple beim Vermarkten von Musik: „Von Apple lernen, heißt siegen lernen… dass nur kostengünstige digitale Angebote auf dem Markt eine Chance haben…“.
Am 4. März stolperte der AP-Kollege Peter Zschunke auf der CeBit über den Linux E-Book-Reader von txtr [mehr…], den die gleichnamige Berliner Online Text Community (www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,611290,00.html) auf den Markt bringen wird, während Jürgen Kuri von den „versteckten E-Book-Readern“ auf der Messe bei Heise Online zu berichteten wusste.
Als würde das alles noch nicht reichen, verkündete Amazon-Chef Jeff Bezos am Nachmittag des 4. März die Freigabe aller 240 000 englischen Kindle-Bücher von Amazon USA für das iPhone und den iPod Touch von Apple. Schon waren die Karten ganz neu gemischt.
Ganz freiwillig hat Bezos sicherlich nicht in diesen „Apfel“ gebissen. Verantwortlich dafür war vielmehr die kleine, kostenlose Software Stanza der Firma Lexcycle (www.lexcycle.com), die erst letztes Jahr gegründet wurde und im beschaulichen Portland in Oregon sitzt. Bereits seit dem Herbst 2008 verbreitete sich Stanza via Web wie im Flug. Die Applikation kann fast alle gängigen E-Book-Reader-Dokumentenformate sowohl auf PC- oder Mac-Rechnern als auch auf dem iPhone und dem iPod Touch verarbeiten und vierfarbig darstellen.
E-Books lassen sich damit im Web nicht nur finden und herunterladen, sondern auch mit anderen Nutzern teilen, Bibliotheken lassen sich organiseren etc. Stanza ist damit auf dem besten Weg das „html“, die Basissprache des Webs, für die E-Book-Reader zu werden.
Dies wohl wissend entschied sich Bezos dafür, den Stier bei den Hörnern zu packen: Geteilter Gewinn ist besser als gar keiner. Weltweit sind rund 8 Millionen iPhones verkauft worden, man schätzt die Zahl der in den USA verkauften Amazon-Kindles optimistisch auf 300.000. Das erscheint eher lächerlich.
Doch Rate-Spass beiseite: Unternehmerisch betrachtet hat Bezos die absolut richtige Entscheidung getroffen. Stanza und seine rasante Verbreitung werden dafür sorgen, dass früher oder später E-Book-Texte auf jedem Mobiltelefon, Computer, PAD, Netbook usw. usf. herunterzuladen und zu lesen sein werden.
Womit wir bei der entscheidenden Frage wären: Wer kann am E-Book eigentlich verdienen? Was ist, wenn ab nächster Woche der Buchhandel die nun fast zwei Jahre alten Sony PRS 505 E-Book Reader in Hülle und Fülle verkauft haben sollte? Und dann? Wo bekommt der Käufer seine Inhalte her? Warum blättert die Buchhandelskette Barnes & Noble, der es gerade nicht sehr gut geht, am 5. März 2009 15,7 Millionen US-Dollar (in cash) für eine der größten Websites für E-Book-Texte hin? 60.000 E-Book-Texte sollen Fictionwise (www.fictionwise.com) und das Co-Brand eReader (www.ereader.com: „ebooks for your iPhone, Windows Mobile Pocket PC, …“) anbieten. Was hat der stationäre Buchhandel vom E-Book Angebot von Libri, wo es heißt: „eine große Auswahl an Bestsellern…“ und „mehrere Tausend Titel zum Download…“ oder gar libreka!, wo „ab 12. März die ersten E-Books gekauft werden“ können?
Es könnte also sehr gut sein, dass die „Revolution des Buches“ für den Buchhandel ins Wasser fällt, bevor sie richtig begonnen hat. Denn der stationäre Buchhandel kann zwar E-Book-Reader verkaufen, aber keine Inhalte dafür. Sicher ist heute jedoch schon eins: Alle Beteiligten an diesem großen E-Book-Hype haben die Rechnung ohne den Wirt, das Web und Stanza, gemacht.
Gewinner wird es trotzdem geben. Dass es der stationäre Buchhandel sein wird, müssen wir, auch wenn das schmerzt, bezweifeln.
Zu lernen wäre von jemanden wie Christoph Kaufmann aus Berlin. Der gelernte Buchhändler betreibt seit 2006 die Website beam (www.beam-ebooks.de), die sich ganz auf E-Book-Texte konzentriert. Gerade mal mit acht Titeln gestartet, hat Kaufmann inzwischen über 10 000 deutsche E-Bücher im Angebot, übrigens auch für das iPhone, dank Stanza. Sein Wachstum, sagt er, sei stetig, und trotzdem hält er den Hype, den es gerade ums E-Book gibt, für übertrieben. „Der Buchmarkt wird durch das E-Book nicht revolutioniert werden“, sagt er und empfiehlt eine pragmatische Sicht auf den Markt. Vom Untergang des Printsmedium seien wir weit entfernt: „Ich würde das am ehesten mit der Einführung des Taschenbuchs vergleichen.“
Ein treffender Vergleich. Und ein Buchhändler, der zu den Gewinnern des E-Book-Hypes zählen wird, einfach, weil er sich in die Web-Welt eingearbeitet hat.
Stefan Becht
Mail: stefan@stefanbecht.de