Das mailt eben KiWi – Vertriebsleiter Reinhold Joppich zum letzten mal vom Schreibtisch am alten Platz – der Verlag zieht in diesen Tagen um [mehr…]:

„Tränen und Wehmut
begleiten mich“
– ein kleines Stück Verlags-und Buchhandelsgeschichte]
Heute ist mein letzter Tag in der Villa, Rondorfer Strasse 5 in Marienburg. Morgen fahre ich nach Berlin zu den Buchhändlertagen. Darum geht der wirkliche große Umzug an mir vorbei.
Wenn ich aus Berlin zurückkehre, verlasse ich den HBF in Köln und falle den Bahnhofsplatz überquerend direkt im mein neues Büro.
Großartig, viel mehr Platz, geniale Lage.
Aber ein paar Tränen und Wehmut begleiten mich. Wie ein Film laufen die vielen Jahre

in der Villa vor mir ab. Meine erste Vertreterkonferenz im April 1984. Zu Gast war Uwe Timm , der aus seiner Novelle „Der Mann auf dem Hochrad“ vorlas. Auf Anhieb verstanden wir uns und bis heute verbindet uns eine enge Freundschaft. Damals arbeiteten nur 22 Menschen unter der Leitung von Reinhold Neven und Heinz Biehn im Verlag.
Wir waren zu zweit im Vertrieb, Werbung mit Kalle Giese, Pressestelle nur halbtags besetzt. Ulla Brümmer und Gaby Callenberg kamen im Oktober 85 bzw. Januar 86.
Heinrich Böll, ausgestattet mit einer Stange Camel, stellte uns im April 85 auf der V-Konferenz sein letztes Werk vor „Frauen vor Flusslandschaft“, beeindruckend und liebenswürdig, dieser wunderbare Mensch, der dann viel zu früh am 16.7.85 starb. Die vielen Zigaretten hatten ihn getötet. Gleich stiegen die Vormerkungen um das doppelte an und wir verkauften bis zum 31.12.85 250.000 Exemplare.
Buchhändler aus Bayern erhöhten ihre Vormerker von 2 Exemplaren auf eine Partie mit dem Kommentar „Gott sei Dank, ein Kommunist weniger!“ Leider verriet mir unser damaliger Vertreter die Namen nicht. Nicht ein Buch mehr hätten sie von mir aus unserem Verlagsprogramm bekommen. Eine widerliche Beleidigung gegen den Humanisten, der 1968 im Kofferraum Dissidenten aus Prag nach Deutschland geschleust hat.
Der Höhepunkt 1985 war dann das Buch meines Freundes Günter Wallraff „Ganz Unten.“ Erstverkaufstag 26.Oktober 1985. Bis zum 31.12.1985 haben wir dann zu zweit 1,8 Mill. Exemplare verkauft mit der tatkräftigen Unterstützung unserer Vertreter und des Buchhandels. Insgesamt haben wir bis heute 4 Millionen verkauft. Über 200 Lesungen habe ich für Günter organisiert, war bei etlichen dabei, aufregend und faszinierend. Vergangenen Samstag hat mir Günter Wallraff noch versprochen, dass im Frühjahr 09 sein neues Buch kommt. „Schöne, neue Arbeitswelt“. Großartig das er mit 65 Jahren wieder aktiv ist, in der Abgründe der deutschen Gesellschaft eingetaucht ist.
Ich könnte noch von vielen Ereignissen aus der Villa erzählen, über Kolleginnen und Kollegen, die Kiwi-Familie, über Autoren und Autorinnen, rauschende Feste mit Buchhändlern, Journalisten und Branchenkollegen.
Das würde aber den Rahmen sprengen. Eine ist noch besonders in meinem Herzen, die wunderbare und großartige Frau und Autorin, Franca Magnani, mit der mich eine innige Freundschaft verband bis zu ihrem viel zu frühen Tod am 28. Oktober 1996. Vier Tage durfte ich an ihrem Sterbelager in Rom verbringen. Sie starb so tapfer und würdevoll, wodurch ich selbst ein anderes Verhältnis zum Tod gewonnen habe. Franca Magnani lebt aber weiter in ihren Büchern, die ich mit ihren Kindern aus dem Nachlass herausgegeben habe und aus denen ich immer noch bei meiner „Serata italiana“ vortrage.
Jetzt geht es mit Elan, Begeisterung und Leidenschaft ins neue Verlagsgebäude. Auf zu neuen Taten mit vielen guten Büchern, faszinierenden Autoren/innen und ganzen Kiwi-Familie. Auf die letzten sechs Berufsjahre freue ich mich ganz besonders.







