
(Copyright Claassen)
Der Landesverband Bayern des Börsenvereins und die Landeshauptstadt München verleihen dem bei Claassen erschienenen Buch „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher 1935-44“ von Mihail Sebastian den Geschwister-Scholl-Preis 2006.
Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, jährlich ein Buch auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt, das geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.
Der Preis, der in diesem Jahr zum 27. Mal vergebenen wird, ist mit 10.000,- Euro dotiert. Verliehen wird der Preis bei einem Festakt am 20. November 2006, 19.00 Uhr, in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität, Geschwister-Scholl-Platz 1, in München.
Der Jury unter dem Vorsitz von Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V., und Kulturreferentin Prof. Dr. Dr. Lydia Hartl, gehörten an: Christoph Buchwald (Verleger und Hochschullehrer), Sabine Dultz (Münchner Merkur, Feuilleton), Dr. Ingeborg Harms (Publizistin und Literaturkritikerin), Dr. Dieter Heß (Bayerischer Rundfunk), Prof. Dr. Hans Günter Hockerts (Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Universität München), Dr. Petra Kipphoff (Die Zeit), Dr. Gustav Seibt (Historiker und Publizist), Gitta Severloh (Hessischer Rundfunk) und Sabine Zaplin (Schriftstellerin).
Zur Begründung der Jury
Die Tagebücher des rumänisch-jüdischen Schriftstellers Mihail Sebastian spiegeln exemplarisch das Drama des rasanten Verfalls demokratischer Strukturen und zivilisierter Sitten wider. Sebastian war gerade 27 Jahre alt, als er begann, in einem bereits antisemitisch grundierten Land seine Reflexionen zu den aktuellen Zeitläufen zu notieren. Die deutsch-rumänische Allianz führte dann zu Kriegszeiten auch in Rumänien von der allmählichen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung bis zu deren Vernichtung in den Todeslagern des Ostens.
Mihail Sebastians besonderes Drama bestand in seiner langjährigen Freundschaft zu rumänischen Schriftstellern, die sich in der Krise antisemitisch gerierten und auf die Seite der faschistischen Eisernen Garde wechselten. Seine Überlebensstrategie bestand in wacher Beobachtung und vielfältiger Reflexion, über die dieses Tagebuch ein schonungsloses Protokoll führt.
Für heutige Leser bilden seine Aufzeichnungen sowohl ein „journal intime“ als auch ein Kriegstagebuch und eine Chronik des alltäglichen Schreckens, in der nationalsozialistische Verfolgung und rumänische Kollaboration zusammenwirkten.
Sein spät entdecktes Werk gibt dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse. Es ist ein eindringliches Plädoyer gegen Ultranationalismus, Antisemitismus und Terrorismus. Am Ende mündet es in die Erkenntnis, „wie einfach es doch ist, aus einem Menschen eine Bestie zu machen“. Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt verteidigt Mihail Sebastian die Idee der Freiheit als Grundbedingung der Humanität:
„Das Einzige, wonach wir uns gesehnt haben“, notierte er gegen Ende seines Leidenswegs, „war die Freiheit. Nicht eine neue Definition der Freiheit, sondern die Freiheit. Nach so vielen Jahren des Terrors haben wir es nicht mehr nötig, dass man uns erklärt, was Freiheit ist. Das wissen wir schon selbst. Keine Floskel kann sie ersetzen.“