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Thomas Böhm: Darf man Insekten mit Büchern erschlagen?

Sie kennen das: Zuerst wird ihre Lektüreruhe durch ein nervtötendes Summen gestört, dann erdreistet sich das dumme Summinsekt auch noch, vor ihrer Nase herumzufliegen. Schon ist die Mordlust geweckt, das Buch in der Hand stachelt zur Affekttat an. Nur: Darf man das? Insekten mit Büchern erschlagen? Sofort vermischen sich moralische, praktische und ästhetische Argumente, fallen einem Geschichten, Kontexte, philosophische Exempel ein.

Es kommt zunächst auf die Gefährlichkeit des Insektes an. Ein Buch von Ulrich Wickert gegen eine Schwarze Witwe einzusetzen – sicher kein Problem.

Aber natürlich spielen auch Schönheit und Alter des Buches eine Rolle. Dürfte man eine Gutenbergbibel Typ 42b, eines der kostbarsten Bücher der Welt, gegen eine schwarzgraue Stubenfliege oder selbst gegen die Schwarze-Wickert-Witwe in Stellung bringen? Wohl nicht.

Anderseits steht in der Bibel, daß der Mensch sich die Tiere Untertan machen soll – also ist es schon besonders dreist von der Fliege, ausgerechnet beim Lesen der Bibel zu stören.

Natürlich eignen sich Druckerzeugnisse aus den späteren Jahrhunderten weitaus besser zur Insektenjagd. Zeitungen reichen, da von größerem Format, weiter; über den unschönen Fleck in den Spalten des Feuilletons tröstet die Gewißheit hinweg, daß es schon morgen wieder ein neues gibt. Was aber tun, wenn man nichts so Kurzlebiges griffbereit hat? Fliegenklatschen scheiden aus, weil in einem humanistischen Haushalt keine Mordinstrumente herumliegen. Auch die nackte Hand kommt nicht in Frage, weil ungewiß ist, was der zermalmte Insektenleib an Viren und Bakterien ausscheidet.
Bleibt also nur noch das Buch. Abzuraten ist vom direkten Schlag mit der Buchoberfläche, da die Gefahr besteht, daß Schwung wie Durchschlagkraft des Hiebes falsch berechnet werden und mit dem Insekt gleich dessen letzter Aufenthaltsort; die Fensterscheibe, das Nasenbein, die Tapete zuschaden kommt.

Vielmehr ist eine Technik angeraten, die angeblich schon im Mittelalter von Klosterschreibern verwandt wurde. Man wartet, bis sich das Insekt in das geöffnete Buch setzt… und schlägt es dann blitzschnell zu. Es gibt Theorien, wonach die Insekten durch die Buchstaben, die sie für Schatten von Artgenossen halten, so abgelenkt sind, daß sie die Falle zu spät bemerken. Eine daran anschließende, zynische Lesart besagt, daß der buchzerstampfte Körper selbst ein Zeichen in den Zeilen wird, ein Symbol für die Lebensverleugnung der Literatur, die Dialektik der Aufklärung, etc.

In jedem Fall herrscht nach dieser Hinrichtung wieder Ruhe, man kann etwas hoffentlich Gutes glücklich weiterlesen und muß nur für eine Sekunde den Gedanken unterdrücken, daß es irgendwo ein Buch gibt, in das solche Morde eingetragen werden.

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

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