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„Meine größtenteils weibliche Leser:innenschaft liebt ihre Buchhandlung“

Ivonne Keller (Foto: Antje Backwinkel)

Die Autorin Stina Jensen publiziert seit 11 Jahren unter diesem und unter ihrem Klarnamen Ivonne Keller bei tolino media und feiert in diesem Jahr das 10 jährige-Jubiläum ihrer „INSELfarben“-Reihe. Wir haben Sie gefragt, wie sich der Selfpublishing-Markt aus Autor:innen-Sicht seit ihrem Start verändert hat.

BuchMarkt: Was war damals Ihre größte Motivation, den Weg des Selfpublishings einzuschlagen?

Ivonne Keller: Die größte Motivation war zunächst rein wirtschaftlicher Natur. Ich hatte als Verlagsautorin in einem deutschen Publikumsverlag drei Romane veröffentlicht, die als sogenannte Umfeldtitel im Verlagsprogramm mitliefen. Die Vorschüsse und Tantiemen waren ernüchternd. Der Traum, irgendwann vom Schreiben leben zu können, lag in weiter Ferne. Das hieß für mich im Alltag und als Mutter von drei Kindern, neben meinem Teilzeitbrotjob in jeder freien Minute zu schreiben. Also auch abends, am Wochenende und im Urlaub. Das war zum einen auf Dauer nicht gut mit meinem Familienleben zu vereinbaren und ging mir außerdem gesundheitlich an die Substanz. Mein Frust war groß, und als ich auf verschiedenen Buchmessen Selfpublisher:innen kennenlernte, die darin ziemlich erfolgreich waren, habe ich darüber nachgedacht, ob es nicht eine echte Alternative zur Veröffentlichung in einem Verlag sein könnte. Der Zufall wollte es, dass es in der Unternehmensberatung, bei der ich damals beschäftigt war, einen strukturellen Umbruch gab. Den wollte ich nicht mittragen. Stattdessen habe ich gekündigt, einen weiteren Verlagsvertrag abgelehnt und mich voll dem Selfpublishing gewidmet.

Als Sie vor elf Jahren mit dem Selfpublishing begonnen haben, war der Markt noch ein anderer. Welche Entwicklungen haben Sie in dieser Zeit als besonders prägend erlebt?

Anfangs hatte Selfpublishing noch den Ruf, eine Verzweiflungstat von Autorinnen zu sein, die keinen Verlag gefunden hatten. Außerdem gab es neben wenigen anderen Distributoren nur KDP von Amazon. Damals war es auch noch allgemein üblich, E-Books zum Einstiegspreis von 99 Cent anzubieten, um durch hohe Verkaufszahlen Sichtbarkeit zu erlangen. Mir hat das von Anfang an missfallen. Als der tolino-Reader auf den Markt kam und schließlich tolino media eine eigene Plattform eröffnete, über die man als Selfpublisher auch in die Online-Shops außerhalb von Amazon gelangen konnte, war ich bei den Allerersten. Auch Corona war insofern eine Zäsur, da der E-Book-Markt boomte. In dieser Zeit habe ich die besten Umsätze erzielt.

Hat sich aus Ihrer Sicht auch die Wahrnehmung von Selfpublisher:innen innerhalb der Buchbranche verändert?

Dass weniger Verlage Debütant:innen aufnehmen und selbst die Vorschüsse etablierter Autor:innen immer magerer werden, hat sicher auch damit zu tun, weshalb mehr Schreibende ihr Glück im Selfpublishing versuchen. Daher ist es heute keine Nische mehr, sondern ein fester Bestandteil der Branche. Einige Verlage sprechen schon länger auch gezielt erfolgreiche Selfpublisher:innen an. Im Gespräch mit Verlagsautor:innen herrschen dennoch oft die altbekannten Vorbehalte. Seit der Einführung von KI kommt die Befürchtung hinzu, Selfpublisher würden nun ihre Romane mithilfe von KI schreiben und den Markt damit überschwemmen. Andere hingegen haben Respekt vor dem ganzen Drumherum, das ihnen der Verlag abnimmt bzw. abnehmen sollte und schrecken deshalb vor Selfpublishing zurück. Grundsätzlich scheinen aber alle verstanden zu haben, dass es eine echte Alternative zur Verlagsveröffentlichung ist.

Welche Rolle spielen heute Professionalität, strategisches Marketing und Community-Aufbau im Vergleich zu Ihren Anfangsjahren?

Von Anfang an habe ich den Fokus auf die Professionalität meiner Bücher gelegt. Bezahltes Lektorat und Korrektorat sowie ein professionelles Cover gehörten für mich von Stunde eins an dazu. Natürlich habe ich auch mal falsche Entscheidungen getroffen, aus denen ich gelernt habe. Einen Winterroman im Sommer zu veröffentlichen, ist beispielsweise keine gute Idee. Meine Marketingmaßnahmen sind inzwischen strategischer geworden, vor allem die Zahl meiner Newsletterabonnent:innen wächst stetig durch gezielte Aktionen. Ich arbeite mit festen, aber auch wechselnden Testleserinnen und Bloggerinnen zusammen, die in den ersten Tagen einer Veröffentlichung erheblich zu meiner Sichtbarkeit beitragen. Auch das habe ich erst im Laufe der Jahre gelernt.

Sie veröffentlichen sowohl unter dem Namen Stina Jensen als auch unter Ihrem Klarnamen Ivonne Keller. Wie unterscheiden sich diese beiden Autorinnen für Sie persönlich und kreativ und warum haben Sie sich für ein Pseudonym entschieden?

Unter meinem Klarnamen veröffentliche ich inzwischen ausschließlich Kurzkrimis in Verlagsanthologien. Ursprünglich habe ich mit Spannungsromanen angefangen, ehe ich ins Wohlfühlromangenre gewechselt bin. Durch diesen Genrewechsel kam auch die Wahl des Pseudonyms zustande. Ich wollte meine Stammleser:innen aus dem Spannungsgenre nicht verwirren und suchte außerdem gezielt nach einem nordisch klingenden Pseudonym, da mein erster Inselroman an der Nordsee spielte. Als Ivonne Keller schreibe ich über menschliche Abgründe, die zum Schlimmsten führen; als Stina Jensen über persönliche Krisen mit Aussicht auf ein Happy End.

Gibt es Entscheidungen in Ihrer Karriere, die rückblickend besonders entscheidend für Ihren Erfolg waren?

Als der tolino e-Reader auf den Markt kam, habe ich für mich sofort erkannt, dass Leserinnen, die diese Reader in ihrer örtlichen Buchhandlung kaufen, meine Zielgruppe sind. Meine größtenteils weibliche Leserschaft liebt ihre Buchhandlung und konsumiert nicht nur Geschichten, sie genießt sie, nimmt sich Zeit zum Lesen und ist auch bereit, mehr Geld für ein E-Book auszugeben. Es war genau die richtige Entscheidung, tolino media als Distributor zu wählen, meine dortigen E-Book-Umsätze machen achtzig Prozent meiner Einnahmen aus. Für mich war es sinnvoll, sich breiter aufzustellen und nicht nur vom vermeintlichen Marktführer abhängig zu sein.

Wenn Sie heute einer Autorin oder einem Autor am Anfang des Selfpublishing-Wegs einen Rat geben könnten – welcher wäre das?

Kenne deine Zielgruppe. Visualisiere deine Leserschaft. Wende dich mit deiner Geschichte an sie und schreibe dich in ihr Herz.

Worauf dürfen sich Ihre Leser:innen und die Branche in Zukunft freuen? Gibt es neue Projekte, Genres oder Ideen, die Sie reizen?

Gerade ist mit INSELblueberry der 10. Teil meiner INSELfarben-Reihe erschienen. Erstmalig entführe ich meine Leser:innen außerhalb Europas nach Long Island in den USA. Ab Juli schreibe ich am 10. Teil meiner Winterknistern-Reihe, der Ende Oktober erscheint. Bisher kenne ich weder die Protagonistin noch das Setting, beides überlege ich mir in den nächsten Wochen. Seit letztem Jahr verfasse ich auch eine Romanreihe mit meiner Kollegin Hannah Juli. Wir kennen und schätzen einander schon lange und wollten gern ausprobieren, ob so eine Zusammenarbeit funktionieren könnte. Wir ergänzen uns perfekt, das gemeinsame Schreiben macht riesigen Spaß. Nächstes Frühjahr erscheint schon der dritte Teil unserer Meerglück-Reihe. Die Ideen gehen mir jedenfalls nicht aus.

Die Fragen stellte Hanna Schönberg

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