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Heute in der „Welt“: „Spaltung der Schriftsprache“ – Forschungsgruppe Deutsche Sprache rechnet mit der Rechtschreibreform ab

„Fünf Jahre nach Einführung der Rechtschreibreform an den Schulen hat die vor einem Jahr gegründete Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) die deutschen Kultuspolitiker aufgefordert, die Mannheimer Rechtschreibkommission abzuberufen. In einem offenen Brief erklärte der Vorsitzende Reinhard Markner, die deutsche Sprache habe das „Experiment“ Rechtschreibreform nicht unbeschädigt überstanden. Die Fehlerquote sei nicht gesenkt, sondern „nachweislich“ erhöht worden. Gleichzeitig habe die Reform zu einer „Spaltung der Schriftsprache“ geführt. Dem Beirat der Forschungsgruppe gehören so bekannte Persönlichkeiten wie Gertrud Höhler, Reiner Kunze, Walter Kempowski, Adolph Muschg, Herbert Rosendorfer, Friedhelm Kemp und Wieland Schmied an.
In seiner Erklärung verweist Markner darauf, dass selbst namhafte Kultuspolitiker, die die Reform zunächst begrüßt hätten, diese jetzt ablehnten. So habe einer der Hauptverantwortlichen für die politische Durchsetzung der Reform, der frühere Kultusminister von Bayern, Hans Zehetmair (CSU), erst unlängst öffentlich eingestanden: „Aus heutiger Sicht . . . würde ich die Sache heute ganz zum Scheitern bringen. Wir hätten die Rechtschreibreform nicht machen sollen. Ich sage: Politik, Hände weg von einer Rechtschreibreform!“
Derselben Forderung schließt sich auch die Forschungsgruppe an. Die Reform sei „obrigkeitsstaatlich . . . an den Parlamenten vorbei und gegen den in Volksentscheiden und zahlreichen Repräsentativumfragen artikulierten Willen der Mehrheit“ durchgesetzt worden. Aber die Sprache unterstehe nicht der Verfügungsgewalt des Staates. Sie bedürfe keiner Regelung durch Erlasse. Eine ähnlich vernichtende Bilanz zieht in einer getrennten Erklärung der Initiator des Volksbegehrens gegen die Rechtschreibreform in Schleswig-Holstein, der Verleger Matthias Dräger. Die Rechtschreibung in Deutschland, Österreich und der Schweiz sei heute „so uneinheitlich wie nie zuvor“, obwohl das Gegenteil versprochen worden sei. Außerdem sei das Erlernen der korrekten Schreibweise nicht etwa erleichtert, sondern erheblich erschwert worden. Nach einer Untersuchung an der Universität Mainz müssten 1106 Anwendungsbestimmungen und 105 Wörterlisten (Ausnahmen von den Regeln) beachtet werden. Dräger: „Dadurch wurde die Rechtschreibung derart verkompliziert, dass heute ohne den Gebrauch eines Wörterbuchs niemand mehr ,korrekt“ im Sinne der Rechtschreibreform schreiben kann. Zudem müssten Schüler in ihren Unterrichtsmaterialien sowohl mit herkömmlicher wie mit neuer Rechtschreibung umgehen – ein Missstand, der für Studierende auf unabsehbare Zeit bestehen bleiben werde, da 95 Prozent des gesamten Schriftgutes in traditioneller Rechtschreibung abgefasst seien. Auch Dräger richtet die Hauptkritik gegen die Mannheimer Rechtschreibkommission, die seit Einführung der Reform vor fünf Jahren ergebnislos an einer Reform der Reform arbeitet: „Die Kultusminister selbst wollten eigentlich nie eine Reform, sie sind von der Reformkommission übertölpelt worden.“
Doch inzwischen habe die Kommission selbst bereits den Rückzug eingeleitet. Wenn ihr langjähriger Vorsitzender Gerhard Augst nun verkünde, zahlreiche „alte“ Schreibweisen wie „gewinnbringend“, „besorgniserregend“ und „Schwarzes Brett“ könnten wieder „amtlich zugelassen“ werden, sei dies eine Bankrotterklärung: „Die Reformer bestätigen damit die frühe Kritik ihrer Gegner, dass man langfristig die eingebürgerten Schreibweisen nicht entbehren kann.“ Dieser Prozess, so prophezeit der Verleger, werde Jahre und Jahrzehnte so weitergehen, bis man, „mit der Hypothek einer fehlerträchtigen ß-Regelung und um einige Duden-Ausgaben reicher und zig Euro ärmer, ziemlich da wieder angekommen sein wird, wo man 1996 einmal gewesen ist“.
Dankwart Guratzsch

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