Danach fragen Kunden Umgeblättert heute: „Eine brutale Abrechnung mit Deutschland“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

 

„Mit parentaler Komik“: Rachel Cusk ist eine weltberühmte Schriftstellerin und eine brillante Essayistin: Das beweist ihre nun auf Deutsch erschienene Aufsatzsammlung Coventry. „Immer geht Cusk von persönlichen Er­fahrungen aus und spielt sie mit ebenso beiläufiger wie eindringlicher Gedankenschärfe ins Allgemeingültige hinüber. Durch den hohen Anteil an Reflexion haben ihre Romane etwas Essayistisches; ihre Essays besitzen im Gegenzug erzählerische Qualitäten.“

  • Rachel Cusk, Coventry. Essays (aus dem Englischen von Eva Bonné;  Suhrkamp Verlag)

„Wahrheit ist doch keine echte Option“: Kein Klischee wird hier verschwendet. Moritz Hürtgen, Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ hat mit Der Boulevard des Schreckens eine bitterböse Medienfarce verfasst. „Der Roman lebt in erster Linie von Hürtgens beißendem Humor bei der De­nunzierung seiner Hauptfigur als Naivling (…). Und obwohl man den Namen der überregionalen Zeitung, für die Martin tätig ist, nie erfährt, kann man sich denken, welche Tageszeitung der ‚Titanic‘-Chefredakteur beim Schreiben im Auge hatte. Auf seine bizarren Figuren und die phantastischen Elemente muss man sich einlassen. Wer dazu bereit ist, wird manches Schöne auf dem Boulevard des Schreckens entdecken.“

  • Moritz Hürtgen, Der Boulevard des Schreckens. Roman. (Kunstmann Verlag)

„Der Überlebende vor einem Gericht der Ehemaligen“: Einblicke in die deutsche Nachkriegszeit: Hans-Hermann Klare zeichnet den Lebensweg von Philipp Auerbach nach. „In der nun erschienenen Biographie Auerbachs von Hans-Hermann Klare werden zahlreiche solcher schockierenden Zitate, darunter auch aus an Auerbach gerichteten Drohbriefen, zusammengetragen, um das gesellschaftliche Klima anzuzeigen, in dem der Prozess gegen den einstigen bayerischen ‚Staatskommissar für rassisch, politisch und religiös Verfolgte‘ stattfand. So gelingt Klare, der für sein Werk mehr als dreißig Archive in aller Welt konsultiert und die beiden Töchter Auerbachs interviewt hat, zugleich eine Studie der deutschen Nachkriegszeit.“

  • Hans-Hermann Klare, Auerbach. Eine jüdisch-deutsche Tragödie oder Wie Antisemitismus den Krieg überlebte. (Aufbau Verlag)

„Alles ist kreolisch“: Es gibt keinen Grund, die Kritik an der Idee der „Kulturellen Aneignung“ den Konservativen zu überlassen. Der Poptheoretiker Jens Balzer wagt einen skeptischen Blick von links. „Als würde Balzer der von ihm selbst gefeierten Hybridität, dem uneindeutig Schillernden doch nicht ganz über den Weg trauen, propagiert er ein schön übersichtliches, manichäisches Weltbild, in dem sich die gute von der bösen Appropriation sauber unterscheiden lässt.“

  • Jens Balzer, Ethik der Appropriation (Matthes & Seitz)

„Der Gärtner“: Martin Kordićs Jahre mit Martha ist vordergründig eine Liebesgeschichte. Eigentlich ist es eine brutale Abrechnung mit Deutschland. „Martin Kordić schildert brillant die Boshaftigkeiten der deutschen Klassengesellschaft, in der Kinder von Zuwanderern bewusst klein gemacht und ins passende Kästchen sortiert werden.“

  • Martin Kordić, Jahre mit Martha (S. Fischer Verlag)

„Von SZ-Autoren“: Das rebellische Spiel. „Die Herausgeber von Das Rebellische Spiel beleuchten die Verwicklungen am Golf, dabei geht es auch um Korruption und Menschenrechtsverletzungen. Aber der Band widmet sich auch den emanzipatorischen Kräften dieses Sports: etwa der Rolle des Fußballs bei der Unabhängigkeitsbewegung Algeriens oder dem Kampf weiblicher Fans um Zugang zu Stadien im Iran.“

  • René Wildangel (Hrsg.), Das rebellische Spiel. Die Macht des Fußball im Nahen Osten und die Katar-WM (Werkstatt-Verlag)

„Die Gespenster, die der Krieg hinterlässt“: Von den Überlebenden, von der Heimatlosigkeit: Peter Kurzecks Romanfragment Und wo mein Haus? ist ergreifend und sehr aktuell. „Kurzeck will, dass wir nicht vergessen. So hat er sein Schreiben stets verstanden: Als Arbeit gegen die Vergänglichkeit. Er wisse, dass das sinnlos sei, sagte er mir bei einem Treffen wenige Monate vor seinem Tod. Und könne es doch nicht lassen. Damit ihm genug Zeit blieb zum Schreiben, hat er sich dem Literaturbetrieb weitgehend verweigert.“

  • Peter Kurzeck, Und wo mein Haus? Roman. (Schöffling & Co.)
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