Branchentreffpunkt erstmals digital IG Belletristik und Sachbuch Jahreskonferenz „live“: „Nicht in die Kristallkugel der Branche starren, sondern die Gefahren erkennen und mit aller Energie dagegen angehen!

Nach den Grußworten von Constanze Neumann und Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs hat Alexander Skipis, der nur noch für dieses Jahr als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins wirken wird, mit seinen klaren Worten auf der online abgehaltenen Jahreskonferenz der IG Belletristik und Sachbuch gezeigt, dass er alles andere als eine lame duck ist. Was für ein Glück, dass in diesen Zeiten noch ein Mann mit analytischen, kommunikativen und pragmatischen Fähigkeiten in Frankfurt arbeitet und sein Team hinter sich weiß!

Wir können nicht länger zusehen, wie die Preisbindung zur Förderung von Marktmacht statt zu ihrer Bändigung missbraucht wird. Skipis erinnerte an das Diktum des früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert von 2011, wonach die einzige wirkliche Gefahr für die Preisbindung von der Branche selbst ausgeht. Der Bundestag hat seinerzeit das Preisbindungsgesetz einstimmig verabschiedet. Der Schutzzweck dieses Gesetzes (Erhalt der Vielfalt von Büchern, Verlagen und Buchhandlungen) droht in sein Gegenteil verkehrt zu werden. In aller Freundschaft, aber auch Bestimmtheit wird der Börsenvereins-Vorstand in ganz naher Zukunft hier Beschlüsse fassen (müssen). Denn es geht nicht um Befindlichkeiten, es steht die Existenz von Verlagen sowie von mittleren und kleinen Buchhandlungen auf dem Spiel.

Auch für die Wirtschaftlichkeit der Branche, die heutzutage ohne Nachhaltigkeit keine Zukunft hat, muss sie selbst sorgen. Wenn die Buchpreise in den letzten 20 Jahren kaum, in den letzten 10 Jahren praktisch nicht gestiegen sind, aber alle Kosten und Aufwände nach oben geschnellt sind, kann die Rechnung nicht aufgehen. 

Die Corona-Krise hat bei der Digitalisierung für einen Schub gesorgt: Die Buchbranche hat sich wacker geschlagen, wir haben 1 Million Neukunden online gewonnen – das ist, so Skipis, die Bewältigung der Gegenwart. Jetzt gelte es, die Zukunft der Digitalisierung anzugehen, die deutsche Buchbranche zum Vorreiter der Digitalisierung zu machen. Holen wir uns gute Ideengeber, um vor allem die Kommunikation, die Kundenbeziehungen und die Prozesse zu optimieren!

Die Börsenvereins-Gruppe ist gut aufgestellt, auch wenn es die Frankfurter Buchmesse schwer getroffen hat. Nach einem schmerzlichen, aber notwendigen Restrukturierungsprozess fühlt man sich jetzt gewappnet für die nächste Frankfurter Buchmesse – auch wenn wir heute noch nicht wissen können, wie genau sie ablaufen kann. 

Christian Sprang in seiner unübertroffenen Mischung von Sachverstand und Sarkasmus umschrieb die rechtlichen Minenfelder, auf denen wir stehen. »Das große Ei liegt im Nest«, d. h. die Umsetzung der EU-Urheberrechts-Richtlinie in nationales Recht muss bis zum 7. Juni 2021 erfolgen. Das Thema ist mehrfach von der Tagesordnung des Bundeskabinetts abgesetzt worden, der nächste Termin ist der 27. Januar. Es ist völlig offen, wie das Ringen innerhalb der Regierungskoalition ausgeht, ob sich die »Netzgemeinde« durchsetzt, die so viel wie möglich freigeben will, oder ob es eine Chance gibt, eine Verlegerbeteiligung an den Erträgen der VG Wort und anderer Verwertungsgesellschaften gesetzlich zu sichern.

Über die Rabattspreizung, ein ebenso unangenehmes Wort wie eine unerfreuliche Tatsache, über die ja kaum einer klare Worte verliert, ist auf Arbeitsebene mit dem Wirtschaftsministerium und der Kulturbeauftragten des Bundes gesprochen worden – dort erwartet man eine Lösung aus der Branche selbst. Auch Sprang mahnt eine baldige Vorstandsentscheidung über das weitere Vorgehen an.

Beim Kartellrecht könnte es Lichtblicke geben, indem das GWB-Digitalisierungsgesetz für das Bundeskartellamt Möglichkeiten schafft, gegen die »Super-Marktbeherrscher« wie Google, Amazon & Co. vorzugehen. Interessant ist außerdem die Option, die Interventionsgrenze nicht wie bisher bei etwa 30% Marktanteil anzusetzen, sondern deutlich niedriger, um auch bei »überlegener Marktmacht« eben frühzeitig eingreifen zu können; man denke hier an die großen Lebensmittelketten, die den Bauern mit ihren Preisdiktaten das ökonomische Leben schwer machen. Solche Ketten kennt die Buchbranche ja auch.

Die Branche braucht dringend neue Maßnahmen gegen illegale Plattformen, die mit großkriminellen Methoden unerlaubt Rechte nutzen. Der Skandal ist, dass die Piraterie-Geschädigten immer erst selbst Geld in die Hand nehmen müssen, um illegale Nutzungen abzustellen, und nicht die Justiz von selbst bei Gesetzesverstößen eingreift. Der Vertragsabschluss für eine neue Partnerschaft (nach der Insolvenz der GVU) zur Unterstützung der Verlage gegen diese Machenschaften stehe aber unmittelbar bevor.

Lob gab es für den Vorstand des Verlegerausschusses, der den Verantwortlichen des Deutschen Bibliotheksverbands klargemacht habe, dass aus dem Thema »E-Lending« ein »elend´ Ding« wird, wenn sie ersthaft erreichen wollen, dass ein einmal gekauftes E-Book von den Bibliotheken nur zu grotesk niedrigen Konditionen genutzt werden kann. Derzeit kann mit 33 Nutzungen eines E-Books derselbe Ertrag erzielt werden wie mit einer Nutzung eines gedruckten Buches. Auch hier erwarten das Bundesjustizministerium und die Bundeskulturbeauftragte eine Einigung innerhalb der Branche.

Der Grove/Atlantic-Verleger Morgan Entrekin, der sich beglückt über die zeitgleich stattfindende Vereidigung des neuen US-Präsidenten zeigte, stellte mit Andy Hunter das E-Commerce-Modell bookshop.org vor, das in den USA im Januar 2020 gestartet wurde, und dann durch die Corona-Lockdowns rasend schnell 1.000 Buchhandlungen zu Partnern machen konnte, die (in Zusammenarbeit mit dem Großhändler Ingram) genauso schnell Bücher liefert wie Amazon, das aber zugunsten des unabhängigen Buchhandels. Besonders interessant, dass man es mit einem »Affiliate«-Programm geschafft hat, durch andere Medien induzierte Buchbestellungen nicht auf Amazon zu leiten, sondern auf diese unabhängige Plattform. Große Namen wie National Geographic, New York Times, TIME, Politico und CNN Travel sind dabei.

Wir sind da ja in Deutschland so schlecht nicht aufgestellt, aber es wäre eine Branchenaufgabe, dem breiten Publikum schleunigst und nachhaltig einzuhämmern, dass die örtliche Buchhandlung für Online-Buchbestellungen mindestens genauso schnell und einfach funktioniert wie das große A.

Ulrich Störiko-Blume

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.