Marc Voltenauer über seinen Krimi "Wer hat Heidi getötet?" (Emons) „Bei Krimis interessiert es mich neben der Handlung auch, die psychologische Tiefe der Figuren auszuloten“

Mit Wer hat Heidi getötet? erscheint am 27. September bei Emons der zweite Teil der  Krimireihe des Westschweizer Autors Marc Voltenauer auf Deutsch. Seine Romane um Kommissar Andreas Auer, die im beschaulichen Alpendörfchen Gryon spielen, sind in der französischsprachigen Schweiz und in Frankreich zu Bestsellern geworden. In seinem zweiten Fall bekommt es der smarte Ermittler nicht nur mit einer ermordeten Kuh und einem russischen Auftragskiller zu tun. Anlass für Fragen:

Marc Voltenauer: „Die Fiktion bietet uns ein stellvertretendes Leben: Sie lässt uns abwechselnd in die Rolle eines Detektivs, eines Opfers und, warum nicht, eines Kriminellen schlüpfen. In diesem Sinne wirkt sie wie ein Erfahrungsmultiplikator. Sie bringt uns in Kontakt mit der Komplexität unseres eigenen Lebens und dem Leben anderer“

BuchMarkt: In Kürze erscheint der zweite Teil Ihrer Krimireihe rund um Kommissar Andreas Auer bei Emons. Muss man denn den Vorgänger gelesen haben, um alles zu verstehen?

Marc Voltenauer: Nein, nicht unbedingt. Zwar verfolgt man die Entwicklung der beiden Hauptfiguren – Inspektor Andreas Auer und sein Partner, der Journalist Mikaël Achard –, aber jeder Band ist eine in sich abgeschlossene Ermittlung.

Worum geht es nun in Wer hat Heidi getötet?

Nach Das Licht in dir ist Dunkelheit, dessen Handlung nach dem Muster der Konfrontation von Vergangenheit und Gegenwart aufgebaut war, wollte ich für den neuen Krimi die Erzählstruktur wechseln. Die neue Geschichte mit zwei Handlungssträngen aufzubauen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, bringt eine gewisse Komplexität mit sich. Aber das ist es auch, was ich spannend finde. Jeder der beiden Handlungsstränge bildet eine von zwei Realitäten ab, die in den Schweizer Alpen nebeneinander existieren. Auf der einen Seite das lokale Leben mit insbesondere der Landwirtschaft und ihren Kuhwettbewerben und auf der anderen Seite der Immobilienbereich mit seinen ausländischen Investoren, darunter auch Russen. In Wer hat Heidi getötet? treffen wir zwei zerstrittene Landwirte und den russischen Auftragskiller Litso Ice, der in dem ansonsten sehr friedlichen Dorf für Unruhe sorgt.

Was ist Ihnen besonders wichtig in Ihren Geschichten, welches Gefühl möchten Sie vermitteln?

Bei Krimis interessiert es mich neben der Handlung auch, die psychologische Tiefe der Figuren auszuloten. Ein Schlüsselelement ist die Empathie, die Fähigkeit, sich intuitiv in andere Menschen hineinzuversetzen und zu versuchen, ihre Gefühle nachzuempfinden. Wenn ich meine Protagonisten erschaffe, versuche ich also, genau das zu tun. So nehmen meine Figuren Gestalt und Leben an.

Die Fiktion bietet uns ein stellvertretendes Leben: Sie lässt uns abwechselnd in die Rolle eines Detektivs, eines Opfers und, warum nicht, eines Kriminellen schlüpfen. In diesem Sinne wirkt sie wie ein Erfahrungsmultiplikator. Sie bringt uns in Kontakt mit der Komplexität unseres eigenen Lebens und dem Leben anderer.

In einen Kriminalroman einzutauchen bedeutet, auf Entdeckungsreise zu gehen und gewöhnliche oder ungewöhnliche Charaktere zu finden, einen geografischen und kulturellen Rahmen zu erforschen, der idyllisch oder nicht idyllisch sein kann. Es bedeutet, in den Alltag einer Gesellschaft einzutauchen, in das, was sie an Idealem, aber auch an Dunklem darstellen kann.

Die Lektüre eines Krimis ist eine so besondere Erfahrung, dass sie manchmal verstörend, manchmal erfreulich sein kann, aber sie ist immer faszinierend. Man wird vom Leser zum Akteur: Wir setzen uns mit Fragen auseinander, die uns auf uns selbst zurückwerfen, sind aufgefordert Botschaften zu interpretieren und Stellung zu beziehen.

Wie kamen Sie überhaupt dazu, Bücher zu schreiben?

Eines Morgens begann ich zu schreiben. Ganz einfach. Ich lese selbst viel und fand es faszinierend, eine Geschichte aus dem Nichts zu entwerfen, beim Erzählen das Interesse des Lesers wach zu halten. Das Schreiben eines Kriminalromans war ein spontaner Akt, kein durchdachtes Projekt. Während meiner Weltreise im Jahr 2011, bei der ein Traum wahr wurde, keimte die Idee auf, ohne dass ich mir dessen wirklich bewusst war. Kurz vor Weihnachten 2012 wachte ich mitten in der Nacht auf. Ich machte mir einen Kaffee und begann, die Handlung von Das Licht in dir ist Dunkelheit in groben Zügen zu Papier zu bringen. In der nächsten Nacht ging es wieder los. Ich war selbst erstaunt über die Ressourcen meiner Vorstellungskraft. Bis zum Frühstück war der Prolog fertig und ich hatte die Hauptfiguren porträtiert. Schon bald wurde das Schreiben zu einer schmackhaften Mischung aus Lust und Notwendigkeit. Es war wie eine sanfte Droge, der ich erlegen war, ohne es zu merken. Eineinhalb Jahre nach besagtem Weihnachtsabend schrieb ich die letzte Zeile meines Romans und hatte dabei ein ambivalentes Gefühl, zwischen Zufriedenheit und einem Anflug von Melancholie, da mein Schreibrausch nun zu Ende war.

Sie haben vor Ihrer Tätigkeit als Schriftsteller in der Pharmaindustrie und im Bankwesen gearbeitet. Ist dieser Erfahrungsschatz von Vorteil und spielt entsprechend mit in die Plots hinein?

Erstaunlicherweise habe ich diese beiden beruflichen Umgebungen noch nicht in meinen Romanen verwertet. Aber meine theologischen und psychoanalytischen Ausbildungen, denen ich mich im Studium gewidmet habe, sind sehr nützlich für die Gestaltung meiner Romane. Meine Berufung zum Pfarrer war mit einem Interesse für den Menschen in seiner Gesamtheit verbunden. Seine Funktionsweise auf psychologischer Ebene. Seine spirituelle Dimension. Seine existenziellen Fragen. Und dieses Interesse finde ich wieder, wenn ich schreibe und meine Charaktere und die Interaktionen zwischen ihnen erschaffe.

Mit welchem Argument kann der Buchhändler das Buch im Laden ideal verkaufen?

Man könnte aus einer Rezension der Zeitschrift 24Heures zitieren: „Sein Thriller leiht sich von den besten amerikanischen Handwerkern den visuellen Realismus, die Detailgenauigkeit und die psychologische Tiefe, die die Nächte schlafloser machen“ oder aus dem Magazin Vigousse: „Neben seiner überbordenden Fantasie und der perfekten Beherrschung seiner eigenen Drehbücher ist dieser Bürger aus Gryon zweifellos ein hochkarätiger Porträtist. Bei ihm gibt es keine guten und keine wirklich bösen Menschen: Alles ist eine Frage der Nuancen und das ist es, was uns dazu bringt, die Seiten mit der unwiderstehlichen Lust, dem zwingenden Bedürfnis umzublättern, weiterzugehen und noch mehr zu entdecken.“

Fallen Ihnen 3 Wörter ein, die das Buch besonders gut beschreiben?

Spannung, Psychologische Tiefe und Swissness.

Wie geht’s weiter?

Ich bin gerade fertig mit meinem fünften Kriminalroman in der Reihe um Inspektor Auer, der im Herbst 2023 erscheinen wird. Nach »Wer hat Heidi getötet?« habe ich »Der Blutadler« (2019) und »Die Schützlinge der heiligen Kinga« (2020) geschrieben. Die kommen dann auch hoffentlich auf Deutsch. Außerdem habe ich drei Krimijugendbücher (ab 10 Jahren) geschrieben, von denen das erste im Februar 2023 in der Reihe »Tatort Schweiz« auf Deutsch erscheinen wird.

An welche Leserschaft richten sich Ihre Bücher?

An alle Leserinnen und Leser, die psychologische spannende und Geschichten und komplexe Figuren schätzen.

Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie dennoch gerne beantwortet?

Wenn Sie nicht in der Schweiz leben würden, wo würden Sie dann leben?

Hier können Sie das nun tun:

Definitiv in Schweden auf der Insel Gotland.

Franziska Altepost

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