Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Alexander Elspas?

Seit Nikolaustag fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2023 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Alexander Elspas (Chef der Büchergilde Gutenberg) unseren „anderen Fragebogen“: 

Alexander Elspas: „Ich denke, dass die vielerorts gesuchten Leser:innen zurückkommen, wenn sie etwas wirklich gut finden. Und darauf wollen wir weiter hinarbeiten – kreativ, überzeugend, aber nicht verbissen“

 

Welcher Tag war Ihr schönster im letzten Jahr?

Kein Tag, viel mehr eine ganze Woche: mit der Frankfurter Buchmesse im Herbst waren endlich wieder spontane Gespräche und Begegnungen vor Ort möglich – mit  langjährigen Wegbegleitern und auch mit vielen interessierten jüngeren Leserinnen und Kolleginnen, die sich an unserem Stand die imaginäre Klinke in die Hand gegeben haben. Die Freude am Buch und am Lesen zu teilen, Buchkunst gemeinsam zu erleben – das macht an dieser Arbeit doch einfach am meisten Spaß.

Worüber haben Sie sich 2022 am meisten geärgert?

Für Kim de l´Horizon, ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2022, mussten auf der Buchmesse Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Dass es Menschen gibt, die sich allein von der Existenz eines anderen Menschen offensichtlich dermaßen bedroht fühlen, dass sie offen solch einen Hass leben, ärgert mich nicht nur, es macht ich fassungslos.

Was war 2022 Ihr schönster Erfolg?

Immer mehr Menschen interessieren sich für uns als  fast 100-jährige „Institution“. Das zeigt, dass unsere kontinuierliche Arbeit an uns, unserem Programm und unserer Ausrichtung, die verschiedenen Experimente und Testballons, die wir so starten, immer noch und immer wieder funktionieren und überzeugen können.

Und Ihr traurigster Misserfolg war?

Die positiven Zahlen, die uns in den letzten zwei Jahren stabilisiert haben, konnten wir 2022 nicht erreichen. Doch was soll ich sagen – Bücher sind wunderbar und Literatur ist großartig, aber für viele Menschen eben auch ein Luxusgut. Und wenn Lebenshaltungskosten steigen, verzichtet man verständlicherweise eher auf belletristische Weltflucht. Da mache ich mir keine Illusionen.

Ihre schönste Buchhandlung im letzten Jahr?

Mit der Buchhandlung Ludwig am Leipziger Hauptbahnhof kehrt die Büchergilde endlich an den Ort ihrer Gründung zurück – und das auch noch in sehr beeindruckende Räumlichkeiten, in denen sich auch bestens auf die nächste Zugverbindung warten lässt. So kurz vor dem großen Jubiläum unserer Buchgemeinschaft fühlt sich dieser Standort ganz besonders richtig an.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?

Der vielstimmige Abgesang auf das Ende der Kultur kann im neuen Jahr gerne etwas leiser werden. Ich bin ein grundpositiver Mensch, nach meinem Empfinden gelingt Veränderung nur durch kontinuierliches Vorangehen. Im Falle der Buchbranche denke ich, dass die vielerorts gesuchten Leser:innen zurückkommen, wenn sie etwas wirklich gut finden. Und darauf wollen wir weiter hinarbeiten – kreativ, überzeugend, aber nicht verbissen.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Gerade über unsere Social Media-Kanäle erhalten wir rege Zuschriften: Von Menschen, die „schockverliebt“ sind in unsere Bücher und die, neben dieser Begeisterung, vor allem tolle Ideen und innovative Vorschlägen mitbringen. Wie andere Augen auf die Dinge blicken, die wir so machen, das ist einfach unheimlich wertvoll – diesen Dialog möchten wir verstärkt weiterführen.

Welchen Fehler aus dem letzten Jahr möchten Sie im neuen Jahr vermeiden?

Aus Fehlern und Missgeschicken, Zufällen und Überraschungen entstehen doch oftmals Chancen. Klar, einige tun dabei ziemlich weh. Ich fühle mich aber bereit, ein paar Rückschläge einzustecken, um vielleicht in einer mir bis dato völlig unbekannten Richtung Neues zu entdecken.

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?

Weiter optimistisch bleiben.

Welches Buch hat Ihnen im letzten Jahr besonders viel Freude gemacht?

Mit Erich Maria Remarque habe ich dieses Jahr einen Autor aus Schulzeiten wieder entdeckt. Remarques Prosa ist eine absolute Bereicherung und, um der Frage zu begegnen, auch Anlass zur Freude – die Themen seiner Werke Die Nacht von Lissabon oder Im Westen nichts Neues stimmen dagegen freilich eher nachdenklich. Zeitlos sein Zitat: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich ’rausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen“. Ein Pazifist, der meisterhaft von Krieg, Flucht und Exil zu erzählen weiß und gerade jetzt gelesen werden muss.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch in diesem Jahr?

Es wird himmlisch! Zurzeit entwickeln wir ein Buchprojekt zum Thema „Engel“, eine Kulturgeschichte gewissermaßen. Das berührt selbstverständlich religiöse Themen, wenn man den Ursprung dieser Figur betrachtet. Die ätherischen Wesen beflügeln aber bereits seit langer Zeit auch die Fantasie verschiedenster Akteur:innen der modernen (Pop-)Kultur, sei es Lyrik, Actionfilm oder Gothic-Ästhetik. Höchste Zeit also, sich diesem Phänomen ausführlich zu widmen.

Von wem würden Sie gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Max Frisch. Der konnte in seinem Fragebogen nämlich selbst gut Fragen stellen, aber das Antworten hat er vor allem uns überlassen …

Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie eigentlich gern beantwortet?

Warum Bücher?

Hier können Sie die auch beantworten:

Darum!

Gestern antwortete Christian von Zittwitz, morgen fragen wir Annett Brandt.

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