Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Christian von Zittwitz?

Seit Nikolaustag fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2023 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet BuchMarkt-Herausgeber Christian von Zittwitz unseren „anderen Fragebogen“: 

Christian von Zittwitz: „Mein  schönster Erfolg in diesem Jahr war, dass es gelungen ist, für BuchMarkt und meine Redaktion eine zukunftssichere Lösung zu finden. Und stolz bin ich darauf, dass alle, alle es verstanden haben. Ich habe nur Glückwünsche für den Entschluss loszulassen bekommen“ (c) T.G.

 

Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?

Ein Oktobertag in Schweden, im Wald unterwegs mit meiner Enkeltochter. Ich war glücklich, dass ich wieder die Kraft hatte, den Fußweg zum Einkaufen durch den Wald zu schaffen. Selbst den vorsorglich mitgenommenen Stock brauchten wir nur, um wilde Räuberhorden und Jaguare (die Jaguare waren übrigens Kühe, aber das wussten die nicht) abzuwehren. Froh war ich dann aber doch, dass meine Tochter mit dem Auto vor dem Supermarkt wartete.

Worüber haben Sie sich 2022 am meisten geärgert? 

Ich ärgere mich nicht mehr über Dinge, die ich nicht ändern kann. Na ja, sauer werde ich immer noch bei großartigen Absichtserklärungen, die nicht eingehalten werden.

Was war 2022 Ihr schönster Erfolg?

Dass es gelungen ist, für BuchMarkt und meine Redaktion eine zukunftssichere Lösung zu finden. Und stolz bin ich darauf, dass alle, alle es verstanden haben. Ich habe nur Glückwünsche für den Entschluss loszulassen bekommen.

Und Ihr traurigster Misserfolg war?

Das mit meiner Enkeltochter vor Ort in Schweden gegründete Detektivbüro dümpelt nach wie vor erfolglos vor sich hin. Sichtlich reicht auch außerhalb des Einzelhandels das alleinige Erkennen einer deutlichen Marktlücke nicht aus, um Erfolg zu haben. Neben der richtigen Standortwahl braucht es doch wohl auch etwas mehr Fachkenntnis als nur Begeisterung.

Ihre schönste Buchhandlung in diesem Jahr?

Nicht nur in diesem Jahr natürlich Mrs. Books, die beiden Läden meiner Tochter in Meerbusch.

Von welchem Thema wollen Sie im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Von dem verbrecherischen Krieg, den Russland gegen die Ukraine angezettelt hat.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Über die Vorschläge, für die mein Freund Herbert Ullmann seit Jahren kämpft und die er am 24. Dezember hier wiederholt hat; er begründet, warum das Buch mehr Sichtbarkeit braucht.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Ich möchte geduldiger zuhören können.

Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?

Na ja, noch bin ich optimistisch. Freunden (und auch meiner Tochter) habe ich jedenfalls mehr Redezeit – zumindest am Telefon – versprochen.

Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Das war „Das Strandbad“, der schmale Band, in dem Michael Krüger sich an seine Berliner Jugend erinnert. Das hat mich sofort gefangen genommen und nachdenklich gemacht: Was könnte ich aus meiner Jugend (beide sind wir ja fast gleich alt) berichten? Wohl nur, dass ich zwar schon in der Untersekunda auf dem Bielefelder Ratsgymnasium meine Berufung zum Zeitungsmachen entdeckt und eine Klassenzeitung verlegt hatte (was mir heute peinlich ist). Und dass ich schon früh lernte mit Promis umzugehen – Günther Jauchs erster „Millionär“ etwa war lange vor seiner dadurch ausgelösten TV-Karriere mein Nebenmann in der Klasse (ihm, Prof. Dr. Eckhard Freise, habe ich im Grunde mein schulisches Weiterkommen zu verdanken, weil ich bei ihm abschreiben konnte). Aber das war es dann. Als mein Vater (er war Gemeindepfarrer in Bielefeld) wenig später nach Düsseldorf versetzt wurde, saß ich dann die Jahre bis zum Abitur meist allein zu Hause. Es gab nix zu erleben, mein neues Gymnasium und damit meine neuen Freunde waren zu weit weg, in einem anderen Ortsteil. Ich hatte nur meine Bücher und meinen Klassenkameraden Henry Artmann, der mich mit Rowohlts Enzyklopädie an Brecht, James Joyce und Kafka und damit an eine faszinierende Bücherwelt heranführte, die mir vorher fremd war. Meine Mitschüler in der neuen Klasse in Düsseldorf aber kannten die längst aus dem Unterricht, und ich staunte, was ich da beinahe verpasst hätte. Da setzt jetzt doch meine Erinnerung ein: Jeden Abend Party in der Altstadt gab es dann endlich während meiner Lehrzeit. Damals, direkt vor der BuchMarkt-Gründung mit meinem Freund Eberhard Dickert, lernte ich zwei Verleger kennen, die mich beide durch ihre Persönlichkeit beeindruckten und mit ihrer Begeisterung für ihre Bücher ansteckten. Das waren der Econ-Gründer Erwin Barth von Wehrenalp und Joseph Melzer, der Vater meines Mitlehrlings Abraham. Ach ja, beinahe wäre Abi Gründungsredakteur von BuchMarkt geworden, weil er im Gegensatz zu mir schon verlegerische Erfahrung hatte: Mit Henryk M. Broder als Hauptautor brachte Abraham Melzer schon damals jedes Vierteljahr die Zeitschrift Kontakte für deutsch-jüdische Freundschaft heraus. Und damit war ich dann auch hautnah dabei, als Jörg Schröder nach dem Erfolg der Geschichte der O  vor der März-Gründung erstmal Joseph Melzers Ein-Mann-Verlag umkrempelte. Aber das hat er alles schon in Siegfried und in Schröder erzählt berichtet.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Ich warte auf die Aphorismen, an denen Bodo Harenberg arbeitet, mein Freund von heute und Rivale von einst.

Von wem würden Sie gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Von Barbara Laugwitz und von Susanne Cramer.

Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie eigentlich gern beantwortet?

Wie sehen Sie Ihre Rolle ab morgen nur noch als „Herausgeber“ von BuchMarkt?

Hier können Sie die auch beantworten:

Das haben wir seit Jahren geübt, ich kann mich auf eine eingespielte Redaktion verlassen. Nur wünsche ich mir, dass uns frische Ideen aus der Branche (ruhig weiter auch über mich) manchmal früher erreichen und nicht erst, wenn die Vorschau bereits in Druck ist. Wenn Sie es schaffen, aus der Routine auszubrechen und mich vorab von einer Idee zu begeistern, versuche ich, damit meine Redaktion anzustecken. Kleiner Tipp, was ich mit „Vorab“ meine:  Ein Monatsheft hat Mitte eines Vormonats Redaktionsschluss. 

Gestern antwortete Birgit Francan, morgen fragen wir Alexander Elspas.

Kommentare (2)
  1. Viel Glück, Gesundheit & Erfolg in Deinem guten Neuen Jahr 2023
    wünscht Dir Dein Allrounder vom Fuße der Zugspitze „Hörmi“!

  2. Lieber Christian,

    du hättest so viel zu erzählen, du könntest locker ein Buch damit füllen. Und ich würde es mit Begeisterung lesen! Von Herzen alles Gute für dich und deinen „Ruhe“stand und natürlich auch für deine Familie.

    Herzliche Grüße
    Christa

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