Der andere Fragebogen Wie war Ihr Jahr, Thomas Montasser?

Seit dem 6. Dezember (Nikolaustag) fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2021 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet der Literaturagent Thomas Montasser unseren „anderen“ Fragebogen: 

Thomas Montasser: „Ich bin überzeugt, dass die Buchbranche von heute sich weit weniger vom Filmbusiness unterscheidet als früher: Viele kluge und fantasievolle Köpfe wirken an einem gemeinsamen Projekt zusammen, um Menschen mitzureißen, zu bezaubern, ihnen die Augen und/oder die Herzen zu öffnen. Eigentlich sollten wir langsam beginnen, in unseren Büchern auch Credits abzudrucken, vielleicht nicht ganz so überladen wie mancher Filmabspann. Aber eben doch im Sinne einer Würdigung zumindest der wichtigsten Beteiligten. Denn gute Bücher sind nun einmal ein Gemeinschaftswerk vieler Mitwirkender“

Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?

Es war wohl eher eine schönste Stunde: Die, in der mir klar wurde, dass trotz des Pandemie-Elends unglaublich viel Schönes und Gutes geschehen ist und auch dieses Jahr ganz und gar kein verlorenes war.

Worüber haben Sie sich 2020 am meisten geärgert?

Darüber, dass in den Verlagen vor lauter Home-office anfangs vieles nicht mehr möglich war oder total chaotisch lief. Man kann das verstehen, weil unser Geschäft nun einmal eines ist, in dem Menschen zusammenwirken müssen. Aber das macht es nicht immer leichter. Man muss aber auch anerkennen, dass die allermeisten trotzdem einen tollen Job gemacht haben!

Was war 2020 Ihr schönster Erfolg?

Natürlich freuen wir uns, dass wir mit acht Spiegel-Bestsellern und etlichen anderen erfolgreichen Büchern einmal mehr ein wirklich gutes Jahr hatten. Der schönste Erfolg war aber vielleicht, dass nach acht Jahren, etlichen Produzentenwechseln und unfassbar vielen Volten und Verzögerungen endlich – und mit großem Erfolg! – die internationale Serienverfilmung von Ulrike Schweikerts „Die Erben der Nacht“ herausgekommen ist, und zwar gleich in zwei Staffeln. Dass die nächsten beiden bereits in Produktion sind, versüßt diese Freude zusätzlich.

Und Ihr traurigster Misserfolg war…?

Dass wir großartige Bücher zur Fußball-EM, zu den Passionsspielen in Oberammergau, zu den Salzburger Festspielen und zum Oktoberfest hatten, dass aber alle diese Großereignisse ganz oder teilweise ausgefallen sind.

Aber die EM und die Passion werden bekanntlich nachgeholt. Und der Roman „Oktoberfest 1900“ hatte mit der spektakulären TV-Serie, auf der er basiert, sein eigenes Großereignis im Gepäck.

Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?

Alle, die sich in der Krise was haben einfallen und nicht den Mut haben rauben lassen. Und das waren unglaublich viele! Die kleine Buchhandlung in meinem Viertel hat während des Lockdowns sogar Leute eingestellt, um die Lieferungen zu bewältigen. Sowas nötigt mir Respekt ab.

Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?

Nebelkerzenmeldungen, dass der „Umsatz“ in der Buchbranche ja sehr stabil sei und im Grunde alles bestens: Die Lebenswirklichkeit der Autoren bildet das nicht ab. Für sie ist das Frühjahr ausgefallen, ohne jemals nachgeholt zu werden. Und allen, die im Frühjahr mit Novitäten am Markt waren, ist der „Marktwert“ für die Verhandlungen des nächsten Verlagsvertrags zerstört worden. Sie werden sich auch im nächsten Jahr mit einem Bruchteil ihrer bisherigen sicheren Einkünfte zufrieden geben müssen. Es gibt ihn nicht, den „Buchmarkt“ (wenn wir mal vom gleichnamigen hochgeschätzten Magazin absehen) – der Markt der Autoren jedenfalls findet sich in den Umsatzmeldungen des Börsenvereins nicht wieder.

Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?

Über inhaltliche, programmliche Ideen der Verlage. Über außergewöhnliche Projekte, hinter denen nicht nur ein einsames Genie im Elfenbeinturm sitzt. Denn wir sind überzeugt, dass die Buchbranche von heute sich weit weniger vom Filmbusiness unterscheidet als früher: Viele kluge und fantasievolle Köpfe wirken an einem gemeinsamen Projekt zusammen, um Menschen mitzureißen, zu bezaubern, ihnen die Augen und/oder die Herzen zu öffnen. Eigentlich sollten wir langsam beginnen, in unseren Büchern auch Credits abzudrucken, vielleicht nicht ganz so überladen wie mancher Filmabspann. Aber eben doch im Sinne einer Würdigung zumindest der wichtigsten Beteiligten. Denn gute Bücher sind nun einmal ein Gemeinschaftswerk vieler Mitwirkender.

Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?

Mir Sorgen zu machen.

Und welchen Fehler werden  Sie trotzdem wiederholen?

Ach, vielleicht schaffe ich das sogar. Wenn dieses Jahr eines gezeigt hat, dann doch, dass wir ganz gut durchkommen können – trotz aller Widrigkeiten. Denn die Menschen brauchen Bücher und lieben Bücher. Das wird auch so bleiben. Machen wir also gute Bücher. Und uns weniger Sorgen. Wir wissen schließlich, wie’s geht☺

Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?

Der erste Roman, den meine Tochter angefangen hat. Sie ist zwölf. In dem Alter hab ich das auch gemacht. (Sollte mir das Sorgen vielleicht machen?) Es sind immerhin drei Kapitel entstanden. Das entspricht in etwa auch meinem damaligen Ergebnis.

Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?

Das Grundgesetz. Wie jedes Jahr. Ich würde mir wünschen, dass alle, die sich in den letzten Jahren (nicht nur seit der Pandemie) lautstark darauf berufen, es auch tief verinnerlichen und auch die Grundrechte ernst nehmen, die sie lieber nicht wahrgenommen wüssten. Vor allem sollten sie den Sinn dieser Rechte begreifen. Wenn wir in einer Gesellschaft zusammenleben, müssen wir auch als Gesellschaft zusammenwirken. Und wenn es ein Problem gibt, hilft es nicht, dass wir es leugnen. Das gilt für Fluchtelend ebenso wie für Seuchen.

Von wem würden Sie gern auch mal  die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?

Wilhelm Unverhau. Leider wurde er uns aber dieses Jahr genommen – eines der traurigsten Ereignisse 2020. Der Verlagsmann und Buchhändler Unverhau zählte vor über dreißig Jahren zu den geistigen Gründervätern unserer Agentur. Dafür sind wir ihm heute noch dankbar. Er hat uns Mut gemacht, es zu probieren. Und er war mit seinem unbestechlichen Geist und seinem geschliffenen Humor immer wieder liebevoller Kritiker und eine immerwährende Inspiration. Wir sind dankbar, dass wir zu seinen Trabanten gehören durften.

Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben,  hätten Sie gern beantwortet?

Wird der Buchmarkt überleben und wenn ja warum?

Hier können Sie die auch beantworten:

Aber ja! Warum? Keine Ahnung. Es ist ein Wunder!

Gestern antwortete Markus Klosemorgen fragen wir Klaus Kluge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ax.

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