Christian Nürnberger über sein Buch "Keine Bibel" (Thienemann) „Eine ungewöhnliche Neuinterpretation der Heiligen Schrift“

Christian Nürnberger hat Theologie studiert und als Reporter bei der Frankfurter Rundschau, als Redakteur bei Capital und als Textchef bei Hightech gearbeitet. Seit 1990 ist er freier Autor und Verfasser zahlreicher Bücher, die immer wieder mit Preise ausgezeichnet wurden und auf den Bestsellerlisten landeten. Mit Keine Bibel (Thienemann) legt er eine ungewöhnliche Neuinterpretation der Heiligen Schrift vor.
Christian Nürnberger (c) privat
BuchMarkt: Herr Nürnberger, die Weihnacht naht, man kann sich durchaus vorstellen, eine Bibel zu lesen. Aber warum sollte man Keine Bibel lesen?

Christian Nürnberger: Weil es lehrt, wie man die Bibel klüger lesen kann, als es jene frommen Evangelikalen tun, die zu 80 Prozent Donald Trump gewählt haben. Diese Trump-Wähler halten die biblischen Geschichten für Tatsachenberichte. Sie glauben wirklich, dass Gott die Erde in sechs Tagen geschaffen hat. Homosexualität gilt ihnen als Sünde. Frauen, die abtreiben, gelten als Mörderinnen.Sie leben in dem Irrtum, ihre Art, die Heilige Schrift zu lesen, sei die einzig wahre. In „Keine Bibel“ zeige ich, dass es die einzig falsche Art ist, die Bibel zu lesen.  Dafür sollten sich auch die „religiös Unmusikalischen“ interessieren, denn wir sehen ja nun, dass die „Falsch-Leser“ in den USA eine politische Macht sind, mit großem Einfluss auf die gesamte Weltpolitik. Und nicht nur dort: Überall auf der Welt – in Polen, in Ungarn, in Russland, in Israel, in islamischen Ländern – werden die heiligen Schriften für politische Zwecke missbraucht. Deshalb muss man allen Missbrauchern die heiligen Schriften entreißen und sie wieder in ihr Recht setzen. Durch eine aufgeklärte Lesart. Und nicht nur zur Weihnachtszeit.

Sie erzählen die alten Geschichten nach, aber dann unterbrechen Sie sich in Ihrem Buch immer wieder mit „Zwischenrufen“. Warum?

In der Bibel stehen Dinge, die Menschen von heute nicht mehr so ohne weiteres verstehen. Daher genügt es nicht, die Geschichten einfach nachzuerzählen und die Leserinnen und Leser damit allein zu lassen. Die Geschichte von Abraham zum Beispiel, der auf Gottes Geheiß seinen einzigen Sohn abschlachten soll – warum steht so etwas in der Bibel? Was soll das? Darauf antworte ich mit Hilfe eines „Zwischenrufs“. Die Zwischenrufe liefern Hintergrundwissen, Erklärungen, Deutungen moderner Theologie. In aller Kürze.

Ist die Bibel nach Jahrtausenden nicht langsam auserzählt?

Nein. Sie ist ja nicht nur das zentrale Buch unserer Kultur, sondern auch ein grandioses Stück Weltliteratur, die immer wieder neu gelesen werden kann. Jeder erfahrene Leser weiß doch, dass er einen Fontane-, Hesse- oder Goethe-Roman heute ganz anders liest, als er ihn vor zwanzig oder dreißig Jahren gelesen hat. Das gilt auch für den Klassiker namens Bibel. Trotz fortschreitender Erkenntnis und der im Verlauf von Jahrhunderten gemachten Erfahrungen werden wir immer wieder auf dieselben Grundfragen zurückgeworfen und müssen jeweils neue Antworten darauf suchen. Dabei sind unsere Klassiker eine unentbehrliche Hilfe.

Wenn man sich den Zustand der Welt so anschaut, dann scheint es nicht, als würde die christliche Lehre sehr viel bewirken. Was bringt Sie angesichts von Krieg, Flucht, Trump, Verschwörungstheoretikern, Brexit und so weiter dazu, die Hoffnung nicht aufzugeben?

Die erzielten Erfolge. Wir leben nicht mehr im säbelrasselnden, rassistischen, obrigkeitsstaatlichen, nationalistischen Kaiserreich, sondern in einer demokratischen Zivilgesellschaft. Frankreich ist nicht mehr unser Erbfeind, sondern unser Freund. Die Frau ist nicht mehr dem Manne untertan, sondern gleichberechtigte Partnerin. Flüchtlinge werden eingekleidet und ernährt. Niemand muss hungern bei uns, es darf keinen Armen geben. Die Presse ist frei. Politiker können abgewählt werden. Sogar in den USA, wie sich noch zeigen wird. Jeder einzelne dieser Fortschritte ist mühsam erkämpft worden und bleibend gefährdet, aber sie sind Realität. Und es gibt noch immer genügend Menschen, die für den Erhalt und die weitere Verbesserung dieser Realität zu kämpfen bereit sind.

Für wen ist Ihre „Keine Bibel“ denn hauptsächlich gedacht?

Für alle, außer für Theologen, Pfarrer, Religionslehrer. Denen erzähle ich nichts Neues. Allerdings könnten sie das Buch immerhin im Religionsunterricht verwenden. Also ist es eigentlich doch für fast alle. Nur Theologieprofessoren können darauf verzichten.

Gibt es eine biblische Erzählung, die Ihnen selbst besonders wichtig ist oder die Sie besonders geprägt hat?

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Da ist mit wenigen Worten alles gesagt.Wenn Sie eine Frohe Botschaft fürs bevorstehende Weihnachtsfest formulieren sollten, wie würde sie lauten?Die Zukunft ist offen. Wie sie wird, hängt davon ab, was wir jetzt denken, sagen, tun und unterlassen. Wenn wir uns dabei vom Geist dieses Kindes in der Krippe leiten lassen, wird es eine gute Zukunft werden.

Kommentare (1)
  1. Danke für dieses Gespräch mit Christian Nürnberger! Kein Theologe, sondern nur Germanist,Historiker und Politologe (Vorsicht: Felix Krull lässt grüßen, ich war nur 38 Jahre Lehrer dieser Fächer!) warte ich schon über 60 Jahre auf dieses Buch. Mal sehen, was der Autor zum Beispiel zum Gleichnis vom verlorenen Sohn schreibt, hoffentlich leistet er sich auch da einen Zwischenruf.
    Dieter Klug

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