Hanser-Verleger Jo Lendle über seinen Roman "Eine Art Familie" „Ich glaube in der Literatur nicht wirklich an die Idee von Zielgruppen“

Vor ein paar Tagen hat Hanser-Verleger Jo Lendle wieder einmal einen Roman veröffentlicht. Sein Buch Eine Art Familie erscheint bei bei Penguin und nicht im eigenen Programm. Auch das war Anlass für unser heutiges Autorengespräch, in dem es auch zu einer „Enthüllung“ kommt:

Jo Lendle: „Ich schreibe morgens, zum Start in den Tag. Mit ein paar neuen Manuskriptzeilen im Rücken fährt man ganz fröhlich in den Verlag“ (Foto: Jasper Bühler)

 

Das ist immer meine erste Frage: Worum geht es in Eine Art Familie?

Jo Lendle: Es ist die Geschichte von Lud und Alma – und ihrer Zeit, mit den Höhen und Tiefen, die das zwanzigste Jahrhundert mit sich brachte. Lud erforscht als Pharmakologe den Schlaf und die Frage, wie man ihn erzeugt. Alma ist ziemlich hingerissen von ihm, auch wenn sie am Ende eher als Freunde zueinander finden. Überhaupt ist es eine Geschichte der Einsamkeit – zum Glück entschließen sich einige dieser einsamen Figuren, ihr Leben miteinander zu verbringen.

Daher der Titel Eine Art Familie ?

Auf jeden Fall. Auch wenn die eigene Herkunft Lud stark prägt, kommt er mit seiner eigenen Familie nicht wirklich gut aus. Sein Bruder tritt früh in die Partei ein, weil er sich für etwas Besonderes hält. Aus genau dem gleichen Grund ist Lud ein klarer Gegner der Nazis. Wie in einem Tauziehen versuchen beide, die Mutter auf ihre Seite zu bekommen. Lud verliert. Und sucht sich eine Art Ersatzfamilie.

Wem könnte eine Buchhändlerin denn mit welchem Argument Ihren Roman am besten verkaufen?

Ich glaube in der Literatur nicht wirklich an die Idee von Zielgruppen. Ob man sich in dem Buch für die Beziehung der beiden interessiert oder für den sehr grundsätzlichen Zwist zwischen den Brüdern, ob es einem eher um Wissenschaftsgeschichte geht oder um die allmählichen Veränderungen im Fortgang eines Lebenslaufs, das mag jede und jeder selbst entscheiden.

Wie sind Sie eigentlich auf Ihre Geschichte gekommen?

Lud …

… darüber bin ich beim Lesen gestolpert. Sie erzählen im Buch, Lud sei eine Abkürzung für Ludwig, in Ihrer Familie seien solche Abkürzungen üblich. Dann kombiniere ich, Sie heißen eigentlich auch gar nicht Jo …

… ja, ich gebe es zu, das steht für Johannes, das kann ich nicht abstreiten.

Das ist ja eine Enthüllung!

Ich muss lachen, wenn sich das rumspricht. Reden wir lieber weiter über Lud.

Er war Ihr Großonkel.

Ja, und wir haben ihn in der Familie sehr verehrt, auch wenn ich selbst ihn nicht mehr kennengelernt habe, er starb kurz nach meiner Geburt. Aber er muss ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein, als Professor ebenso selbstbewusst gegenüber den Nazis wie nach dem Krieg gegenüber den neuen Machthabern in Leipzig. Bei den Recherchen wurde dieses Bild aber durchaus erschüttert.

Erschwert das nicht Ihr Schreiben ?

Es war bisweilen schwierig, aber dem Roman hat es gutgetan.

Auf welches Material konnten Sie sich denn bei Ihren Recherchen stützen?

Als Kind machten die Koffer mit seinen Tagebüchern ziemlichen Eindruck auf mich. Die standen bei uns im Keller mit der Aufschrift „Nach meinem Tode ungeöffnet verbrennen.“ Daran haben wir uns am Ende nicht gehalten.

„Zu den meisten Figuren gehört eine gewisse Prise Schwermut. Die Umstände sorgen dafür, dass sie in sich gefangen sind. Alma aber flattert über all das einfach hinweg“ (Zur Leseprobe durch Klick auf Cover)

Auch wenn Lud eine zentrale Figur ist, kam mir man beim Lesen Alma näher. Das war Ihre Absicht?

Alma ist mein Schatz. Aus irgendeinem Grund ist sie mir am engsten ans Herz gewachsen. Zu den meisten anderen Figuren gehört einfach eine gewisse Prise Schwermut. Die Umstände sorgen dafür, dass sie in sich gefangen sind. Alma aber flattert über all das einfach hinweg, ich bewundere sie dafür.

Woher nehmen Sie überhaupt die Zeit, ein Buch zu schreiben?

Ach, die Sachen, zu denen es einen drängt, kriegt man am Ende ja doch irgendwie hin. So kitschig das klingt, ich habe tatsächlich schon sehr früh immer irgendetwas mitgeschrieben. Es hilft einem, die Dinge zu fassen zu bekommen. Aber so selbstverständlich ist es tatsächlich nicht, am Ende hat es dann ja auch doch wieder ein paar Jahre gedauert. Ich schreibe morgens, zum Start in den Tag. Mit ein paar neuen Manuskriptzeilen im Rücken fährt man ganz fröhlich in den Verlag.

Warum traut sich eigentlich kein Verleger, sein Buch im eigenen Programm zu machen?

Mir erscheint die Trennung eigentlich ganz gesund. Das Lesen und das Schreiben berührt und überlagert sich ohnehin schon an so vielen Stellen, da hilft es, das wenigstens unter zwei verschiedenen Dächern zu tun. Und irgendeine Form von Hürde sollte ein Manuskript dann doch zu überspringen haben.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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