Wolfgang Ferchl (60)

Wolfgang Ferchl

Wolfgang Ferchl (Foto) wird heute 60 Jahre alt. Zum Geburtstag kommt dieses „Geburtstagstelegramm“ seines Knaus-Verlagsteams:

Lieber Wolfgang, wir gratulieren Dir sehr herzlich aus der Ferne, denn nach dem Motto „Gehen, ging, gegangen“ hast Du Deinen Koffer kurzentschlossen gepackt, um Deinen 60. Geburtstag auf Reisen zu verbringen (ob „Altes Land“ oder „Zamonien“ Dein Ziel ist, wird nicht verraten).
„Um es kurz zu machen“ senden wir die allerbesten Wünsche mit unseren Buchtiteln, denn treffender kann man es nicht sagen: „Das geniale Gedächtnis“ hast Du schon, um „Das große Los“ im „Im Labyrinth der Träumenden Bücher“ zu finden. Oft denkst Du Dir auch, „Das ist ja irre!“ oder „Wenn das man gut geht!“, aber dann sagst Du Dir: „Freiheit muss weh tun“, denn „Mainstream“ ist nicht Deine Sache. Und ziehst zu Felde gegen „Die Gefallsüchtigen“ und forderst nicht selten: „Reformiert Euch!“. Das macht vielleicht „Die deutsche Seele“ in Dir aus?

Bleib so wie Du bist – mit „Dichterliebe“ grüßt
Dein Knaus-Team

(v.l.) Stefanie Schill, Katharina Michael, Christiane Bernhardt, Claudia Vidoni,
Katrin Wurch, Susanne Klein, Britta Egetemeier, Anastasia Apostolidou

Sein Freund Andreas Horn hat dem Knaus-Verleger schon im aktuellen BuchMarkt-Heft 11/2015 gratuliert:
Ein Besessener wird 60 – ein guter Grund, mal über unseren Putsch zu schreiben: Im Frühjahr 1997 lernten wir uns kennen. Nach einigen verrückten Jahren waren wir beim Verlag mit der Fliege auf der Suche nach einem neuen Kopf fürs Programm. Ökonomisch schwierige und aufreibende Zeiten. Hohe Kreativität und Basis für viele verrückte Dinge. In dieser Phase kam Wolfgang Ferchl über eine Empfehlung ins Spiel: Programmverantwortlich für den Rotbuch Verlag bei der EVA war er und durch die Arbeit mit dem Ehepaar Groenewold den Umgang mit eigensinnigen Inhabern gewohnt. Würde er den Spagat zwischen Integrator und Häuptling in dem inzwischen verlegerlosen Haus in der Kaiserstraße schaffen?

Wer ihn kennt, weiß, dass er gerne zuspitzt, Meinungsführerschaft nicht aus dem Weg geht, beharrlich ist – nicht so leicht, in dem Sponti-Verlag der 90er, in dem alles ausdiskutiert und viel im Kollektiv entschieden wurde. Dieser neue Stil war ungewohnt, das Lektorat bekam mehr Führung, Forderungen an Herstellung und Vertrieb wurden offen formuliert, heilige Kühe angepackt: HME und Franz Greno, bislang eher wie Freischärler agierend, mussten auch mal über das Ergebnis der „schönsten Buchreihe der Welt“ sprechen.

Ferchls Durchbruch kam aber mit seiner Arbeit an Walter Moers‘ großer Wiederaneignung der Figur des Käptn Blaubär und der Zamonienwelt. Spätestens jetzt wurde wohl allen klar: Der redet nicht nur, der kann es auch. Ferchl wurde Moers‘ Lektor und ist es bis heute – über drei Verlage hinweg. An den beiden kann man ablesen, wie stark eine Autor-Lektor-Bindung werden kann – ohne diese gemeinsame Arbeit über viele Jahre wäre solch ein konsistentes Werk nicht entstanden und auch nicht ökonomisch so erfolgreich geworden.

Eichborn wuchs schnell, auch weil er damals einer der ersten Verlage war, in dem das Zusammenwirken von Programm und Marketing lebte – Ferchl trieb dazu an. Aber die schwache Kapitalisierung des Hauses führte zu dauernden Krisen, vor allem, wenn Honorare zu zahlen waren, getrieben durch viele weitere Bestseller und -projekte neben Moers: Schwanitz‘ Bildung, Sven Regener mit Herr Lehmann, Aldidente, Eichborn.Berlin, populäre „Lexika“, Merchandising …

Als die Rothschild-Bank einen großen Kredit zurückforderte, spitzte sich die Lage für den Verlag zu – Teilhaber bzw. Käufer wurden gesucht und die Achterbahn AG kam an Bord. Damit war der spätere Weg schon vorgezeichnet, denn Achterbahn hatte gerade gezeigt, dass man sich mit einem Börsengang an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann – zumindest für kurze Zeit.

Ein Börsengang braucht eine Story: Vorstand Matthias Kierzek und die Kieler waren nicht in der Lage, eine das Kapital lockende Vision zu entwickeln. Die emittierende Bank wollte mit den Menschen reden, die bislang für den Erfolg standen. So kamen wir als operative Leitung ins Spiel und entwarfen unter Ferchls Regie die Geschäftsmodelle, die aus dem Buchverlag ein Medienunternehmen machen sollten. Bekanntlich gelang im Sommer 2000 der Börsengang – und mit ihm leider auch der Beginn des Untergangs des Verlages.

Wir hatten unterschätzt, dass ein börsennotierter Verlag mit quartalsweiser Berichtspflicht stärkeren Kräften des Marktes unterworfen ist. Ein von den Kielern dominierter, planloser Aufsichtsrat und ein inhaltlich überforderter Vorstand bestimmten das Geschäft mit Blick auf die Börse und nicht auf den Kern des Verlages. Anstatt weiter Geld in Autoren, Marketing und Personal zu investieren, rann es durch so elementare Fehlentscheidungen wie Filmproduktionen oder Harry Potter-Merchandising nur so durch die Finger.

Im Spätsommer 2002 entwickelten wir drei Prokuristen – Wolfgang Ferchl, Ulrike Bettermann und Andreas Horn – einen Plan und baten den Aufsichtsratsvorsitzenden Holger Bredfeld nach Frankfurt: Der Allein-Vorstand Kierzek sollte rasch durch uns ersetzt werden. Mit auf unsere Seite war der wichtigste Autor und Aktionär des Hauses: Walter Moers. Zuerst schien es richtig zu laufen: Bredfeld signalisierte Zustimmung – ja, mit Kierzek könne es so nicht weiter gehen, das sehe er auch so. Aber nach der anberaumten Aufsichtsratssitzung hatte sich die Lage plötzlich komplett gedreht, es gab ein „Verhör“ und dann Post: Wir könnten uns gerne schriftlich um die Vorstandsposten bewerben … oder besser gehen. Kierzek und die Achterbahn-Fraktion hatten da wohl einen Pakt geschlossen. Moers‘ Druck, ohne uns nicht zu bleiben, half nicht.

Und so kam es dann auch rasch, Ferchl wurde Verleger bei Piper – man hatte schon länger um ihn geworben. Ich ging zu Campus. Ulrike Bettermann blieb noch ein paar Jahre. Matthias Kierzek konnte seine Macht mit schwachen Mit-Vorständen noch einige Jahre verlängern. Die Insolvenz kam nach langem Leid.

In solchen Zeiten entstehen tiefe Feindschaften oder eben – wie bei Ferchl und mir – enge Freundschaften. Den Geist, die Freude an der gemeinsamen Arbeit, Bücher zu machen, herum zu phantasieren, zu träumen, Erfolge und Misserfolge miteinander zu teilen, diesen Spirit unserer Eichborn-Jahre wollten wir mitnehmen und anderswo in der Art weitermachen.

Wolfgang Ferchl brachte Piper die erfolgreichsten Jahren des Verlages und entwickelt jetzt das kleine Schiff Knaus in der Random House-Gruppe unermüdlich und besessen zu seinem Verlag, mit seinen Themen, in seinem Stil und vor allem mit den Autoren, die mit ihm wachsen und gedeihen: Dörte Hansens Altes Land, wochenlang auf den Bestsellerlisten, wurde gerade zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels gewählt. Und Jenny Erpenbeck, deren erstes Buch Die Geschichte vom alten Kind als unverlangt eingesandter Text aus dem Stapel bei Eichborn gezogen wurde, stand mit ihrem neuesten Titel Gehen, ging, gegangen (jetzt bei Knaus) auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015. Erpenbeck gehörte neben Karen Duve und Sven Regener zu den Startautoren der Neugründung Eichborn.Berlin. Dort (jetzt Galiani) werkelt übrigens noch so ein besessener Ex-Eichborn-Programm-Mensch, der vielleicht ähnlich tickt wie Wolfgang Ferchl – Wolfgang Hörner, seine Geschichte wird ein andermal erzählt.

Die intensive Arbeit mit den Autoren, das Arbeiten an Plots und Texten, das stetige Nachdenken über Marketingansätze und Kommunikationsstrategien – das sind Ferchls Erfolgsparameter. Bei Licht betrachtet hat er jetzt größere Freiheiten, als wir sie seinerzeit bei Eichborn hatten. Und wie ich ihn kenne, wird er niemals aufhören, gute und verkäufliche Bücher zum Leben zu verhelfen – egal wie die Umstände gerade so sind. Venceremos!

Wer auch gratulieren möchte: wolfgang.ferchl@knaus-verlag.de

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